Das historische Archiv der Stadt Berlin reicht etwa 200 Jahre zurück – nicht sehr lange, gemessen an anderen Städten. Für diesen kurzen Zeitraum aber versammelt es ein Übermaß an Geschichte. Jedermann kann sie erkunden – direkt, in den originalen Dokumenten der jeweiligen Zeit. Entscheidend ist das persönliche Interesse.

Tatsächlich verzeichnet das Landesarchiv Berlin stabiles Interesse und wäre dennoch froh, mehr Bürger kämen in das offene Haus am Eichborndamm, um im Gedächtnis der Stadt zu kramen – in 50 Kilometern Archivgut, 280.000 Karten und Plänen, drei Millionen Fotos, 3800 Filmrollen. In dieser Fülle finden sich womöglich auch die Spuren der eigenen Verwandtschaft. An diesem Sonnabend bietet sich eine gute Möglichkeit, Witterung aufzunehmen – am bundesweiten Tag der Archive.

Generation um Generation kommt mit Fragen. Die ändern sich mit den Zeiten. So suchen zwar immer wieder Berliner ihre Groß- und Urgroßeltern. Aber hinzu kommen Brasilianer oder Amerikaner, Nachkommen früher Auswanderer Richtung Neue Welt, die ihre Berliner Ursprünge erkunden wollen. Nachfahren aus der Hauptstadt des NS-Reiches vertriebener oder in den Vernichtungslagern ermordeter Juden wollen wissen, woher sie kommen.

Was, wenn der geliebte Onkel ein Mörder war?

Auch auf der „Täterseite“ wächst die Unruhe: Enkel oder Urenkel ehemaliger Angehöriger der Wehrmacht oder von NS-Verbänden suchen nach der Wahrheit, getrieben zum Beispiel von der Frage, was Uropa in Russland gemacht hat. Sie wenden sich an ein besonderes Archiv, dessen Ursprung im deutschen Raub- und Eroberungskrieg liegt. Es trägt seine ursprüngliche Aufgabe im langen Namen: Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen Deutschen Wehrmacht, kurz WASt. Die Anfragen nehmen zu, etwa 1000 pro Woche gehen ein.

18 Millionen deutsche Soldaten waren im Krieg. Von den Männern der Jahrgänge 1921 bis 1927 starben 31,6 Prozent, fast jeder Dritte. Jede Familie hat praktisch einen betroffenen Verwandten. In manchen Fällen spüren die Archivare den Zwiespalt der Familien – einerseits die Neugier, andererseits: Was, wenn herauskommt, dass der geliebte Onkel ein Mörder war. Solche Informationen kann man von der WASt eher nicht erwarten, stattdessen Dienstantritte, Einsatzorte, Erkrankungen, Dienstränge, militärische Werdegänge. Manchmal können Überreste übergeben werden wie Erkennungsmarken oder eine rostige Brille – bewegende Momente, wie WASt-Mitarbeiterin Birgit Wulf berichtet.

Denen, die mehr wissen wollen, weisen die Archivare weiterführende Recherchewege, etwa über die Topografie des Terrors. Und immer mal wieder gelingen Familienzusammenführungen, wenn etwa herauskommt, dass Opa als Besatzungssoldat in Norwegen eine zweite Familie hatte.

Ein Zentralregister gibt es nicht

Wie aber fängt man eine Fahndung im Landesarchiv an? Wie findet man die schlesische Uroma oder den Tempelhofer Urgroßonkel? Namen und Geburtsdatum sollte man kennen, damit eindeutig wird, welche Hermine Müller tatsächlich zur Verwandtschaft gehört. Geburtstag oder Wohnort kann man in alten Berliner Adressbüchern entdecken, die für 1799 bis 1943 bei der Zentral- und Landesbibliothek digitalisiert vorliegen. Für die Folgezeit durchforstet man Telefonbücher. Auch Ahnenforschungsportale wie Ancestry.de bergen Grunddaten.

Für Berliner ist zu bedenken, dass jeder Ortsteil bis zur Bildung Groß-Berlins 1920 ein eigenes Standesamt hatte. Immer gilt für gesuchte Einträge der Ereignisort – ob Geburt, Heirat oder Tod. Solche Daten lassen sich von 1874 an finden, dann sitzt der Nutzer nicht selten vor Handschriften in deutscher Kurrent.

Ein Zentralregister gibt es nicht. „Wir haben keinen Zauberstab, der umgehend umfassende Resultate hervorbringt“, sagt Dr. Martin Luchterhandt, Referatsleiter für Benutzung, Genealogie und Personenstandsakten. Stammbäume können die Mitarbeiter des Landesarchivs nicht liefern, viel Eigenrecherche ist notwendig, doch das macht auch den speziellen Reiz aus: Wer nach mühevoller Suche eine Originalurkunde eines Verwandten in der Hand hält, wird spüren, wie die Verbindung zu den Wurzeln wächst.

Jegliche Forschung wird unterstützt

Das treibt auch Archivare an, geradezu kriminalistisch zu ermitteln, von einer Urkunde über einen Randvermerk eine neue Spur zu finden hin zu einem weiteren Dokument, das etwas über eine Person oder über Umstände erzählt. Martin Luchterhandt weist auf die Grenzen der Möglichkeiten hin: „Wir verwahren Originale. Wenn diese untergegangen sind – durch Brand, Krieg, bei Umlagerungen, etwa 1945 auf einem Leiterwagen – sind sie weg, unwiederbringlich.“ Etwa zehn Prozent der Standesamtsunterlagen aus den deutschen Ostgebieten sind hier verfügbar, weitere über Archive oder Standesämter in Polen. Das Landesarchiv berechnet 30 Euro Gebühr pro Kalenderjahr, plus Kosten für erbetene Kopien. In der WASt zahlt man acht Euro je angefragte, beauskunftete Seite.

In allen Fällen beraten die Archivare von Landesarchiv oder WASt mit ihrem Spezialwissen. Jedenfalls verstehen sie sich als Dienstleister, nicht als Hüter unberührbarer Schätze. Die Archivarin Bianca Welzing-Bräutigam bringt es auf den Punkt: „Verwahrung ist kein Selbstzweck. Jegliche Forschung, auch die private, wird unterstützt.“ Die Haltung „Ham wa nich“ gehe nicht, und Martin Luchterhandt ergänzt: „Es ist eine Art Menschenrecht, zu wissen, woher man kommt.“

Am 3. März, dem Tag der Archive, öffnen unter anderem das Berliner Landesarchiv (10-17 Uhr), die Deutsche Dienststelle WASt (10-16 Uhr) und das Berlin-Brandenburgische Wirtschaftsarchiv (11-16 Uhr) – alle am Eichborndamm in Reinickendorf gelegen – und bieten bei freiem Eintritt besondere Programme