Verkehrsdrehscheibe am Funkturm: der Zentrale Omnibusbahnhof, kurz ZOB, am Kaiserdamm in Berlin. Die grünen Fahrzeuge der Flixbus-Partnerunternehmen beherrscht das Bild. Aber auch andere Busbetreiber sind hier präsent - zum Beispiel Blablabus.
Foto: Berliner Zeitung/ Markus Wächter

BerlinDie Zeit der Rekordmeldungen dürfte fürs Erste vorbei sein. Am Berliner Busbahnhof hat der Verkehr weiter abgenommen. Im vergangenen Jahr haben rund 158.800 Busse die Anlage in Charlottenburg genutzt, sagte Petra Nelken, die Sprecherin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Das ist deutlich weniger als im Rekordjahr 2016, als 225.000 Fahrten registriert wurden. Flixbus dominiert weiterhin den Markt, auch in der deutschen Hauptstadt. Doch der in Deutschland neue Anbieter Blablabus, der Berlin seit 2019 anfährt, trumpft auf – mit Billigangeboten.

Schön ist er nicht. Aber wichtig! Der Zentrale Omnibusbahnhof (ZOB), der sich seit den 1960er-Jahren am Kaiserdamm im Westen der Stadt befindet, ist eine der wichtigsten Verkehrsanlagen in Berlin – auch wenn viele Berliner das nicht wissen. Wer keine ordentliche Zug- oder Flugverbindung zur Verfügung hat, wem die Bahn zu teuer ist, reist per Bus – und kommt im Schatten des Funkturms an. Nach Schätzungen der landeseigenen BVG, deren Tochtergesellschaft IOB die Anlage betreibt, haben im vergangenen Jahr 5,6 Millionen Fahrgäste den Busbahnhof genutzt. Auch diese Zahl liegt unter dem 2016er- Niveau, als von 6,2 Millionen Reisenden ausgegangen wurde.

Zurückgegangen ist auch die Zahl der Fahrten. 2017 steuerten 166.000 Busse den ZOB an, im Jahr darauf 164.000. Der rund 40 Millionen Euro teure Umbau, der seit rund drei Jahren im Gange ist, hat die Kapazität der Anlage deutlich verringert, so die BVG. Das vergangene Jahr war „betrieblich gesehen das anspruchsvollste Jahr, denn es standen weniger Haltestellen als in den anderen Bauphasen zur Verfügung“, sagte Petra Nelken.  Doch es gibt auch noch andere Faktoren, die den Verkehr am Berliner Busbahnhof zurückgehen ließen.

Ausdünnung des Liniennetzes könnte auch Berlin treffen

Nach der Liberalisierung des Fernbusverkehrs 2013 hatten sich die An- und Abfahrten am ZOB zunächst mehr als verdreifacht, so die BVG. 2016 begann in Deutschland jedoch eine Marktkonsolidierung, die dazu führte, dass Unternehmen aufgaben, Fernbuslinien und Fernbusfahrten wegfielen. „Die Busanbieter setzen auf eine höhere Fahrzeugauslastung“, bestätigte die BVG-Sprecherin. Zudem nutzen die Busunternehmen immer mehr Haltestellen außerhalb des Busbahnhofs. Anders als dort werden für die dezentralen Stopps keine Nutzungsgebühren berechnet. Ein weiterer Faktor: Zwar liegt der ZOB in der Nähe der Autobahn A100, ein U-und ein S-Bahnhof befinden sich in der Nähe. Trotzdem ist der Weg dorthin für viele Berliner ziemlich weit. Ein zweiter Busbahnhof für Berlin ist nicht geplant.

Flixbus nutzt außer dem Busbahnhof zwölf Haltestellen - nicht nur an großen Bahnstationen im Zentrum wie dem Ostbahnhof, sondern auch an der Peripherie. Die dezentralen Stopps in Alt-Tegel oder am S-Bahnhof Ahrensfelde sind ein Beispiel. Für die Nutzung werden keine Entgelte fällig - anders als am Südkreuz oder am ZOB, für den in diesem Jahr eine Gebührenerhöhung entsprechend der Inflationsrate geplant sei, wie BVG-Sprecherin Nelken ankündigte.

„Täglich verzeichnen wir bis zu 630 Anfahrten und ebenso viele Abfahrten von und nach Berlin“, sagte eine Flixbus-Sprecherin. Fast 500 Ziele ließen sich direkt von Berlin aus erreichen.

Allerdings untersucht der Marktführer die Lage, nachdem der Bund die Mehrwertsteuer für Fernzugtickets von 19 auf 7 Prozent gesenkt hat. Das könnte sich auch auf Berlin auswirken - mit der möglichen Folge, dass die Hauptstadt ebenfalls Direktverbindungen verliert, hieß es bei Flixbus.

"Unser Netz umfasst aktuell rund 400 Halte in Deutschland, viele davon im ländlichen Raum. Wir müssen jetzt 2020 analysieren, wie sich die gezielte Benachteiligung auf unser Geschäft auswirkt, um dann 2021 entsprechende Konsequenzen in Form von Netzstreichungen zu ziehen", teilte das Unternehmen mit. "Es ist uns sehr wichtig, vor allem dem ländlichen Raum Zugang zu erschwinglicher und grüner Mobilität zu bieten, werden aber voraussichtlich nicht um Streichungen auch in Mittel- und Kleinstädten herumkommen."

Kritik an "massiver staatlicher Unterstützung der Bahn"

"2019 waren in Deutschland über 22 Millionen Fahrgäste bei uns an Bord" - was sowohl Fernbusse als auch Fernzüge betrifft. Da Flixtrain eine steigende Zahl von Reisenden verbucht, bedeutet dies, dass "bei Flixbus die Zahlen sogar leicht zurückgegangen sind", rechnete die Flixbus-Sprecherin vor. Unterm Strich verzeichne das Unternehmen "kein merkliches Wachstum und konnten beobachten, dass der Markt geschrumpft ist. Wir sehen gerade in den letzten zwei Jahren eine massive staatliche Unterstützung für die Deutsche Bahn. Das macht sich jetzt schlichtweg bemerkbar."

Der Fahrtenvermittler, der keine Fernlinienbusse betreibt, bekräftigte seine grundsätzliche Kritik an der Bundesregierung. "Der Fernbus ist laut Umweltbundesamt das nachhaltigste Verkehrsmittel überhaupt", hieß es. "Daher ist es schwer nachzuvollziehen, dass ausgerechnet dessen Fahrgäste bei Steuerentlastungen im Rahmen eines so genannten Klimapakets außen vor bleiben. Das Klimapaket ist in seiner aktuellen Form in erster Linie ein Subventionsprogramm für die Deutsche Bahn." 

Seit dem vergangenen Jahr macht ein französischer Anbieter Flixbus in Deutschland Konkurrenz. „Beim Start im Juni 2019 waren wir sehr optimistisch, und wir hatten ambitionierte Ziele. Seitdem haben wir das, was wir uns vorgenommen haben, in die Tat umgesetzt“, sagte Christian Rahn von Blablabus. Die Zahl der Städte und Flughäfen, von den Blablabus-Partnerunternehmen in Deutschland angefahren werden, habe sich von rund 20 auf zirka 40 verdoppelt. "Inzwischen hat unser Busbereich in Europa ungefähr 400 Destinationen."

Neue Haltestelle am Hauptstadt-Flughafen BER

Vom Berliner ZOB sowie von den Flughäfen Schönefeld und Tegel werden rund 25 Ziele angesteuert. Der Halt in Potsdam wurde aufgegeben. Am 12. März komme der Bahnhof Berlin Südkreuz dazu, und sobald der BER öffnet, werde auch dort gehalten, hieß es weiter. „Uns geht es darum, Kapazitäten möglichst gut zu füllen“, so Rahn. Deshalb gibt es bis Ende März Tickets für 99 Cent - so wie bereits zum Blablabus-Start im vergangenen Juni. Die Zero Empty Seats-Strategie, wie das Vorgehen intern heißt, sei kein Zeichen dafür, "dass wir mit der Auslastung der Busse unzufrieden sind", hieß es bei Blablabus. "Unser Angebot wird gut angenommen, wir sind zufrieden. Dieses Thema liegt einfach in der DNA unseres Unternehmen, das mit der Vermittlung von Mitfahrgelegenheiten begonnen hat.“

Eine Besonderheit bei Blablabus ist allerdings, dass die Busse relativ lang unterwegs sind, weil sie häufiger halten als die Konkurrenz. So kann die Fahrt Berlin-München mehr als neun Stunden dauern, während Flixbus die Distanz zum Teil laut Plan in sieben Stunden zurücklegt. „Wir arbeiten noch an unser Liniennetz- und Haltestrategie. Dort, wo es erforderlich ist, werden wir reagieren – zum Beispiel, indem wir die Zahl von Haltepunkten in bestimmten Fällen verringern oder bestimmte Ziele direkt anfahren", teilte Rahn dazu mit. "Klar ist aber, dass wir das Fernbusangebot auch in Zukunft auf die Hauptverkehrsachsen konzentrieren werden. Für andere Strecken steht Blablacar zur Verfügung, mit einem großen Angebot an Mitfahrgelegenheiten, das für eine breite Erschließung in die Fläche sorgt.“

Noch sei das Fernbussegment in Deutschland nicht profitabel, bestätigte Christian Rahn: „Uns war von Anfang an klar, dass wir einen langen Atem brauchen, dass wir langfristig investieren müssen. Unsere potenziellen Kunden müssen die Chance bekommen, uns kennenzulernen. Unser Engagement ist langfristig angelegt.“

Das erneute 99-Cent-Angebot erinnert an die Bemühungen des britischen Anbieters Megabus, beim Markteintritt in Berlin 2015 mit Kampfpreisen ab 1,50 Euro die Sitzplätze zu füllen. Rund ein  Jahr später wurde das Festland-Geschäft von Flixbus übernommen.

Flixtrain fährt ab Frühjahr auch Hamburg-Stuttgart

Mit der Marke Flixtrain ist Flixbus inzwischen auch auf dem privaten Fernzugmarkt präsent, mit positiver Tendenz, was die Zahl der Fahrgäste anbelangt. Wird sich Blablabus ebenfalls in diesem Bereich engagieren? „Das würde ich für die Zukunft nicht grundsätzlich ausschließen“, sagte Christian Rahn. Für eine Mobilitätsplattform, wie sie das Unternehmen betreibt, wären private Fernzüge eine mögliche Ergänzung. „Wann, wo und ob wir künftig auch Zugtickets verkaufen werden, lässt sich aber derzeit noch nicht absehen", so der Deutschland-Chef von Blablabus. "Wir haben genug damit zu tun, dafür zu sorgen, dass die Kapazitäten auf den Straßen besser genutzt werden – indem Busse und Autos besser ausgelastet werden.“

Mit Flixtrain-Zügen kann man von Berlin aus unter anderem nach Stuttgart, Köln und Leipzig mit dem Flixtrain reisen. Für den Betrieb in Richtung Südwesten ist der deutsche Ableger des tschechischen Bahnunternehmens Leo Express verantwortlich, für die anderen Hauptstadt-Routen das Nürnberger Unternehmen BahnTouristikExpress, kurz BTE.

"Aus und nach Berlin planen wir derzeit keine neuen Routen", berichtete die Flixbus-Sprecherin. Doch anderswo in Deutschland stünden die Zeichen auf Expansion. "Wir arbeiten ständig an der Optimierung unseres Streckennetzes und haben als Ziel, so vielen Menschen wie möglich grüne Mobilität anzubieten. Ab Frühjahr 2020 können Fahrgäste erstmals ohne Umstieg zwischen Hamburg und Stuttgart mit dem Flixtrain reisen. Die Strecke wird über Hannover, Göttingen, Kassel-Wilhelmshöhe, Fulda, Frankfurt, Darmstadt und Heidelberg führen. Bis zum Sommer 2020 werden dann bis zu drei Abfahrten pro Tag und Richtung angeboten."

Berliner Busbahnhof wird schöner und leistungsfähiger

Warum dauert der Umbau des Berliner Busbahnhofs so lange - bis Spätsommer 2022? Und warum wurde die Kostenschätzung erneut nach oben korrigiert - im vergangenen Jahr um drei Millionen Euro? Die Senatsverkehrsverwaltung bittet um Verständnis. "Die Preise für Leistungen des Bauhauptgewerbes sind stark gestiegen. Daher unterliegt, wie andere Bauvorhaben in Berlin, auch der neue ZOB einer Kostensteigerung. Sie beträgt rund drei Millionen Euro und ergibt sich schlicht aus den Ergebnissen der aktuellen Ausschreibungen", sagte Dorothee Winden, Sprecherin von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne). "Die Gesamtkosten liegen damit bei knapp 40 Millionen Euro."

Doch die Geduld und das Verständnis der Nutzer werden sich auszahlen, verspricht sie. "Die Gebäude aus den 60er Jahren müssen neu gebaut werden, denn die Bausubstanz war so schlecht, dass eine Sanierung sich nicht mehr lohnte, sondern sogar teurer gewesen wäre als ein Neubau. Der Neubau bedeutet mehr Komfort für die Fahrgäste und mehr Kapazitäten für die Reisebusse", erklärte Winden.

Künftig werde der Busbahnhof am Kaiserdamm überall barrierefrei sein. "Mit dem Neubau der Wartehalle werden bessere Aufenthaltsmöglichkeiten und auch mehr gastronomische Angebote geschaffen. Die Nutzungsfläche wird auf rund 2800 Quadratmeter vergrößert, es können 280 Sitzplätze realisiert werden. Die Toiletten sind nicht mehr in einem separaten Gebäude, sondern unter einem Dach mit der Wartehalle. Ein weiteres Plus: Der ZOB wird mit einem komplett neuen Fahrgastinformationssystem ausgestattet, das Fahrgäste in Echtzeit über Abfahrtzeiten informiert."

Nicht zuletzt werde der Berliner Busbahnhof in Zukunft deutlich leistungsfähiger sein als früher - und damit seine Spitzenstellung in Deutschland behaupten. Winden: "Es wird 33 Haltestellen statt bislang 27 geben. Das ermöglicht pro Stunde bis zu 20 weitere An- und Abfahrten. Entscheidend ist, dass die Haltestellen künftig so angeordnet sind, dass sie unabhängig voneinander befahren werden können. Das erleichtert die An- und Abfahrten ganz wesentlich."