Im Mai fragte das HAU-Magazin anlässlich des Theaterprojektes „Detroit-Berlin One Circle“: „Wie hat sich deine Nachbarschaft in den letzten fünf Jahren verändert?“ Die angesprochenen Berliner Kulturschaffenden bedauerten unisono, dass so viele vertraute Gesichter aus ihrer Umgebung verschwunden seien, und auch die Betreiber der kleinen Läden sich die Mieten nicht mehr leisten könnten.

Bei mir hätte die Frage anders lauten müssen: „Wie hat sich deine Nachbarschaft verändert, nachdem du aus ihr verdrängt worden bist?“ In meinem Fall kann ich die Frage gar nicht beantworten, umfahre ich meine ehemalige Gegend doch weiträumig, weil ich schon beim Einbiegen in meine alte Straße Wutanfälle bekomme. Menschen, die zwanzig Jahre meine Nachbarn waren und noch dort wohnen, sagen, wenn sie mich treffen, dass es immer langweiliger und gleichförmiger wird, bald werden sich alle gegenseitig verwechseln, aber ich weiß nicht, ob sie das nur machen, weil sie mir nicht wehtun wollen.

Lizenz zum Gelddrucken

Ich werde nie den Moment vergessen, als meine fast 90-jährige Nachbarin weinend die Treppe herunterkam, in der Hand das Schreiben, in dem ihr mitgeteilt wurde, dass ihr wegen Eigenbedarfs gekündigt worden ist. Wollte ich mit Leuten unter einem Dach wohnen, die einer alten Frau nach 50 Jahren ihre Wohnung wegnahmen? Ich brauchte mich nicht zu entscheiden, ich flog selbst raus.

Die Sanierungen der Nachwendezeit hatten im Prenzlauer Berg in unserem Namen stattgefunden, wir hatten sogar ein bisschen demokratisch mitbestimmen können, aber zugleich bekamen die Wohnungen „Abgeschlossenheitsbescheinigungen“, die den Einzelverkauf erlaubten. Die Zerstückelung ganzer Mietshäuser in Eigentumswohnungen, teure, aber sinnlose Fassadendämmungen und eine Modernisierungsumlage von elf Prozent sind ein nach wie vor unbehindertes Geschäftsmodell, eine Lizenz zum Gelddrucken, die schnell und kaum widerruflich Fakten schafft. Wurde die Wohnung zum zweiten Mal verkauft, griff der Mieterschutz nicht mehr, waren wir Altlasten im Ziegelgold, die wegflogen wie die Armaturen, Spülbecken oder Tapeten.

Alte Leute, die am Fenster rauchen

Ich zog nach dem Rausschmiss einen Kilometer weiter hinter den Ringbahngraben. Wo ich jetzt bin, ist immer noch Prenzlauer Berg, aber die Realität dort hat mit den Zuschreibungen, die in der Öffentlichkeit seit zwanzig Jahren über den Ortsteil in Umlauf sind, nichts zu tun. Hinter der Ringbahnbrücke werden aus SUVs Kleinwagen, die Kinderwagen sind, kaum haben sie die andere Seite der Ringbahn erreicht, plötzlich billig oder gebraucht, der Kaffee ist gefiltert, das Eis kostet vierzig Cent weniger und im Spielsalon kann man bis drei Uhr sein Glück versuchen.

Es gibt alte Leute, die den ganzen Tag auf ein Kissen gestützt aus dem Fenster schauen und rauchen. Aber es gibt auch die gut gekleidete alte Frau, die am frühen Sonntagmorgen von Papierkorb zu Papierkorb zieht, um Pfandflaschen zu suchen. Es gibt den Mann, der jeden Tag einmal eine Stunde lang in Endlosschleife laut ein Lied von Herbert Grönemeyer anhören muss („Halt mich“), während sein Nachbar den Hund Gassi gehen lässt, ohne sich selbst nach unten zu begeben.

Mir gefällt das

Nur in der Prenzlauer Allee gibt es einen Beziehungscoach, der an die andere Seite erinnert, weil er in einer Remise Lachkurse anbietet. Es gibt nichts Traurigeres als Leute, die aufgefordert werden, mal alles aus sich rauszulachen. Ich muss dann immer die Fenster schließen, um nicht trübsinnig zu werden. Gibt es in den Gründerzeitvierteln eine Zweiklassengesellschaft aus Mietern und Eigentümern, ist in den Mietshäusern hinter der Ringbahn der Unterschied, ob man in der Wohnanlage eines landeseigenen Wohnungsbauunternehmens lebt oder eines renditeorientierten und börsennotierten wie der Deutschen Wohnen, erheblich.

Die Mitte der 20er-Jahre in Berlin regierenden Sozialdemokraten hatten 1924 die großartige Idee, mit einer Hauszinssteuer den sozialen Wohnungsbau anzukurbeln, um der damaligen Wohnungsnot Herr zu werden. Die Wohnungsbaugesellschaften, die die neuen Häuser auf ehemaligen Gütern oder Vorhalteflächen bauten, hatten alle ein G in ihrem Namen, einige gibt es heute noch, wie die Gewobag oder die Degewo. Das G stand für gemeinnützig.

Selbstbedienungsladen Westberlin

Die größte war die 1937 aus mehreren kleinen Wohnungsbaugesellschaften fusionierte GSW. Dazu kamen noch Genossenschaften. Für sie alle war Westberlin nach dem Krieg ein Selbstbedienungsladen, nach der Wende waren sie überschuldet und unflexibel. An dieser Stelle haben Sozialdemokraten und Linke, mit den Stimmen von CDU und FDP, in Sachen Wohnungspolitik einen Kardinalfehler begangen. 2004 verkaufte das Land Berlin das mit über 60 000 Wohnungen größte Wohnungsbauunternehmen GSW für 405 Millionen Euro an eine Investmentgesellschaft, der neben dem Whitehall Fonds von Goldman Sachs ein nach dem Höllenhund Cerberus genannter Capital Management-Investor angehörte.

Die GSW Immobilien GmbH wurde 2013 von der Deutschen Wohnen übernommen, eine Hülle ohne Rechtsbefugnis, weil sonst die Deutsche Wohnen Grunderwerbssteuer hätte zahlen müssen. Der Senat hatte nun keinen Einfluss mehr, wie noch bei der GSW. Aus „Wohnungspolitik als Sozialpolitik“ wurde „sozialverträgliches Wohnen“, was ein erheblicher Unterschied ist.

Einschüsse der Roten Armee

Ich wohne in einer sanierten Wohnanlage einer landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft, die noch ein G im Namen trägt. Ich hatte also Glück. Die Nachbarn gegenüber nicht. In ihrer einst der GSW gehörenden Siedlung ist seit der Bauzeit 1937 nicht viel passiert. Es gibt immer noch die Einschüsse aus der Zeit, als die Rote Armee auf ihrem Weg ins Regierungsviertel hier versuchte, den Verteidigungsring der Ringbahn zu überwinden. Die GSW hat den Bestand verkommen lassen, jetzt will die Deutsche Wohnen ihn aufwerten. Die Mieterinnen und Mieter kämpfen dafür, dass sie nicht über den Tisch gezogen werden.

Die Eigentümerin habe einem umfassenden Schutz der Mieter zugestimmt, heißt es. Aber jeder weiß, dass alles eine Frage der Zeit ist. Altmieter sterben, ziehen aus, vergessen die Miete zu bezahlen und fliegen, mit dem nächsten Mietvertrag lässt sich dann viel mehr Kapital herausschlagen und der Mietspiegel steigt für alle rundherum.

Morgens schon das Licht anmachen

Mit der angekündigten Verdichtung, Aufstockung und Zuriegelung des Innenhofes der Anlage, der Reduzierung eines Parks und der Aufstockung um zwei Etagen werden die städtebaulichen Prämissen der 20er-Jahre außer Kraft gesetzt, sollten doch mit den Siedlungsbauten eben gerade keine Hinterhofsituationen geschaffen werden. Der Widerstand der Politik bleibt aus, auch wenn die Dachgeschosswohnungen, die da gebaut werden, ganz sicher nicht für die sind, die ganz dringend Wohnraum brauchen.

Überall in der Stadt haben dunkle und schlecht belüftete Hinterhöfe wieder Konjunktur. Wir werden schon morgens das Licht anmachen müssen, der Wind wird ausbleiben und nachts wird der Mond nicht über die Dächer kommen.