Peter König (1943–2020)

Manchmal war Peter König so direkt, dass es wehtat. „Er kannte keine Form von Diplomatie“, sagt seine Tochter. Und genau das vermisst sie am meisten. Dass er auch dann konsequent ehrlich war, wenn es unbequem wurde. Wie bei der Grillparty, bei der König sich von seinem Gesprächspartner verabschiedete mit dem Hinweis, dass er ihn langweile und ihm Ersatz organisieren würde. Er suchte sich in der Menge jemanden, von dem er dachte, die beiden könnten sich verstehen, stellte sie einander vor und nahm in Kauf, dass er mal wieder als komischer Kauz für Gerede sorgte.

Peter König wuchs in Schöneck/Vogtland auf, studierte Ingenieurswesen in Magdeburg, dann zog er nach Hoyerswerda, wo er seine spätere Frau kennenlernte. 1968 kam seine Tochter zur Welt. 1979 zog die Familie nach Berlin. „In dem kleinen Ort kennt sich ja jeder und man hat sich den Mund zerrissen.“ König fand einen Job als Oberbauleiter bei den Wasserbetrieben, wo er ein eigenes Ost-Wassernetz aufbauen sollte, mit Willi Stoph als Paten, dem damaligen Vorsitzender des Ministerrates.

Als die Wende kam, sei ihr Vater euphorisch gewesen, sagt seine Tochter. Er freute sich darauf, in einem Rechtsstaat zu leben, darauf, dass es bei der Arbeit keinen Materialmangel mehr geben würde, darüber, dass seine Tochter sich mit einem Friseurladen selbstständig machen konnte. Aber dann wurde er bitter enttäuscht. Er verstand nicht, dass er sein Diplom noch einmal offiziell beglaubigen lassen musste. „Von seinem neuen Chef wurde er runtergemacht – er habe ja nur Ostkenntnisse. Damit hat er nicht gerechnet“, sagt die Tochter.

Aber König fand eine andere Aufgabe für sich. In dem Plattenbau in Marzahn, 68 Quadratmeter, Bautyp WBS70, wo er 51 Jahre bis zu seinem Tod lebte, schreinerte er. Im Keller. Er baute ihn profimäßig aus, „nutzte ihn optimalst bis in die letzte Ecke, bei Schlagermusik bastelte, beizte, tat er“. Und machte eine Ausnahme von seiner Schnörkellosigkeit: Jede Latte habe er braun gebeizt, erinnert sich seine Tochter. „Schwarzwald-Kuckucksuhr-Schick“ nennt sie das. „Deshalb muss bei mir wahrscheinlich alles weiß sein.“

Er hat bis zuletzt gelebt und geliebt.

Tochter von Peter König

Weiß war bei Peter König immer nur sein Hemd, immer war er korrekt gekleidet, Alkohol trank er fast nie, blieb dabei immer fröhlich, auch als seine Frau an Demenz erkrankte. Zwei Jahre pflegte er sie zu Hause, baute dafür die Wohnung um. Hilfe wollte er nicht, die Männer sollten sich um die Frauen kümmern, das war seine feste, altmodische Überzeugung. Aber irgendwann ging es nicht mehr, er fand eine Demenz-WG für seine Frau – und traf seine Jugendliebe wieder. Und hatte große Skrupel, mit ihr eine Verbindung einzugehen. Aber seine Tochter sprach ihm gut zu, und letztlich hatte er wieder jemanden, mit dem er an die Ostsee fahren konnte, stundenlang durch Berlin spazieren, ins Kino gehen oder in den Friedrichstadtpalast.

Aber dann wurden die Augen schlecht – und ihm zum Verhängnis. Anfang 2020, ein halbes Jahr nach dem Tod seiner Frau, ließ er sie in einer Augenklinik lasern – und steckte sich dort an: Als er kurz darauf Grippesymptome bekam, glaubte er nicht an Corona. Aber dann ging alles ziemlich schnell. Sana-Klinikum Lichtenberg, Intensivstation. Das Personal sei reizend gewesen, sagt seine Tochter, und obwohl er im Koma lag, stellten die Pflegekräfte ihm ein Schlagerradio neben das Bett. „Nur leider hat man ihn trotz Patientenverfügung beatmet – weil Corona keine todbringende, sondern nur eine schwere Krankheit“ sei. Nur die letzten fünf Tage seines Lebens durften nahe Angehörige ihn in der Charité besuchen. Der letzte Tag war der Geburtstag seiner Tochter, der 13. Mai. An diesem Morgen war Peter König gestorben, 77 Jahre alt. Aber sie musste weiter, zur Arbeit. Denn es war die zweite Woche nach dem Lockdown und die Kunden ihres Friseurladens standen Schlange. Aber, sagt sie, einen Trost gebe es: „Er hat bis zuletzt gelebt und geliebt.“


Foto:  Privar
Brigitte Arnold aus Marienfelde. 

Brigitte Arnold (1940–2020) 

Das letzte Mal haben sie sich bei Frank Sinatra gesehen, bei einem Musical am Potsdamer Platz, Anfang 2020, kurz vor dem ersten Lockdown. Dann verschwand Brigitte Arnold. Eigentlich waren sie und ihre Cousine Ursula Wenske in ständigem Kontakt – bis Arnold nicht mehr ans Telefon ging. Wenske versuchte es wieder und wieder, bis sie aus Sorge nach Marienfelde fuhr. Im Haus war keiner, dafür meldete sich der Nachbar – mit der Nachricht, die Cousine sei im Krankenhaus. Corona.

Und bevor Ursula Wenske herausfinden konnte, in welchem Krankenhaus, erreichte sie Arnolds beste Freundin: Brigitte ist tot. Engere Angehörige hatte die 79-Jährige nicht mehr, dafür aber gute Freunde – und einen guten Draht zu ihrer Cousine, heute 91 Jahre alt. Aber auch sie konnte nicht herausfinden, wo Brigitte Arnold sich angesteckt hatte. Und sie hatte keine Gelegenheit, sich in Würde zu verabschieden. Es gab eine Beisetzung, aber ohne Trauerfeier, ohne Freunde oder Verwandte.

Wenske erinnert sich gut an den Tag, an dem sie Brigitte Arnold das erste Mal sah – in den ersten Maitagen 1940: „Wenn in der Verwandtschaft ein Kind geboren wurde, durfte ich immer mit ins Krankenhaus und ich weiß noch, wie ich das kleine Baby durch die Glasscheibe bewundern durfte.“ Elf Jahre alt war Ursula Wenske damals, und seither hielten die beiden immer Kontakt, auch dann noch, als die Mauer gebaut wurde, als Brigitte mit ihrer Familie in den Westen zog und Wenske mit ihrem Mann, dem Bildhauer Gorch Wenske, in Ost-Berlin blieb. Hier hatten sie ihr Häuschen, ihr Atelier und keinen Grund umzuziehen. Aber Arnold beschaffte sich regelmäßig Passagierscheine, um ihre Familie im Osten zu besuchen. Manchmal brachte sie ihr selbst genähte Kleider mit – immerhin war die Schneiderei Arnolds Beruf.

Aber erst nach der Wende konnte Ursula Wenske endlich den Garten ihrer Cousine bewundern: „So ein Rasen! Ein Traum, wie mit der Nagelschere geschnitten! Mir war klar, so würde ich das nie hinbekommen.“ Die beiden Frauen teilten ihre Liebe zur Gärtnerei, tauschten sich über besondere Pflanzen wie den doppelblütigen Hibiskus aus. Wenske schätzte ihre Cousine für ihre durchdachte, ruhige Art – und für ihre Kochkünste. Sie schwärmt von den Eierkuchen, die Arnold mit Spinat gefüllt übereinanderschichtete wie eine Torte. Gekocht hat Arnold auch für ihren Sohn, der in einer Behindertenwerkstatt arbeitete. Täglich fuhr sie quer durch Berlin, um ihm das Essen zu bringen. „Sie hat sich regelrecht aufgeopfert“, sagt Wenske. Seit seinem 16. Lebensjahr habe der Junge im Rollstuhl gesessen, eine Erbkrankheit wurde ihm zum Verhängnis. Nicht lange nach seinem Vater, Arnolds Ehemann, starb er ein Jahr vor seiner Mutter.

Sein Tod traf Brigitte Arnold schwer. Aber ihr blieb ein enger Freundeskreis, mit dem sie sich regelmäßig traf, bis zuletzt: Brigitte Arnold starb gleich zu Beginn der Corona-Pandemie, am 26. März 2020.

Gedenken an die Toten der Pandemie

Haben Sie auch Verwandte oder Freunde verloren, die durch Covid-19 gestorben sind? Wenn Sie öffentlich an diese erinnern wollen, schreiben Sie uns gern eine E-Mail mit Ihren Kontaktdaten unter dem Stichwort „Nachrufe“ an unsere Leserbriefredaktion: Leser-BLZ@berlinerverlag.com. Wir melden uns bei Ihnen. 


Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall
Herbert Ehrlich starb im November 2020.

Herbert Ehrlich (1932–2020)

Ursula Ehrlich hat ein Foto von Herbert Ehrlich aufgestellt. Sie setzt sich so hinter die Fotografie ihres verstorbenen Mannes, dass ihre Gesichter für einen Moment genau gleich groß nebeneinander erscheinen. Überhaupt gibt es keine Ecke in ihrem Wohnzimmer in Friedrichshagen, wo die 84-Jährige nicht daran erinnert wird, dass ihr Mann vor wenigen Wochen an Corona gestorben ist. Hier ein Konzertticket ihres letzten gemeinsamen Philharmonie-Besuchs, dort ein Stapel mit Kondolenzbriefen – und im Regal die zehn Bücher, die ihr Mann über die gemeinsamen Jahre geschrieben hat.

Das ist eine der vielen Besonderheiten von Herbert Ehrlich, dass er sich nach einem arbeitsreichen Leben noch hinsetzte und mit 80 Jahren begann, die große Politik und Familiengeschichten miteinander in Texten und Bildern zu verknüpfen. Zehn Bücher hat er geschrieben, in einer Auflage von acht bis zehn Exemplaren, mit Fotos und Grafiken. So werden die Wahl von Barack Obama und von Donald Trump oder die politischen Verwerfungen um den Brexit in diesem Buch erwähnt – und ein paar Seiten weiter begleitet der Leser die Eheleute Ehrlich auf einer Kreuzfahrt nach Japan oder Brasilien. Und wieder eine Seite weiter sitzen die vier Enkel zusammen bei einem Familienfest.

Geboren wurde Herbert Ehrlich 1932 als Ältester von vier Kindern im Sudetenland. Der Vater zog in den zweiten Weltkrieg und kam nie wieder. Der Sohn machte sein Abitur in Saalfeld und studierte Außenhandelsökonomie in Berlin, anschließend unterrichtete er 35 Jahre lang an der Hochschule für Ökonomie in Karlshorst – mit einem Jahr Unterbrechung als Handels-Attaché in Finnland. Als „schlimmste Zeit“ bezeichnete er die Abwicklung der Hochschule im Jahr 1991, bei der 1200 Mitarbeiter ihre Arbeit verloren. Die letzten fünf Jahre bis zur Rente arbeitete Ehrlich als Marketing-Dozent in Mecklenburg-Vorpommern.

Im Jahr 1979 traf er über eine Anzeige in der Berliner Zeitung auf Ursula, die, genau wie er, seit Jahren geschieden war. Ihr erstes Date hatten sie unter der Gläsernen Blume im Palast der Republik – dort entstand später auch ihr Hochzeitsfoto. Sie lebten all die Jahre in der Wohnung im ersten Stock in Friedrichshagen, genossen auch den Zusammenhalt unter den Mietern, der sich auch nach der Wiedervereinigung hielt. Für Ursula Ehrlich ist es kein Zufall, dass diese Gegend Berlins immer die niedrigsten Corona-Zahlen der ganzen Stadt hatte. Sie kennt den Bezirk, war selbst 15 Jahre lang im Vorstand und arbeitet bis heute ehrenamtlich für die Volkssolidarität. Alle in der Nachbarschaft achteten auf Abstand und fragten trotzdem durchs offene Fenster, ob jemand Hilfe benötige. Diesen Zusammenhalt erwähnt Herbert Ehrlich auch in seinem neuesten Buch, das jetzt erst nach seinem Tod erscheinen wird. Band 11 seiner Reihe behandelt ausschließlich das Corona-Jahr 2020.

Ich war den größten Teil meiner 87 Jahre ein glücklicher Mensch.

Herbert Ehrlich

Ursula Ehrlich will es fertigstellen, dann kann man lesen, wie sie an Silvester vor einem Jahr noch getanzt haben, wie sie im Februar auf einer Kreuzfahrt auf den Kanaren waren, jedes Ergebnis vom Fußballverein Union und dann Herberts 88. Geburtstagsfeier – ganz nach Corona-Regeln. In dem Buch wird auch stehen, wo der Tod herkam: Weil Herbert wegen einer Routineuntersuchung ins Krankenhaus muss, steckt er sich dort wahrscheinlich an, zu Hause haben beide die gleichen seltsamen Symptome – viel Husten, aber kein Fieber.

Foto:  Berliner Zeitung/Carsten Koall
Ursula Ehrlich, Witwe von Herbert Ehrlich. 

Als er wenig Luft bekommt, ruft sie den Notarzt. Als sie am Tag danach vom Tod ihres Mannes erfährt, sagen ihr die Ärzte auch, dass sie in Quarantäne bleiben muss. Es beginnen zwei sehr einsame Wochen für Ursula Ehrlich, in denen sie jeden Tag Kondolenzschreiben bekommt. Am Ende sind es mehr als 80. Für die Trauerrede zitierte Ursula ihren Mann mit einem Satz aus seinem neuesten Buch. Es ist ein Satz, der zuversichtlich klingt und dankbar. Herbert Ehrlich schrieb: „Ich war den größten Teil meiner 87 Jahre ein glücklicher Mensch.“

Karlheinz Mundt (1930–2020)

Als Karlheinz Mundt Ende Dezember 2020 in einem Isolationszimmer in einem Krankenhaus in Brandenburg liegt, hat der 90-Jährige die gute Laune noch nicht verloren. Er scherzt mit den Krankenschwestern auch dann noch, als Besuch für ihn nur noch einzeln zugelassen war. Seine Tochter, selbst 60 Jahre alt, kommt zur Tür herein, eingepackt in Sicherheitskleidung, Handschuhe, Augenschutz, Mundschutz, eine Haube über dem Kopf. Die Tochter fragt, ob der Vater sie erkenne. Er sagt lachend: „Deine große Klappe würde ich überall wiedererkennen.“

Andrea Draheim findet es schwierig, Menschen außerhalb von Berlin oder außerhalb ihrer Familie zu erklären, dass ihr Vater hinter solchen Frotzeleien immer eine große Zuneigung versteckte. Es ist wie ein Code, den jeder in der Familie versteht. „Wie soll ich sagen“, beginnt sie, „wir sagen uns jetzt nicht ins Gesicht, dass wir uns lieben.“ Überhaupt hatte ihr Vater immer einen Spruch parat, wenn zum Beispiel beim Malern ein Fleck auf den Boden tropfte: „Da hängen wir ein Bild drüber.“ Allen war klar, dass niemand ein Bild über den Fußboden hängt, aber alle im Raum lächelten für einen Moment.

Karlheinz Mundt habe keine leichte Kindheit gehabt, hineingeboren in das Berlin der Nazizeit, nach Franken evakuiert, mit 15 Jahren noch eine Uniform erhalten, wurde Karlheinz Mundt nicht mehr an die Front geschickt. Er kehrte in das komplett zerstörte Berlin zurück, was ihn bis heute geprägt hat, dieses Gefühl, in Ruinen zu wohnen und zu hungern. Vielleicht kam daher diese Fröhlichkeit, die er in die Welt tragen wollte? Der gelernte Maurer arbeitete in der DDR in einem Tiefbaukombinat und ging nach der Wende in die Berufsausbildung. Doch der Zusammenhalt mit den Kollegen aus dem Kombinat hielt bis heute. Viele von ihnen wollen zur Beisetzung kommen.

Die Pandemie hat Karlheinz Mundt ernst genommen – auch wenn man ihn ermahnen musste, die Maske nicht zu vergessen. Den 90. Geburtstag haben sie trotzdem in Familie gefeiert, mit Abstand und vielen Regeln. Auch die Einschulung des Urenkels Henri konnte er noch miterleben. Das war ihm wichtig. Corona hat ihn wohl ausgerechnet in einem Reha-Heim erwischt. Er wollte die Reha nicht antreten und dann hat er sich ausgerechnet dort infiziert. In seiner letzten Woche durften ihn Besucher nur einzeln und in Komplett-Schutzausrüstung besuchen. Sein Sohn und seine Tochter kamen noch einmal für jeweils ein paar Minuten. Als sie sich zum letzten Mal von ihrem Vater verabschiedeten, sagten sie etwas wie: „Mach’s gut, bis morgen.“

Hans-Hermann Barth (1952–2020)

Bevor Hans-Hermann Barth starb, hatte er sich unbemerkt verabschiedet. Das wurde seiner Frau und seinen Kindern klar, als sie einander fragten, wie das letzte Treffen mit ihrem Mann oder Vater verlief. „Hat er sich auch von dir verabschiedet“, war so eine Frage. Die Antwort war meist: Ja. Aber da war noch etwas in seinem Verhalten. Vielleicht war er ein Stück liebevoller als sonst, hat einmal fester die Hand gedrückt oder einen Blick länger erwidert. Wenn ihm jemand sagte: „Ich hab dich lieb“, antwortete er oft: „Ich mich auch“ und lachte gern. Kurz vor seinem Tod glaubte jemand, „Ich dich auch“ gehört zu haben.

Barth wurde 1952 im Spreewald geboren, in einem kleinen Dorf, in dem die Familie heute noch lebt. Er wurde Berufssoldat bei der NVA, in der Nähe von Strausberg, wo er seine zukünftige Frau kennenlernte, die er im Jahr 1975 heiratete. Da war seine älteste Tochter bereits unterwegs. Nach dem Ende der Dienstzeit zog er mit den mittlerweile drei Kindern wieder in den Spreewald, Barth wurde Elektriker. Heute halten die drei Kinder noch eng zusammen. Vor vier Jahren lernten die drei einen vorehelichen Halbbruder kennen – der seitdem mit dazugehört. Die jüngste Schwester zieht Ende des Corona-Jahres wieder bei den Eltern ein, um die Weihnachtszeit dort zu sein – und so besser für sie sorgen zu können.

Um den Kontakt zu Menschen auch außerhalb des Haushalts zu ermöglichen, hat Hans-Hermann Barth das Vordach des Gartenhauses mit Spanplatten winterfest gemacht. Dort konnte man zusammensitzen, ohne einander anzustecken. Er nahm die Pandemie sehr ernst, Kontakte zu Freunden reduzierte er drastisch und sie wurden strikt in dem Gartenhaus abgehalten. Mit 68 und 69 Jahren gehörten seine Frau und er zur Risikogruppe. Außerdem hatte er Probleme mit dem Herzen, weswegen er unter Beobachtung des Krankenhauses stand.

Wir verlieren sie alle, es tut mir sehr leid.

Ein Arzt 

So fiel den Ärzten auch auf, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Das Krankenhaus rief an, weil sie die Blutwerte von Hans-Hermann Barth besorgniserregend fanden. Im Laufe des Tages wurde klar, dass seine Frau, die gerade aus dem Krankenhaus heimgekehrt war, offenbar positiv auf Corona getestet war. Hatte sie das Virus mitgebracht? Oder war es die Taxifahrt nach Hause? Auch Barth und die jüngste Tochter wurden getestet. Ihre Symptome waren alle ähnlich, keiner hatte Fieber oder Husten, aber sie fühlten sich schwach. Sie sollten vorerst in der häuslichen Quarantäne bleiben. Barth kam noch einmal auf eine Corona-Station, aber kehrte am 21. Dezember heim.

Die Verwandten sahen einander im Advent nur durch das Fenster. Adventstreffen mit Kuchen und Kerzen waren so schlecht möglich. Nur Weihnachten traf sich die Familie immerhin für eine Stunde, da war die Quarantäne vorbei. Doch die Stimmung von Hans-Hermann Barth wurde nicht besser, sondern eher schlechter. Am letzten Abend in seinem Zuhause sah er die Weihnachtssendung von Helene Fischer, seiner Frau zuliebe. In der Nacht zum 26. Dezember hatte er starke Schmerzen in den Beinen und kam noch einmal ins Krankenhaus. Am 27. Dezember rief der Arzt morgens an und sagte, dass Hans-Hermann Barth kurz nach Mitternacht gestorben sei. Der Arzt klang sehr müde, aber seine Anteilnahme wirkte ehrlich. Er beschrieb die Thrombosen, die durch Corona entstehen. „Wir verlieren sie alle“, sagte er, „es tut mir sehr leid.“