Berlin - Wen ich auch immer anspreche – meist höre ich Antworten wie diese: Oh, das ist ja toll! Der Seelenbinder war ein Guter“, sagt Michael Fuchs. Der Wahl-Köpenicker gehört zu einer überparteilichen Bürgerinitiative, die am Köpenicker Amtsgericht eine Gedenktafel für den Sportler Werner Seelenbinder, der 1944 von den Nazis hingerichtet worden ist, anbringen will.

Die Tafel soll am Sonnabend um 10 Uhr am Köpenicker Mandrellaplatz 6 eingeweiht werden. Am 24. März jährt sich zum 85. Mal die Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes, mit dem Hitler in Deutschland die gesetzgebende Gewalt an sich riss.

Original-Gedenktafel wurde entwendet

Es gibt eine Besonderheit bei dieser Gedenktafel: Sie sieht genau so aus wie ihre aus der DDR stammende Vorgängerin. Diese wurde im Mai 2003 bei Fassadenarbeiten am Köpenicker Amtsgericht entwendet. Die Ermittlungen der Polizei liefen ins Leere. „Wir wollen diese Tafel als originalen Nachguss wieder anbringen“, sagt Michael Fuchs, Sprecher der Köpenicker Bürgerinitiative. „Denn das Amtsgericht steht mitsamt der Tafel unter Denkmalschutz.“

Den Antrag für das Projekt hatte 2017 Torsten Postrach vom Bürgerverein Allende-Viertel gestellt. Mitgetragen wird die Initiative unter anderem vom Köpenicker Verein Rabenhaus, dem Bund der Antifaschisten Treptow und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes Köpenick. Die Bezirksverordnetenversammlung Treptow-Köpenick bewilligte für das Projekt Sondermittel in Höhe von 1327,60 Euro. Auch die Kiezkasse Dammvorstadt sowie eine Reihe privater Spender gaben Geld.

Es soll eine zweite Tafel geben

Aber auch Einwände waren zu hören. Seelenbinder werde genug geehrt, sagten Kritiker. So wurde 2004 der Sportpark Neukölln in Werner-Seelenbinder-Sportpark umbenannt. Am Stadion Neukölln war Seelenbinders Urne 1945 beigesetzt worden. 2017 beschlossen die Neuköllner Abgeordneten, die Grabanlage wieder sichtbarer zu machen und eine Informationstafel aufzustellen. 2008 wurde Seelenbinder auch in die „Hall of Fame des deutschen Sports“ aufgenommen, eine virtuelle Erinnerungsstätte der Stiftung Deutsche Sporthilfe.

Ein anderer Einwand galt dem Text der Gedenktafel, auf der Seelenbinder als „mutiger Kämpfer gegen Faschismus, Imperialismus und Krieg“ gewürdigt wird. Dieser Text aus der DDR-Zeit sei nicht mehr zeitgemäß, hieß es aus den Reihen der SPD in der Bezirksverordnetenversammlung.

Beschlossen wurde daraufhin, neben dem Nachguss eine zweite Tafel anzubringen, um das „Gedenken an Werner Seelenbinder im Wandel der Zeit“ zu erläutern. Ein Kompromiss zur historischen Einbettung. Mancher verwies auch auf den Hof des Amtsgerichts, wo Seelenbinder bereits seit 2006 als „Opfer des NS-Regimes“ geehrt werde.

„Er war aber mehr als nur ein Opfer“, entgegnet Michael Fuchs. Für ihn widerspiegelt der alte Text besser den Geist Seelenbinders, der bewusst zum Kommunisten und Hitlergegner geworden war.

Er war einer der beliebtesten Berliner

Den meisten Menschen ist Werner Seelenbinder heute kaum noch bekannt. Bei vielen Älteren – vor allem im Osten Berlins – hat er aber noch immer einen guten Klang. In Prenzlauer Berg stand am Ort des heutigen Europasportparks Berlin von 1950 bis 1992 die Werner-Seelenbinder-Halle. In ihr fanden Sportveranstaltungen, Konzerte, Kongresse und SED-Parteitage statt. Trotz aller Heroisierung stand der Name Seelenbinders vor allem für Sportlerehre und Geradlinigkeit.

Werner Seelenbinder gehörte einst zu den bekanntesten und beliebtesten Berlinern. Er war eine Art Max Schmeling des Ringkampfs. Von 1933 bis 1941 wurde er sechs Mal deutscher Meister im Ringen. Wenn er durch die Markthalle am Alex ging, hätten ihm Händler Geschenke gemacht, ihn für seine sportlichen Leistungen bewundert, heißt es in einem Buch, das Friedel Schirm, eine gute Freundin, einst schrieb.

Seelenbinder verweigerte den „Deutschen Gruß“

Geboren wurde Seelenbinder 1904 in Stettin. Bald zog die Familie nach Berlin, ließ sich in Neukölln nieder. Die Mutter starb, als Seelenbinder 14 Jahre alt war. Er konnte keinen Beruf erlernen, sondern nahm Arbeit an, wo immer sie sich ihm bot. Lange Zeit war er Transportarbeiter bei der AEG in Treptow. Nebenbei trainierte er im Sportclub „Berolina 03“ in Neukölln. Er rang als Halbschwergewichtler im griechisch-römischen Stil, holte etliche Meistertitel. Sein Übungsleiter, ein Kommunist, beeinflusste ihn politisch. 1928 trat Seelenbinder in die KPD ein.

Die Nazis wollten den populären Ringer nach 1933 als Aushängeschild nutzen. Freunde rieten ihm, in die gleichgeschaltete Sportvereinigung Ost einzutreten. Dort könne er der illegalen KPD nützlich sein. Doch der erste Eklat kam bald. Als er 1933 zum ersten Mal deutscher Meister wurde, verweigerte Seelenbinder bei der Siegerehrung den „Deutschen Gruß“. Für Martina Behrendt vom Sportmuseum Berlin war das „eine spontane Reaktion, die er nicht abgewogen hat“. Außerdem wurde er bei der Gestapo denunziert, weil er sich weiter kommunistisch betätige.

Man verhaftete ihn, ließ ihn zwar bald frei, sperrte ihn aber als Sportler. Ab 1935 durfte er wieder starten. Als ältester Ringer kam er 1936 in die Olympiamannschaft, in der er einen vierten Platz erkämpfte. Auf eine Einladung im Namen Hitlers zu einem Sportlerbankett antwortete er: „An Herrn Hitler! Kann leider nicht kommen, da ich unpässlich bin.“

Ein Doppelleben

In den Jahren seiner größten sportlichen Erfolge führte Seelenbinder ein Doppelleben. Auf Reisen zu Wettkämpfen im Ausland fungierte als illegaler Kurier der KPD. Er musste sich unter den Augen der Aufpasser ständig neue Tricks ausdenken („schöne Stunden mit einem netten Mädchen“), um Kontaktpersonen treffen zu können. Nach Beginn des Krieges 1939 wirkte er in einer illegalen Gruppe um den Werkzeugmacher Robert Uhrig. Er verbreitete illegale Schriften und besorgte Quartiere. Am 4. Februar 1942 wurde er verhaftet – mit ihm 200 Mitglieder der Uhrig-Gruppe.

Als das Regime nach dem missglückten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 im großen Stil mit seinen Gegnern aufräumte, kam Seelenbinder vor den Volksgerichtshof in Potsdam und wurde zum Tode verurteilt. In seinem Gnadengesuch beschwor er seine „Verdienste um den deutschen Sport“ und bat, zur Bewährung an die Front geschickt zu werden. Doch nichts half. Am 24. Oktober 1944 wurde er als einer von 27 Häftlingen im Zuchthaus Brandenburg mit dem Fallbeil hingerichtet.

Eine zeitgemäße Ehrung

Mit Köpenick selbst hatte Seelenbinder kaum etwas zu tun, außer, dass sein Vater hier nach Kriegsende in einer Gartenkolonie wohnte. Die Berliner Zeitung besuchte ihn dort im September 1945. Es wäre eine interessante Aufgabe, herauszufinden, wer die Idee hatte, die vormalige Kirdorfstraße nicht weit vom Bahnhof Köpenick 1947 in Seelenbinderstraße umzubenennen. Die erste Tafel für Seelenbinder am Amtsgericht war unterschrieben mit „Die Pioniere der 9. Schule“, die ganz in der Nähe stand. Wie kam es zu dieser Tafel, und wer initiierte in den 70er-Jahren jene, die jetzt erneuert wird?

Für Michael Fuchs, der 1968 in Nordrhein-Westfalen geboren wurde, ist die Ehrung für Seelenbinder durchaus zeitgemäß. „Wo ich herkomme, gibt es noch Gedenksteine für SS-Leute“, sagt er. Die Seelenbinder-Tafel wird nicht nur wenige Schritte entfernt vom Amtsgerichtsgefängnis hängen, wo 1933 bei der „Köpenicker Blutwoche“ Hitlergegner bestialisch gequält wurden, sondern auch unweit der deutschen NPD-Zentrale in der Seelenbinderstraße. „Wenn die Nazis sie sehen, werden sie sie vielleicht gleich besprühen“, sagt Fuchs. Dafür wurde sie mit einer Schutzschicht versehen.