Ohne Altkleider geht nichts in dem Ladenlokal in der Pappelallee in Prenzlauer Berg: Im Wandregal stapeln sich Stoffstücke, die aus einstigen Kleidern, Hosen oder Tischdecken gewonnen wurden. In Schraubgläsern warten Knöpfe auf eine Wiederverwendung, in Holzkisten werden ausrangierte Hemden und altmodische Jacketts aufbewahrt. Über eine dieser Kisten beugen sich an diesem Abend zwei Frauen, halten prüfend Hemden hoch und legen Schnittvorlagen darauf. Aus den Hemden sollen Kissenbezüge werden. Ihr Clou ist die Knopfleiste, die verrät: das war früher mal ein Hemd.

„Upcycling“ nennt sich das, wenn scheinbar wertlos gewordene Materialien zu höherwertigen Produkten verarbeitet werden. Wenn die alte Jeans also zum Turnbeutel umgenäht wird und nicht als Putzlappen endet. Oder aus der Lkw-Plane eine Tasche wird. Und die Europalette zum Sitzmöbel. Das 1994 erstmals „Upcycling“ genannte Wiederverwenden ist zum Geschäftsmodell geworden für Designer, Kunsthandwerker und Onlineportale.

Gespendete Nähmaschinen

Doch um Gewinn und Kommerz geht es den Frauen nicht, die sich regelmäßig zum Nähen in dem Ladenlokal in der Pappelallee treffen. Sie nähen aus Spaß und für einen guten Zweck. Aus den Alttextilien entstehen nicht nur Kissenbezüge, sondern auch Rucksäcke und Tabakbeutel, Kosmetiktäschchen und Kuscheltiere. Alle tragen das kleine Etikett „Vergiss mein nicht“. Das ist der Name dieses besonderen Nähprojektes, das es bereits seit sechs Jahren gibt.

Betrieben wird es von „youngcaritas“, so nennt sich der Ableger des Caritasverbandes des Erzbistums Berlin für das soziale Engagement junger Menschen. Sozialen Projekten der Caritas kommt auch der Erlös zugute, der durch den Verkauf der aus Altkleidern hergestellten Produkte zusammenkommt. „Unser Bestseller ist der Rucksakko, ein aus einem früheren Sakko genähter Rucksack für 20 Euro beziehungsweise 25 Euro“, sagt Anja Bauer, die das Nähprojekt leitet. Auch die Kissenhüllen für acht Euro verkauften sich gut. Rund 850 Euro seien in diesem Jahr bislang durch den Verkauf im Laden in der Pappelallee zusammengekommen, sagt die junge Frau.

Auch Firmen spenden regelmäßig

Sie hofft, dass der Verkauf der Upcyclingprodukte beim Weddingmarkt im September und beim Rixdorfer Weihnachtsmarkt eine höhere Summe bringt. Welche Suppenküche oder Obdachlosenunterkunft vom Erlös der Nähereien konkret profitiert, vermag sie nicht zu sagen. Die Summe fließe in den Gesamthaushalt der Caritas des Erzbistums Berlin ein.

Verarbeitet werden Textilien, die aus Altkleidercontainern stammen oder in Kleiderkammern abgegeben wurden und dort keine Abnehmer fanden. Aber auch Firmen, etwa ein schwedisches Möbelhaus, spende regelmäßig Stoff, sagt Anja Bauer. Geschenke von Privatleuten sind dagegen die Nähmaschinen, die auf dem Tisch in dem Ladenlokal in Prenzlauer Berg stehen. „Alle drei Wochen wird uns eine Nähmaschine angeboten. Wir können leider keine Maschine mehr annehmen“, sagt die Projektleiterin.

Meistens junge Frauen

An einer dieser Maschinen sitzt an diesem Abend die 36-jährige Judith, sie ist zum ersten Mal da. „Ich hatte Lust, Nähen zu lernen. Hier kann ich das damit verbinden, etwas Gutes zu tun“, sagt die junge Frau aus Prenzlauer Berg. Den Neuankömmlingen erklärt die Projektleiterin zunächst, wie die Nähmaschinen funktionieren. Dann probieren alle, den Faden richtig durch alle Ösen an der Maschine zu führen und den Unterfaden aus der Spule im Inneren der Maschine nach oben zu holen. Als das bei allen klappt, rattern die Nadeln auch schon probeweise durch die Stoffe. Beim nächsten Mal kann dann das erste Upcycling-Produkt in Angriff genommen werden. „Man übt sich hoch, beginnend bei den recht einfachen Kissen bis hoch zum Rucksakko“, sagt Anja Bauer.

Etwa 120 Teilnehmer habe es in den vergangenen Jahren gegeben, etwa 20 Frauen gehörten zur Stammbesatzung, die regelmäßig dienstags oder mittwochs zum Nähen kommen, erzählt die junge Frau; die meisten seien zwischen 18 und 30 Jahre alt. Für bis zu zwölf Leute sei pro Abend Platz, im Schnitt kämen zwischen vier und sieben, sagt die Projektleiterin. „Freiwillige sind herzlich willkommen, niemand muss bereits Nähen können.“ Im Winter sei die Nachfrage größer als im Sommer, ergänzt sie, und die unbesetzten Nähplätze an diesem Abend bestätigen ihre Aussage.

Die Stadtmission upcycelt auch

Die 30-jährige Tamara aus Mitte hat schon einige Nähabende besucht. Routiniert geht sie mit Stoff, Scheren und Nähmaschine um. An diesem Abend sitzt sie an einer komplizierten Tasche. Sie habe im Internet bewusst nach einem Upcycling-Projekt gesucht, an dem sie sich beteiligen könne, erzählt die junge Frau, die ursprünglich aus Venezuela stammt und seit dreieinhalb Jahren in Berlin lebt. Das Caritas-Projekt habe ihr zugesagt, weil es „nachhaltig, kreativ und caritativ“ ist.

Der katholische Verband ist im Übrigen nicht die einzige kirchliche Organisation, die auf die Idee gekommen ist, Altkleider „upzucyclen“. Die zur evangelischen Kirche gehörende Stadtmission beschäftigt seit Herbst 2013 Designer, die aus ausrangierten Kleidungsstücken neue Mode kreieren. Verkauft wurde sie in einem Laden in der Auguststraße in Mitte, der in Anlehnung an ein Bibelgleichnis „Water to wine“ hieß, also Wasser zu Wein. Ein wundervolles Geschäft wurde das zwar nicht, die Miete war bald zu teuer und der Laden wieder zu. Aber das Projekt gibt es noch: Für Firmen werden Näh-Events angeboten, in denen beispielsweise aus Pullovern Mützen gefertigt werden. Die Kopfbedeckungen sind dann in der Kleiderkammer erhältlich, woher auch die Pullover stammten. „In den Kleiderkammern werden zu 90 Prozent Frauensachen abgegeben“, erklärt die Water-to-wine-Designerin Stefanie Kenitz, „benötigt werden aber Sachen für Männer.“

Nähprojekt „Vergiss mein nicht“: Einführung für Neueinsteiger jeden ersten Dienstag im Monat von 17.30 bis 19.30 Uhr im Ladenlokal Pappelallee 62. Nähen immer mittwochs von 18 bis 21 Uhr (nur mit Voranmeldung). Zeitgleich auch in Potsdam im Projekthaus in der Rudolf-Breitscheid-Straße 164. Mehr Infos unter: www.youngcaritas.de/vergissmeinnicht