Berlin - Ampelanlagen. Rund 2000 gibt es in Berlin. Viele sind purer Stress. Zu schnell kommt für Fußgänger das Rot, zu kurz sind die Grünphasen, klagen wir Berliner. Am Tierpark, Ecke Alfred-Kowalke-Straße in Lichtenberg regt sich Günther Jurack (72) mindestens zweimal täglich furchtbar auf.

Der Rentner ist auch jetzt sichtlich genervt, als er mit uns redet: „Ob ich zum Einkaufen gehe oder nur zum Briefkasten muss, nie schaffe ich es, rechtzeitig über die Ampel. Immer ist gleich wieder Rot.“

Alte schaffen es nicht mehr

Dreißig Jahre wohnt er in dem Kiez, ist mit Frau und Kindern in der Aufbauzeit dorthin gezogen. Heute ist er, wie viele in der Gegend mit den großen Neubauten aus den 1970er- und 80er-Jahren, älter geworden. „Und damit auch langsamer“, sagt Günther Jurack wehmütig. Jedenfalls klappt das nicht mehr so gut mit dem über die Straße gehen – trotz Ampelmännchen.

„Nach etwa 15 Sekunden ist Schluss“, so Günther Jurack. „Den Rest der Strecke laufe ich dann bei Rot. Das ist noch mehr Stress, denn die Autos hupen, viele fahren auch schon wieder an und bedrohen mich geradezu!“

Stress für Familien

Genauso mies gejagt fühlt sich Hausfrau Tanja Sahin (48) am anderen Ende der Stadt. Die Pankowerin beklagt, dass sie die Kreuzung Berliner Straße, Ecke Esplanade nicht schafft. „Seit zwanzig Jahren geht das so! Acht Sekunden währt die Grünphase, das reicht nicht zum kompletten Passieren der Straße“, schimpft die Hausfrau. Was noch moralisch belastend hinzukommt: „Wenn Kinder da sind, sehen die mich als Rot-Sünderin. Was bin ich denn denen für ein Vorbild?“ Auch an vielen anderen Überwegen haben ältere Fußgänger oder Familien arge Probleme.

Doch die Taktungen sind nicht willkürlich. Sie sind sogar von Amts wegen festgelegt. Die bundesweit geltenden „Richtlinien für Lichtsignalanlagen (RiLSA)“ geben vor, wie viel Zeit die Ampel zum Überqueren der Straße gibt. Der hübsche Name täuscht, dahinter verbergen sich knallharte Anforderungen, erklärt Petra Rohland von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt.

Richtwert 1,2 Meter pro Sekunde

„Für die Räumgeschwindigkeit gibt die „RiLSA“ den Regelwert von 1,2 Meter pro Sekunde vor. Variationen von 1 Meter bis 1,5 Meter sind möglich. Der untere Grenzwert von 1,0 Meter pro Sekunde soll nur dort angesetzt werden, wo Furten überwiegend zum Schutz für mobilitätseingeschränkte Menschen eingerichtet werden. Dieses wird in Berlin ebenso praktiziert.“

Dazu kommt, dass an Ampeln, die mit einer Beschleunigung des Öffentlichen Nahverkehrs (ÖPNV) ausgestattet sind, der Fußgänger den Kürzeren zieht. Petra Rohland: „Wenn sich beispielsweise eine Straßenbahn der Ampel angemeldet hat, schaltet sie schneller in deren Phase.“ Gerade im Pendlerverkehr sind Ampeln auf wichtigen Ausfallstraßen in Berlin so geregelt, dass der motorisierte Verkehr Vorrang hat, um so Staus zu verhindern.

Erklärungen, die Fußgängern nicht helfen, gibt sogar die Senatsverwaltung zu: „Fußgängerinnen und Fußgänger glauben aber vielfach, dass sie die Furt vollständig bei Grün bewältigen müssen.“ Dem ist nicht so! Denn auch wenn es schon Rot wird, während sich der Fußgänger noch auf der Straße befindet, gilt diese Phase noch als „Schutz- und Räumzeit“.

Drängelnde Autofahrer

Petra Rohland: „Bei den in Berlin üblichen Zwei-Phasen-Regelungen gibt es durch abbiegenden Kfz-Verkehr immer wieder Konfliktsituationen mit dem Fußverkehr.“ Was man dabei erleben kann? „Autofahrer glauben, dass der Fußverkehr sofort von der Fahrbahn verschwunden sein muss, wenn die Fußgängerampel von Grün auf Rot umspringt.“

Hupen und Drängeln der Autofahrer strapaziert dann die Nerven der Fußgänger. Die fühlen sich dadurch unter Druck gesetzt. 81 Unfälle im Jahr 2015 an Fußgängerüberwegen verdeutlichen dieses Problem.