Sabine Rennefanz
Foto: Ostkreuz/Maurice Weiss

BerlinVor einigen Tagen wollen wir zu einer Badestelle am Scharmützelsee im Südosten Berlins, die ich von früher kannte. Ganz früher war ich dort baden mit meinen Eltern und mit der Schule. Später hatten wir, mein Mann und ich, einen Kleingarten im nahen Wald, den wir nach wenigen Jahren allerdings aufgaben, nachdem die strenge Kleingartenverein-Vorsitzende, Frau Zutschini, wieder und wieder unsere mangelnde Leistungserfüllung beim Anbau von Kartoffeln und Salat sowie beim Heckenschnitt bemängelt hatte. Den Frust über die Kleingartenverordnung ertränkten wir im nahe gelegenen See, danach setzten wir uns in den Imbiss auf dem Campingplatz, wo uns ein bezopfter Jesuslatschenträger Würstchen und Bier auf den Tisch knallte. Ein paar Jahre vergingen. Ohne den Garten kamen wir seltener an den See, den sie das Märkische Meer nennen.

Als es neulich so heiß war, dachten wir an den Strand von früher und setzten uns ins Auto. Wir bogen in den Friedrich-Engels-Damm ein, so heißt die Straße parallel zum See, benannt nach dem großen Antikapitalismus-Theoretiker. Und alles sah anders aus. Kein Campingplatz, kein Imbiss, alles weggebaggert. Stattdessen war das Gelände eingezäunt, dahinter stand ein Schild: „Exklusives Refugium per See!“ Das sollte wohl witzig klingen. Per se, per See, pipapo.

Auf dem Gelände sollen 53 Wohnungen mit Penthouses entstehen, entworfen von dem britischen Stararchitekten David Chipperfield, eine Anlegestelle für 130 Boote, ein Restaurant, eine privates Spa, ein privater Park mit Erholungs- und „Erlebniszonen“. An wen richtet sich das? Wer brauchte hier ein Refugium und von wem? Vielleicht die Tesla-Chefs, die demnächst aus San Francisco ins nahe Grünheide kommen? An die Ostler aus der Gegend jedenfalls nicht, die werden höchstens auf der Baustelle und in der Küche arbeiten. Ein Gefühl von Kolonialisierung stellte sich ein.

Die Kinder hinten drängelten, wir parkten das Auto. Wir liefen den kleinen, schmalen Waldpfad hinunter, vorbei an Brombeersträuchern. Durch die Bäume öffnet sich langsam der Blick auf den See, der lag jenem Tag ganz ruhig und glatt da. Auf der Liegewiese gab es viel Platz. Viele Einheimische waren gekommen, aber auch Berliner und Russen. Wenn die Kinder nicht im Wasser tobten, kletterten sie auf den Klettergerüsten, die noch von früher dort standen. Sicher, der Strand war etwas verwildert, im Wald standen ein paar zerfallene Hütten. Aber musste man gleich eine Luxusanlage hinstellen? Wird man künftig dort noch baden dürfen, auch ohne eigenes Penthouse? 

Meine Tochter sprach im Wasser mit einem kleinen Mädchen, es stellte sich heraus, dass ihre Eltern Russen sind. Bad Saarow war auch ihr Kindheitsort, die Väter der Eltern waren als Soldaten hier stationiert gewesen. Heute leben sie in London, erzählte die Mutter des Mädchens, aber im Sommer besuchten sie die Großeltern, die in Bad Saarow geblieben sind. Ich sah auf das Wasser, den Wald und wurde wehmütig.

Ich lese in der Lokalzeitung, dass der Investor 150 Millionen Euro in das Projekt strecken will. Es ist ein Kunstsammler gebürtig aus München, er hat schon ein anderes Hochglanzprojekt in der Stadt. Der Strand soll angeblich weiter zugänglich bleiben, WCs und Duschen soll der Investor einrichten. Aber wie willkommen werden sich Einheimische fühlen? In der Lokalzeitung lese ich auch, dass alle Gemeindevertreter dem Projekt zugestimmt haben. Einstimmig. Wenn der alte Engels das wüsste!