Es ist Sonntag, es ist 9 Uhr, Berlin schläft noch. Die einzigen Leute, die um diese Zeit auf den Straßen zu sehen sind, müssen zur Arbeit, zum Bäcker oder ihre Hunde Gassi führen. Die Wetter-App hatte für diesen Tag hervorragendes Anbade-Wetter versprochen. Auf dem Handy leuchtete eine gelbe Sonne, kein Tropfen Regen, dazu bis zu 28 Grad. Nur am Morgen sollte es ein wenig bedeckt sein, maximal 35 Prozent Wolken. Die Realität sieht anders aus: Es sind 100 Prozent Wolken. Der Himmel ist grau, die Straßen noch nass vom nächtlichen Regen – und das Thermometer zeigt nur 20 Grad.

Wie höchst unterschiedlich das Wetter wahrgenommen wird, zeigt sich an einer Kreuzung in Friedrichshain: auf der einen Straßenseite ein Pärchen mit Hund. Herrchen und Frauchen in kurzen weißen Hosen und Shirts, dazu Badelatschen und Sonnenbrille. Gegenüber auch ein Pärchen mit Hund, doch diesmal in festen Schuhen, langen dunklen Hosen und Fleecejacken.

Für die einen ist Sommer, für die anderen Aprilwetter. Mal sehen, ob bei dem Wetter jemand baden geht. Da Kinder in solchen Fällen ziemlich hart im Nehmen sind, geht es nach Marzahn, in das Kindersommerbad mit dem passenden Namen Platsch.

Kinder beaufsichtigen ist Stress

Unterwegs wachsen die Zweifel. In Herzberge sitzen auf dem Radweg drei Amseln und trinken aus einer großen Pfütze. Es wird auch nicht wärmer und sonniger, sondern kühler und grauer. Doch in dem kleinen Sommerbad der Berliner Bäder-Betriebe ist das Tor weit geöffnet.

Drei Mitarbeiter sitzen unter einem Sonnenschirm, der sie vor winzigen Regentropfen schützt. Sie trinken Kaffee, denn alles ist vorbereitet. Die aufgeblasenen Schwimmreifen in Blau und Rot schwimmen im kreisrunden Planschbecken, Spielzeug liegt bereit, die Technik ist überprüft. Alles in Ordnung. Nur der Sandkasten ist noch mit einer Plane abgedeckt. Sie sind bereit. Jetzt müssen nur noch Gäste kommen.

9.50 Uhr, in zehn Minuten beginnt der Badetag. Gestern um die Zeit stand am Tor schon eine Schlange. Am Vortag war es angenehm voll mit etwas mehr als 200 Gästen. „An einem heißen Sommertag kommen etwa 600 Leute in das Bad“, sagt Badleiterin Ramona Sonntag.

Und werden heute Leute kommen? Ja, da sind sich die Mitarbeiter sicher. Denn am Vortag war es anfangs wolkig. Aber Prognosen sind schwierig. Es gibt auch Tage mit allerbestem Wetter, da ist es vergleichsweise leer, weil die Familien lieber an die Seen fahren. Die Grenze zu Brandenburg ist hier keine zwei Kilometer entfernt.

„Wir haben hier zehn Mitarbeiter“, sagt Badleiterin Ramona Sonntag. Eine Frau sitzt heute an der Kasse, zwei haben die Aufsicht, um die Kinder im Notfall zu retten. Die Retter erzählen, dass ihre Kollegen in den Bädern für Erwachsene manchmal grinsen, wenn sie erzählen, wie sehr sie bei Kindern aufpassen müssen. Es sei viel einfacher, ein paar erwachsene Schwimmer dabei zu beaufsichtigen, wenn die ihre Bahnen ziehen, als kleine Kinder.

Gerd Engelsmann
Die Kinder scheint es nicht zu stören, dass die Sonne noch nicht scheint.

Die Kollegin erzählt, dass sie vor zwei Tagen auch mal ins Becken musste, weil ein Kind einfach umgefallen und liegen geblieben war. „Die Kinder haben oft ihren Körper noch gar nicht unter Kontrolle, und bei den ganz Kleinen ist der Kopf der schwerste Körperteil“, sagt Badleiterin Ramona Sonntag. Die Rettungsschwimmer wissen: Die Kinder bleiben mitunter ganz ruhig im flachen Wasser liegen, ohne zu strampeln oder sich auch nur zu bewegen.

Deshalb sei die Aufsicht so wichtig. Denn die Eltern haben oft auch nicht alles im Blick, weil sie mit mehreren Kindern da sind.

Und irgendwann kommt die Sonne raus

10.06 Uhr. Tatsächlich: die ersten Gäste. Zwei Erwachsene, ein Bollerwagen, zwei Enkel – Zwillinge, die am nächsten Tag ihren dritten Geburtstag feiern werden. Petra und Gerd Gielow sind mit ihren Enkeln aus Mahlsdorf gekommen. Sie sind das erste Mal hier, schauen sich um und nicken. „Wir haben von dem Bad aus der Zeitung erfahren “, sagt sie. „Wenn wir gewusst hätten, dass es hier ein solch schönes Bad gibt, wären wir längst hier gewesen.“ Sie haben kein Auto, können also nicht an die Brandenburger Seen, aber der Bus brachte sie quasi von Tür zu Tür. Die Kinder rennen zum Wasser und gehen auch hinein. Obwohl es nur 22 Grad sind.

Gerd Engelsmann
Das Thermometer zeigt 23 Grad. Die Wassertemperatur liegt bei 22 Grad.

10.23 Uhr. Die Sonne kommt zum ersten Mal raus. Und es kommen mehr Gäste. Bernd Kaiser mit seiner fünfjährigen Tochter Liah. „Wir wohnen in einem Hochhaus dahinten“, sagt der 58-Jährige. „Das sind keine drei Minuten zu Fuß. Im Sommer sind wir fast jedes Wochenende hier.“ Und das graue Wetter? Er schaut zum Himmel und dann zu seiner Tochter. „Wir hatten es für heute eingeplant. Wir wären nur dann nicht gekommen, wenn es geschneit hätte.“ Er setzt sich auf eine Bank am Becken und seine Tochter geht zum Planschbecken.

11 Uhr. Der Himmel ist noch bewölkt, aber das Bad wird voller. Wenn mal niemand im Bad ist, pflegen die Mitarbeiter die Grünanlagen. Sie sind quasi nebenberufliche Gärtner. Die Anlage ist wirklich gepflegt, kein Müll, kein zertretenes Gras, viele Bäume, einige Spielgeräte. Im Hochsommer muss einer aus der Frühschicht immer um sechs da sein. Dann werden die Rasensprenger angestellt, damit die Wiesen schön grün bleiben, aber wieder abgetrocknet sind, bis um 10 Uhr die Tore öffnen.

Es ist kurz vor 12 Uhr. Die graue Masse am Himmel hat sich in weiße Wolken verwandelt mit ganz viel Blau dazwischen. Nun wird es voll, und spätestens jetzt muss die Sonnencreme rausgeholt werden. Der Rettungsschwimmer steht auf der einen Seite des Beckens und schaut auf die Kinder. Seine Kollegin steht gegenüber. Auch sie hat die Arme verschränkt, aufmerksamer Blick, den sie auch nicht von den Kindern nimmt, als sie sagt: „Es ist immer wieder schön zu sehen, wie wenig nötig ist, um Kinder glücklich zu machen.“

Und irgendwann strahlt die Sonne - und um 17 Uhr, eine Stunde vor „Wasserschluss“, sind fast genauso viele Gäste da wie am Vortag.