Berlin - Reichlich verlassen präsentiert sich dieser Tage das Holocaust-Mahnmal in Mitte – kein Wunder angesichts des unangenehmen Winterwetters. Die wenigen Touristen scheinen die grauen Stelen als Windschutz zu benutzen. Im Winter zeigt sich das Mahnmal besonders düster, bedrückend – und eindrucksvoll.

In dieses Bild passt, dass auf der anderen Seite der Cora-Berliner-Straße eine große, öde Fläche voller braun-grauem Sand in den Blick kommt. Dort, hinter einem Zaun, soll bald ein Neubau „einen würdigen, unaufgeregten Platzabschluss für das Denkmal bilden“. So formuliert es Jörg Müller, der die Pressearbeit für das Immobilienunternehmen MUC Real Estate aus München macht, in gedrechselter Investoren-Lyrik. Ziel sei es, „ohne architektonische Selbstdarstellung einen hochwertigen, klassischen Baukörper zu errichten, der auch in Jahrzehnten als zeitgemäß gelten kann“.

Alte Idee aufgegriffen

In Wahrheit entsteht auch dort einfach nur ein Haus: acht Geschosse hoch, bestückt mit 140 Wohnungen mit zwei bis fünf Zimmern, 50 bis 180 Quadratmeter groß, dazu etwas Gewerbe und Gastronomie. Insgesamt mehr als 100 Millionen Euro teuer.

Der Neubau soll einen besonderen Clou erhalten, einen öffentlich zugänglichen Stadtbalkon in Form einer Loggia auf ganzer Länge des Gebäudes. Von dort sollen Passanten freien Blick aufs Mahnmal haben. Auch eine Toilettenanlage ist geplant. Das mit der Toilette ist wichtig, denn der Neubau greift mit seinem Stadtbalkon eine alte Idee an dem Standort auf. Als 2005 das Denkmal für die ermordeten Juden Europas – so der offizieller Name – eröffnete, wurde rasch klar: Die vielen Besucher brauchten einen Ort, an dem sie sich über Peter Eisenmans Denkmal informieren konnten, sich aufwärmen, eine Kleinigkeit essen sowie, ja auch, auf die Toilette gehen können.

2006 öffnete auf der anderen Seite der Cora-Berliner-Straße ein Pavillon als Provisorium. Im Laufe der Zeit kamen links und rechts immer mehr Holzbuden hinzu, in denen es Donuts, Pizza, Bier oder Leihfahrräder gab. Am Ende war die Zeile stolze 115 Meter lang. Allerdings gab es immer wieder Unmut über das vermeintlich unwürdige Ambiente rund um das Denkmal, das in jedem Reiseführer steht. Böse Zungen sprachen von einem Ballermann. Die Denkmalsstiftung schaltete sich ein und forderte, die Bebauung müsse „angemessen“ sein.

Historische Funde in der Baugrube

Damit ist es seit vergangenem Frühjahr vorbei: Die Buden sind weg. Bald danach begann die MUC Real Estate mit Bodenuntersuchungen, unter anderem wurde nach Kampfmitteln aus dem Zweiten Weltkrieg gefahndet. Vorher darf die bis zu sieben Meter tiefe Baugrube nicht ausgehoben werden.

Scharfe Munition wurde nicht gefunden. Dafür Reste eines Tunnels, der zum Bunker des im Krieg schwer zerstörten und im Zuge des Mauerbaus endgültig gesprengten Reichslandwirtschaftsministeriums gehörte. „Das ist keine Überraschung bei der Vielzahl angrenzender historischer Funde auf benachbarten Grundstücken“, sagte der Sprecher der MUC Real Estate. In der Nähe befanden sich einst die Alte und die Neue Reichskanzlei sowie mehrere Ministeriumsbauten.

Tunnel wird abgerissen

Mittlerweile haben die bei Neubauten im Zentrum üblicherweise einzuschaltenden Denkmalpfleger den Tunnel dokumentiert, aber als nicht schützenswert eingeschätzt. In den nächsten Monaten soll er abgetragen und danach die Baugrube errichtet werden. Dann erwarten die Münchner die Genehmigungen für den Tief- und den Hochbau. Noch dieses Jahr wollen sie mit dem eigentlichen Bau beginnen.

Den Stadtbalkon hat das Land in einem städtebaulichen Vertrag mit dem Bauherren festgehalten. Das gilt auch für den Umbau der Cora-Berliner-Straße zur Fußgängerzone – MUC Real Estate beteiligt sich.

„Es bleibt eine normale Baustelle“

Konnte das Land an dieser Stelle die Münchner zu Zugeständnissen bringen, ist dies bei der Ausgestaltung des Wohnungsmixes nicht komplett gelungen. Zwar werden nur Mietwohnungen konzipiert. Allerdings fehlt die bei Neubauten mittlerweile verbreitete Einschränkung, dass 30 Prozent davon mietpreisgebunden – das heißt nicht teurer als 6 oder 7 Euro pro Quadratmeter – sein müssen.

Vor diesem Hintergrund ist eine Aussage des MUC-Sprechers nur teilweise richtig. „Auch, wenn das Grundstück an historisch bedeutender Stelle liegt, bleibt es eine normale Baustelle“, sagt er.