Klar, jetzt könnte man einwenden, dass die SPD generell nicht für eine besonders sanfte Behandlung ihres Spitzenpersonals bekannt ist. Man könnte die Namen Rudolf Scharping und Kurt Beck erwähnen und sagen, dass Andrea Nahles selbst in der Vergangenheit nicht zimperlich dabei war, wenn es drum ging, einen Parteivorsitzenden aus dem Amt zu jagen. Und doch spielt der Faktor Frau noch mal eine besondere Rolle.

Putschgerüchte gab es seit Wochen, wenn nicht seit Monaten, und in allen Äußerungen, die in den vergangenen Tagen kursierten, schwang ein sexistischer Ton mit. „Wir schämen uns für dich“ – hätte das jemand zu Sigmar Gabriel gesagt? Zu Martin Schulz? Gab es da nicht einen gewissen letzten Respekt für jemanden, der sein Leben der Partei gewidmet hat? Wie will die Partei, die angeblich für Solidarität steht, je wieder Leute davon überzeugen, sich zu engagieren?

Es geht nicht darum, dass Nahles als SPD-Chefin keine Fehler gemacht hat. Es geht nicht darum, dass sie es nicht konnte. Es geht nicht darum, dass sie die Machtkämpfe nicht aushielt oder dass sie von den Belastungen überfordert war. Es geht um die Probleme, die andere mit ihr hatten. Weil sie eine Frau ist. Dazu noch eine alleinerziehende Mutter.

Frauen sind in der Politik die Ausnahme

Männer sind in der Politik der Normalzustand. Frauen die Ausnahme. Deshalb gelten für ihr Verhalten besondere Spielregeln, Angela Merkel hat sie perfektioniert: ruhig bleiben, da sein, kühl analysieren, wenig Emotionen zeigen, Tarnanzug tragen und immer schön die Klischees mitdenken, denen man als Frau ausgesetzt ist. Was bei Männern als durchsetzungsstark und konsequent gilt, wirkt bei Frauen als aggressiv und eiskalt.

Andrea Nahles ist auch gescheitert, weil sie sich nicht wie eine Frau verhielt. Für eine Frau in der Öffentlichkeit war sie zu laut, zu direkt, zu peinlich. „Wir schämen uns für dich“, sagten sie. Sie war zu männlich. Und war gleichzeitig nicht männlich genug. Als sie 2010 schwanger war, wurde ihr nahegelegt, dass sie ihren Job als Generalsekretärin niederlegen solle, wegen der Belastung. Acht Wochen nach der Geburt saß sie wieder im Büro.

Als Sigmar Gabriel Vater wurde, ließ er sich feiern, wenn er mal seine Tochter vom Kindergarten abholte. Männer und Frauen werden nach anderen Kriterien und Maßstäben beurteilt. Jedes einzelne Wort von Nahles wurde viel stärker auf die Goldwaage gelegt als bei männlichen Kollegen – und auch sofort immer mit Fragen über ihre grundsätzliche Eignung verbunden. Kann die das? Das ist die Frage, die sich meist nur Frauen anhören müssen. Als sie als neue Fraktionschefin flapsig in Richtung Union sagte, die werden was „auf die Fresse“ bekommen, sorgte das für einen tagelangen Shitstorm.

Die Fähigkeit zu Selbstkritik ist womöglich auch etwas Weibliches

Leitartikler stellten ihre Eignung in Frage. Und Gabriels Ausdruck vom „Pack“? Steinbrücks Stinkefinger? Das war nicht peinlich, wie bei Nahles, das waren halt Kerle. Andrea Nahles entschuldigte sich für ihren Ton. Die Fähigkeit zu Selbstkritik ist womöglich auch etwas Weibliches. Und dann schon wieder falsch, weil schwach.

Es ist ja schon ziemlich verrückt, wenn man bedenkt, wie lange es gedauert hat, bis die SPD überhaupt eine Frau an die Spitze gewählt hat. Hätte Marie Juchacz wahrscheinlich nicht geglaubt, als sie damals vor 100 Jahren als erste Frau im Reichstag sprach, dass es so lang dauern würde. Und eine Frau kam auch erst dann nach ganz oben, als die beste Zeit der SPD schon vorbei war. Und selbst dann war es für die SPD-Alphamänner kaum zu ertragen, dass eine Frau im Willy-Brandt-Haus und in der Fraktion am Steuer saß. Gerhard Schröder oder Sigmar Gabriel ließen es sich nicht nehmen, jeden Schritt der Parteichefin zu bekritteln, natürlich angerufen von männlichen Journalisten, die die Politik-Beschreibung dominieren.

Auch in den letzten Tagen waren Nahles härteste Kritiker Hinterbänkler, Männer. Sie arbeiteten sich an Nahles „Bätschi“ oder fehlenden Gesangskünsten ab, statt darüber nachzudenken, wie man den Sinkflug der SPD aufhalten kann. Von Frauensolidarität war allerdings auch nicht viel zu merken. Malu Dreyer und Manuela Schwesig sind als Nachfolgerinnen im Gespräch. Sie wissen, was ihnen blüht.