Der Flohmarkt am Maybachufer gehört zu den bekanntesten in Berlin und ist regelmäßig gut besucht. 
Foto: imago images/Müller-Stauffenberg

Berlin-KreuzbergEmsigkeit, das ist das richtige Wort. Ich muss eine Weile im inneren Wörterbuch blättern, bis ich den Begriff finde, der die Atmosphäre an diesem Dienstag um halb zehn am Maybachufer genau trifft. Bis auf einen dick Eingemummelten, der den Morgenmöwen Brotkrumen zuwirft – sie danken es ihm mit großem Geschrei und schlagartiger Vermehrung –, haben alle viel zu tun und tun es.

Januarfest verpackt wie der Vogelfreund, schichten die Händler und Händlerinnen Stoffballen zu Gebirgen, türmen Auberginen und Mandarinen, schleppen Artischocken-Paletten und Kisten voller Küchenhelfer. Man trinkt Tee und Kaffee aus Ther-moskannen, „Hallo“ und „Selamaleikum“,„Günaydın“ und „Guten Morgen“ klingt es hier und da, viel mehr wird nicht gesprochen.

Der Sound der Emsigkeit ist ein Summen, das man mehr spürt als hört. Es gleicht der Stille, wie man sie vom Frühstück mit Schulkindern kennt.

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Die tauchen nur wenig später ins große Geschnatter vor der ersten Stunde ein und vergessen darüber die Müdigkeit. Hier, auf dem Markt, kann man sich eine Stunde später auch kaum mehr vorstellen, dass kurz zuvor fast stumme Geschäftigkeit herrschte.

Im U-Bahnhof Schönleinstraße ist der Tag bereits vorbei

Geräusche begleiten sein Erwachen dennoch: Leere Kisten landen scheppernd auf anderen leeren Kisten. Jemand kippt mit Gepladder Olivenwasser in den Gully. Lieferwagen fahren an und weg. Nur auf den ersten Blick wirkt das Treiben wie ein gehöriges Durcheinander. Sieht man länger zu, erkennt man eine Choreografie, der alle mit der Routine derer folgen, die an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Zeit die immer gleichen Handgriffe tun.

Wie der Mann, der einen wuchtigen Handkarren im Slalom über die Pflastersteine zieht. Der Wagen schaukelt bedenklich; was er transportiert, kann ich nicht sehen, eine schmutzige Plane bedeckt die mitschaukelnde Ladung. Auf der Plane thront ein Paar Moon Boots. Ins Büro nehmen Menschen im Winter Schuhe mit, in denen sie nicht schwitzen und verstauen die Stiefel im Schrank.

Hier ist es andersherum. Irgendwie stimmt mich der Gedanke vergnügt. Wie all das Gesehene. Geschäftigkeit macht munter. Eine paar Meter weiter und tiefer in der Erde, im U-Bahnhof Schönleinstraße, ist der Tag um halb zehn irgendwie schon vorbei. Wie eigentlich zu jeder Uhrzeit. Natürlich warten auch einige Menschen, die wach sind und wohin wollen.

Morgengrüße und Verstummen am Maybachufer 

Vor allem aber sehe und rieche ich Müll, Urin, Niedergang. Ein paar Männer wickeln mit zusammengesteckten Köpfen Geschäfte ab. Welcher Art, davon erzählt stumm der mit dem fahlen Gesicht auf der Bank. Sein Frühstück besteht aus dem Pulver, das er gerade mit zitternden Fingern in die Nase zieht. Ein anderer taumelt mit glasigem Blick die schmierigen Stufen hinauf.

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Aufbruch, Emsigkeit, Summen, all diese Begriffe klingen hier unten wie Wörter einer anderen Sprache. Licht und Schatten einer Stadt, Tanz und vorletztes Zucken, Morgengrüße und Verstummen: an Orten wie diesem, Kottbusser Damm Ecke Maybachufer, treffen sie aufeinander.