Bis vor einem Jahr war Frank sicher, dass er eigentlich gar keine Hilfe braucht. Dann aber drückte ihm die drei Jahre alte Tochter seiner Freundin „Das Dschungelbuch“ in die Hand und forderte „Vorlesen!“ Und Frank tat, wie ihm geheißen – oder vielmehr: Er tat so, als ob. „Ich habe mir einfach eine Geschichte ausgedacht“, sagt der heute 22-Jährige. Sie merkte es zwar nicht, aber er begriff, dass es so nicht weiter gehen kann. Frank kann nicht richtig lesen und schreiben, wie 320.000 andere Berliner auch.

Frank, der eigentlich anders heißt, aber anonym bleiben möchte, kann ein bisschen lesen, das Wort Berlin zum Beispiel und seinen Namen – aber er konnte bis vor Kurzem weder Straßenschilder entziffern, noch Rezepte lesen oder die Packungsbeilage eines Medikaments. Mit Büchern konnte er ebenso wenig anfangen wie mit dem Internet. „Ich dachte immer, ich bin der einzige blöde Mensch“, sagt Frank.

Anschluss verpasst

Seit 2014 besucht er eine Klasse beim Verein „Lesen und Schreiben“ in Neukölln, der seit 30 Jahren Betroffenen hilft. Geschäftsführerin Urda Thiessen kennt die Ursachen von Analphabetismus. „In der Schule besteht nur in den ersten Jahren die Möglichkeit, lesen und schreiben zu lernen“, sagt sie. Schaffe das ein Kind nicht – beispielsweise wegen Krankheit, Trennung der Eltern oder unentdeckter Schwerhörigkeit – ist der Anschluss weg. „Eine zweite Chance gibt es nicht.“

Auch bei Frank ist das so. Seine Eltern liefern sich zur Trennung einen Rosenkrieg; der Vater wird zum Alkoholiker; die Mutter, bei der Frank lebt, erkrankt an Krebs. Der Junge pflegt sie, kümmert sich um den Haushalt und den behinderten Bruder. Die Schule wird zur Nebensache. Dort fällt auf, dass Frank nicht lesen kann: Er kommt auf eine Sonderschule. Doch die Bildungslücke bleibt. Und sie hat Folgen.

„Beim Lesen und Schreiben geht es um Grundbildung“, sagt Urda Thiessen. Als Folge könne man sich kaum Informationen erschließen. Viele könnten Uhren nicht lesen oder hätten Probleme beim Rechnen. „Aber auch das Denken in Kategorien, in Oberbegriffen und unter einem anderen Blickwinkel leidet.“ Doch nicht nur intellektuell seien die Folgen groß. „All das, was allen zur Verfügung steht, ist nur eingeschränkt nutzbar.“ Viele Betroffene würden nicht reisen und auch nicht zur Wahl gehen. Untersuchungen hätten ergeben, dass sie sogar eine geringere Lebenserwartung haben. „So ein Leben zu führen, ist belastend und macht krank.“

Frank empfindet sein Defizit zunächst nicht als störend. Während in der Schule noch alle wissen, dass er nicht lesen und schreiben kann, verschweigt er es später. Er mogelt sich durch. Er denkt sich Geschichten aus. „Ich bin gut im Lügen. Aber das können alle Analphabeten.“

Viele von ihnen, sagt Urda Thiessen, entwickelten besondere Strategien, um sich zurechtzufinden: Wer Straßenschilder nicht lesen kann, bleibt immer im gleichen Kiez. Geschäfte und auffallende Häuser ermöglichen die Orientierung. „Bei Verabredungen fahren viele schon Stunden vorher los oder üben einen Tag vorher den Weg. Andere binden sich an jemanden, der ihnen hilft.“ Das aber schaffe Abhängigkeiten, manchmal auch finanzieller Art.

Ein ganz dickes Buch

Nicht selten ist die „Tarnung“ so gut, dass es keiner merkt. „Vielfach fällt es nicht mal in der Schule auf“, sagt Thiessen. Etliche Analphabeten seien extrem gut im Mündlichen, andere könnten gut auswendig lernen. „Analphabetismus ist meist kein Mangel an Intelligenz“, sagt Thiessen. Im Gegenteil: Es gehöre durchaus Intelligenz dazu, sich ohne lesen und schreiben zurechtzufinden. Die meisten kommen so gut zurecht, dass sie keine Hilfe von außen annehmen wollen. Das weiß auch der Senat: Elf Millionen Euro investiert er in den kommenden Jahren in seine „Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung“.
Frank weiß jetzt, dass er nicht der Einzige ist – er gehört zu dem einen Prozent Betroffener, das Hilfe sucht. Heute ist er glücklich über jeden Fortschritt: „Jeder Satz, den du lesen kannst, ist ein Erfolgserlebnis.“ Am 14. Februar 2014 schreibt er seine erste SMS – an seine Mutter.

Noch sechs Monate bezahlt das Jobcenter den Unterricht. „Ein Jahr länger wäre optimal“, sagt Urda Thiessen. Frank will Krankenpfleger werden und in einem Kinderhospiz arbeiten, doch erst muss er richtig lesen und schreiben lernen. Das weiß er auch. „Ich habe mir ein ganz dickes Buch gekauft.“ Es geht um einen jungen Mann mit einer schweren Kindheit. „Irgendwann lese ich das ganze Buch“, sagt er. „Und dann lese ich es zwei Leuten laut vor.“ Das Buch hat 132 Seiten.