Alternative zu Fleisch: Mehlwürmer aus Brandenburg als Hundesnack

Flink huschen die kleinen weiß-bräunlichen Würmchen über den Handteller von Ina Henkel. Die junge Wissenschaftlerin hat keine Scheu vor den sich kringelnden Wesen. Sie hat sie schließlich aus den Larven von Mehlkäfern gezüchtet. Im Labor ihrer Firma EntoNative GmbH in Nuthetal (Potsdam-Mittelmark) gibt es Abertausende davon. Die Mehlwürmer sind das Kapital des jungen Startup-Unternehmens.

Man könnte sie auch als des Pudels Kern in einem neuartigen, auf Insektenbasis hergestellten Hundesnack namens TenePop bezeichnen, den die Potsdamerin zusammen mit ihren Kolleginnen Katrin Kühn und Sabrina Jaap entwickelt hat. In verschiedenen Mischungen aus Kartoffel und oder Reis, aus Mehlwürmern und einer Zugabe von Rosmarin bieten sie mehrere Sorten an Leckerlis an, mit denen Hundehalter ihre Vierbeiner auf gesunde Art belohnen können. „Da sind kein Fleisch und keine Zusatz- oder Konservierungsstoffe drin“, sagt Geschäftsführerin Henkel, „aber ganz viel tierisches Protein, Mineralstoffe und Vitamine.“

Sie gaben sicherer Jobs auf

Über viele Jahre hat sich die 35-Jährige als Forscherin und Lehrkraft an der Uni Potsdam mit nachhaltiger, ökologischer und auch gesunder Lebensmittelproduktion beschäftigt, die zwar auf Fleisch, aber eben nicht auf tierisches Eiweiß, Fette und Säuren verzichtet. Nun sind die drei volles Risiko gegangen, um die in der Theorie längst anerkannten Vorteile von Insektennahrung tatsächlich zunächst in den Futternapf zu bringen.

Die drei Frauen haben ihre sicheren Jobs an der Uni aufgegeben, um sich voll und ganz dem Aufbau ihrer Firma zu widmen. Ihre Idee, die aus einem Forschungsprojekt der Uni hervorging, wird immerhin von Experten als so bahnbrechend angesehen, dass sie ihr Startkapital mit einer Millionen-Förderung der Investitionsbank des Landes Brandenburg und weitere Geldgeber aufstocken konnten. Denn das gesunde Hundebonbon, das übers Internet vertrieben wird, soll nur der Anfang einer Entwicklung sein, an deren Ende das Insektenfrühstück der gesamten Hundehalter-Familie steht.

Mehlwurm-Dessert für Mopps, Dogge & Co.

„Wir glauben nicht nur an die Zukunft von Lebensmitteln auf Insektenbasis für den Menschen“, sagt Ina Henkel, „wir sind davon überzeugt, dass sie notwendig sind angesichts der rapide wachsenden Weltbevölkerung und der sich immer mehr verschärfenden Probleme der Massentierhaltung.“ Die Visionärinnen fanden auch deshalb zusammen, weil jede von ihnen bei zahlreichen Studienaufenthalten in Asien schon erfahren hatte, dass ein frittierter Wurm oder Heuschrecken durchaus lecker sein können.

Sie wissen aber auch, dass hierzulande noch einige Überzeugungsarbeit zu leisten ist, um das Bild vom Wurm als lästigen oder gar ekligen Schädling zu verändern. Deswegen ist ihr Mehlwurm-Dessert für Mopps, Dogge & Co. eine Art Testballon, mit dem sie ihr Know how entwickeln und Frauchen und Herrchen zum Umdenken bewegen wollen.

Die Frauen werden in den nächsten Monaten kräftig in ihr Labor auf dem Gelände des Instituts für Getreideverarbeitung investieren, dessen Maschinen sie derzeit mit nutzen. Sie wollen ihre Mehlwurm-Züchtung komplett von der Vermehrung der Käfer bis hin zum ausgewachsenen, knapp ein Gramm schweren und bis zu drei Zentimeter langen Wurm unter eigene Regie nehmen. „Wir setzen auf Regionalität und volle Kontrolle unserer gesamten Produktionskette“, sagt Ina Henkel.

Eigenes Catering auf Messen

Und sie setzen voll auf den Mehlwurm, den sie auch mit Biokarotten aufpäppeln, weil der in seiner Konsistenz das Beste aus Rind, Fisch und Gemüse vereine. Der Proteingehalt sei mit Rindfleisch vergleichbar, die verschiedenen Fettsäure-Klassen kämen vor allem im Fisch vor und die reichlichen Mikronährstoffe wie Magnesium und Vitamine seien sonst nur in hohen Mengen in Obst und Gemüse zu finden. So sei die Larve vom Tenebrio Molitor – vom Mehlkäfer – eine „Nährstoffbombe“, die unter wesentlich günstigeren ökologischen Parametern gezüchtet werden könne. „Der Verbrauch von Wasser und Platz ist um ein vielfaches geringer als bei der Rinderhaltung – ganz zu schweigen von der Methanbelastung der Atmosphäre“, sagt Ina Henkel.

Die steigende Nachfrage nach den Hundesnacks zeigt, dass die Würmer auch mit dem Geschmack punkten. „Es hat eine Note aus Nuss und Sesam“, sagt Ina Henkel, bei der es schon ab und zu mal eine Mehlwurm-Quiche gibt. Und so gehen die drei Botschafterinnen der Insektennahrung zu Fachkonferenzen oder Messen, präsentieren dort den Leuten ihr Probier-Catering aus Mehlwurm-Nudelsalat, „Wonderworm-Cookie“ oder Grillenbällchen.