Die Verwaltungsbeamtin Christina Hanwig-Köhler in ihrem Arbeitszimmer im Rathaus Reinickendorf. Sie arbeitet fachfremd im Lagezentrum und ruft Bürger an, um Kontakte zu Infizierten zurückzuverfolgen. 
Foto: Jörg Carstensen/dpa

BerlinDie Kollegin aus der Haushaltsabteilung ist schon auf der Jagd. „Beute machen“, sagt Christina Hanwig-Köhler. Beute, das heißt, Desinfektionsmittel und Schutzkleidung aufzutreiben. Auch Hanwig-Köhler wechselt im Bezirksamt Reinickendorf zeitweise ihren Job. Die erfahrene Verwaltungsbeamtin, die sonst mit über den Haushalt wacht, sitzt seit Mitte März am Telefon der Corona-Hotline. „Ganz ehrlich, bei den ersten Gesprächen hatte ich innerlich Schnappatmung“, sagt sie. Gerade mal eine Viertelstunde blieb ihr für die Einarbeitung. „Ich wusste gar nicht so genau: Was sag ich den Leuten denn?“ Und vor allem - was fragen sie? Inzwischen weiß die Amtsrätin das besser. Und neue Mitarbeiter an der Hotline bekommen nun richtige Schulungen. Denn sie sitzen an einer Schaltstelle.

Die Nachverfolgung von Fällen und die Gespräche mit Kontaktpersonen gehören für das Berliner Robert Koch-Institut zu den wichtigsten Bausteinen bei der Bekämpfung dieser Pandemie. „Sonst haben wir schwupp wieder eine neue Infektionskette“, sagt Hanwig-Köhler. Mehr als 300 Reinickendorfer haben sich bisher angesteckt. Jeder hat Familie, Freunde und Kollegen, die damit nicht nur selbst gefährdet sein können, sondern auch Virenträger.

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An Klischees über Reinickendorf mangelt es nicht. „Verschnarcht“ ist oft zu hören. „Stadt.Land.Fuchs“ wirbt der 265 000-Einwohner-Bezirk im Norden Berlins augenzwinkernd für sich. Doch was hier in der Coronakrise passiert ist, nötigt Amtsarzt Patrick Larscheid Respekt ab. Das Bezirksamt habe seine üblichen Strukturen aufgelöst, berichtet er. Wer möchte, kann seit März dem Gesundheitsamt helfen. Das bekam auf diese Weise 70 Mitarbeiter zu seinen 135 dazu. Und es sollen noch mehr werden.

Die Angst vor der Ansteckung

Die Menschen an der Hotline sieht man nicht. „Ich bin auch sonst eher zurückhaltend“, sagt Christina Hanwig-Köhler. Mit ihren 60 Jahren gehört sie schon zur Risikogruppe in Sachen Corona. „Aber ich bin krisenerprobt. Ich mach seit 30 Jahren den Haushaltsbereich.“ Nun ruft sie Menschen an, die Kontakt zu Coronapatienten hatten. Oder Menschen rufen sie an, weil sie Angst vor Ansteckung haben. Hanwig-Köhler arbeitet den Profis im Gesundheitsamt zu: Muss da jemand ganz schnell raus und einen Abstrich für den Test auf das Coronavirus nehmen? Manchmal rufen auch Nachbarn an, wie sie sich Infizierten gegenüber verhalten sollen. „Und dann haben wir diese Infizierten noch nicht in unserer Kartei - da raucht mir der Kopf.“

Behördenwege in Berlin sind gefürchtet, allein schon von Bezirk zu Bezirk. Das Virus aber ist blitzschnell. Am Anfang saß das Team der Hotline in einem leeren Wahlamt. 20 Menschen im Schichtdienst, zusammengewürfelt aus verschiedenen Ämtern, Jobs und Besoldungsgruppen. Diese Unterschiede störten niemanden, die Krise schweiße zusammen, sagt Hanwig-Köhler. Reinickendorf wolle möglichst gut durch die Krise kommen. Das heißt: Hotline auch am Wochenende, denn Pandemien machen auch keine Pause. Die elektronischen Datenerfassungsbögen entwickelten sich Mitte März in einem Tempo, das für eine städtische Behörden ungewöhnlich klingt. Hanwig-Köhler konnte Arbeitgeber schnell schriftlich mit einem Mausklick über erkrankte Mitarbeiter informieren. Und bald gab es auch ein Feld für „Quarantäneverstoß“. Ist das nötig? Viele Infizierte und Kontaktpersonen zeigten Einsicht und hielten sich an die Auflagen, berichtet die Beamtin. Dazu gehöre zum Beispiel auch, zwei Mal am Tag Fieber zu messen. Am Telefon habe es bei ihr noch keine Beschimpfungen gegeben.

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Doch eine Reinickendorferin sei trotz Quarantäne auf der Autobahn gestoppt worden - ein Zufall. Und ein Arzt, dessen Sohn zu einer Reisegruppe mit vielen Coronafällen gehörte, sei weiter in seine Praxis gegangen - ohne Test. „Da war ich echt erschüttert“, sagt Hanwig-Köhler. Der Mediziner habe zwar keine Auflage, sondern nur eine Empfehlung für Quarantäne gehabt. „Aber er hat eine Woche lang sich selbst, sein Personal und seine Patienten gefährdet. Das find ich krass.“

Ein bisschen auch Sozialarbeiterin

Ein bisschen ist die Beamtin nun auch Sozialarbeiterin. Sie organisiert Unterstützung beim Einkaufen oder kümmert sich um ein neues Quartier für Familienmitglieder - zum Schutz. Auf der Sachebene blieben die Gespräche nicht immer, sagt sie. Es gebe oft Scherze, Berliner Humor, Herz und Schnauze. Doch es ist auch ein tödliches Virus. „Einmal war ein älterer Vater schon im Krankenhaus und die ältere Mutter blieb pflegebedürftig alleine zu Hause. Die beiden Töchter mit eigenen Familien durften nicht mehr zu ihrer Mutter“, berichtet Hanwig-Köhler. Dann sei der Vater gestorben. „Die Kollegin, die das an einem Wochenende betreut hat, war ganz schön fertig.“ Todesfälle gingen vielen an der Hotline nah. „Da ist niemand gefeit vor, das lässt sich nicht einfach wegdrücken“, sagt Hanwig-Köhler.

Psychologische Unterstützung gebe es für das Team nicht, aber Besprechungen. „Wir trauern auch um die Toten.“ Die Mitarbeiter der Hotline sind auch wie ein Seismograph für das Ausmaß von Einsamkeit in der Hauptstadt. Manchmal sind sie die Einzigen, die einen Menschen in zwei langen Quarantänewochen anrufen. Wenn Christina Hanwig-Köhler nicht am Telefon sitzt, kümmert sie sich wie sonst auch um den Finanzbereich für das Sozialamt. Sie überweist Gelder, die das Land Berlin für soziale Träger im Bezirk vergibt – Sozialberatung, Integrationsfonds, Obdachlosenhilfehilfe. Das kann nicht einfach liegenbleiben. „Dieser Stress macht was mit mir. Ich schlafe manchmal schlecht, mir gehen tausend Dinge durch den Kopf. Ich kann nicht so schnell abschalten“, sagt Hanwig-Köhler. „Aber ich bin relativ stabil.“

Außerdem sei ihr Sportstudio ohnehin geschlossen, auch ihre Tischtennis- und Gymnastikgruppe mache Pause. „Und mit Lesen ist nicht viel, weil mir einfach die Augen zufallen.“ Zur Entspannung gehe sie mit ihrem Mann spazieren. Und sie habe ihre Dia-Sammlung mit Fotos aus der Schweiz hervorgeholt. „Virtuelles Reisen entspannt mich auch. Das sind traumhaft schöne Landschaften.“