Mindestens 51 Pakete hielt Amer El-S. zurück.
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BerlinAuf so eine „Geschäftsidee“ muss man erst einmal kommen. Die Richterin am Amtsgericht Tiergarten nennt sie an diesem Donnerstagmittag „Schwachsinn“. Der Angeklagte Amer El-S. hingegen meint, es sei „alles ein wenig dumm gelaufen“. „Ich habe nicht nachgedacht“, sagt der 28-Jährige. Er gibt die Vorwürfe aus der Anklage unumwunden zu.

Amer El-S., ein gelernter Automechantroniker, hatte sich Anfang Februar 2018 auf eine Stellen-Kleinanzeige bei ebay beworben. Dort wurde ein Paketzusteller gesucht.

Amer El-S.  war  damals noch mit seiner Freundin Jessica P. liiert. Er bekam den Job bei dem Unternehmen, das für Hermes Pakete ausliefert. Eine Woche lang wurde er durch einen Angestellten eingearbeitet, dann durfte Amer El-S. eigene Touren fahren.

Unterschriften gefälscht

Vom 17. bis 21. Februar des vergangenen Jahres sollte der junge Mann 242 Pakete in Neu-Hohenschönhausen zustellen. Doch da hatten er und seine Freundin, deren Beziehung nach Angaben des Verteidigers wirtschaftlich nicht funktioniert habe, bereits gemeinschaftlich geplant, nicht alle Sendungen an den Kunden zu bringen.

Amer El-S. hielt, so gibt er zu, mindestens 51 Pakete zurück. Er fälschte Unterschriften der Adressaten, um eine Auslieferung vorzutäuschen, oder er gab im Zustellungssystem an, dass eine Auslieferung nicht möglich gewesen sei.

Bei ebay verhökerte die Freundin dann unter dem Aliasnamen Miriam S. die unterschlagenen Waren, unter denen sich eine Sportkamera, Dosencreme, Wimpernkleber, einen Chefsessel, Filzpantoffel von Borussia Dortmund, Mäntel, Bettwäsche, Pfannen, Schuhe, Hunde- und Katzenfutter befanden.

Den Verkaufserlös von 1843,11 Euro teilten sich Amer El-S. und Jessica P. Es sei das schnelle Geld gewesen, mit denen sie schneller Drogen haben kaufen können, so der Angeklagte.

Die Idee, sich als Paketbote zu bewerben, habe seine Ex gehabt, erzählt er. Zwar hatte er seine Fahrerlaubnis längst eingebüßt. Doch: So what? Er habe schließlich eine Kopie gehabt. Und außerdem sei er in der Paketfirma nie nach einem Führerschein gefragt worden.

Touren mit Freundin

Der Angeklagte berichtet auch freimütig, dass er auf seinen Auslieferungstouren seine Freundin mitgenommen habe. Er sei gefahren, sie habe hinten im Transporter gesessen und die Pakete geöffnet. „Das fühlte sich wie Weihnachten an. Jeder macht doch gerne Pakete auf“, erklärt der Angeklagte mit ernster Stimme und um Verständnis heischend.

Als sich Kunden nach der angeblichen Zustellung, über die sie eine elektronische Nachricht erhalten hatten, nach ihren Paketen erkundigten, flog der diebische Zusteller schon nach vier Tagen auf. Die Polizei fand in der Wohnung von Jessica P. noch eine Vielzahl der Waren, die hätten ausgeliefert werden müssen.

Doch nicht nur damit machte sich das Pärchen, das eine einjährige Tochter hat, strafbar. Ihnen wird auch vorgeworfen, von ihnen gemietete Geschäftsräume Ende März 2018 in einer Kleinanzeige zum Kauf angeboten zu haben. Zwei Interessenten zahlten ihnen sodann insgesamt 28.000 Euro in bar aus.

Eigentlich hätte Jessica P. neben ihrem Ex-Freund auf der Anklagebank sitzen müssen. Doch die 27-Jährige erschien trotz Ladung nicht zu dem Prozess. Deswegen wurde das Verfahren gegen die junge Frau abgetrennt und Haftbefehl erlassen.

Den Angeklagten Amer El-S., der bereits mehrfach vorbestraft ist, verurteilt die Richterin nach einem kurzen Prozess wegen gemeinschaftlichen Betrugs und Unterschlagung zu einem Jahr und acht Monaten Freiheitsentzug.

Die Strafe wird zur Bewährung ausgesetzt. Rechtskräftig ist sie noch nicht.