Berlin - Die Sonne scheint, die Dealer stehen herum und sprechen Leute an, drei Polizeitransporter halten 50 Meter entfernt. Auf einer Bank sitzt ein in Camouflage gekleideter Mann mit einer Flasche Sternburg, dem es jetzt reicht. Als weitere vier „Wannen“ halten, steht er auf und schnappt sich die Flasche. „Was ist hier los? Machen die sich einen schönen Tag oder was?“, brummt er und geht.

Es kommt auf die Betrachtungsweise an. Hier im Görlitzer Park will Innensenator Andreas Geisel gleich aufräumen. Mit dem Klischee vom gefährlichsten Park Deutschlands. Seit Jahren ist die Kreuzberger Grünanlage als Drogen-Hotspot und in internationalen Reiseführern als der Ort bekannt, wo man Marihuana, Koks und Ecstasy kaufen kann. Vor allem Dealer aus Afrika, die als Flüchtlinge kamen, warten hier auf Kunden. Sie halten sich nun im Hintergrund – jetzt, wo SPD-Mann Geisel in die Kameras und Aufnahmegeräte spricht, die die für diesen Termin eingeladenen Medienleute ihm entgegenstrecken.  „Die Situation ist besser geworden…“, sagt er.

„Nichts ist besser geworden!“, ruft ein Mann, der von der Seite gelauscht hat. „Gar nix! Ich wohne in der Wiener Straße!“

Geisel geht schnell weiter, der Pressetross hinterher, vorbei an einem Hügel, auf dem sich zwei Polizisten mit einen Spürhund postiert haben. „Unsere Schutzhunde sind hier gerade im Einsatz“, sagt der Polizeiführer, der neben dem Senator geht. Während Geisels Besuch hat die Polizei mit einem sogenannten Präsenzeinsatz begonnen. „Es geht darum, die Menschen hier auch niederschwellig anzusprechen. Heute haben wir auch unsere Fahrradstaffel hier“, sagt der Polizeiführer. Zwei Polizisten in gelben Jacken warten auf Fahrrädern neben dem Bolzplatz, als der Senator an ihnen vorbeischreitet. Der Tross zieht vorbei an zwei weiteren Polizisten, die einen Mann durchsuchen, dessen Hände auf dem Rücken gefesselt sind.

Geisel und der Polizeiführer halten an. An die Presse wird ein 27 Seiten dicker Bericht der Innenverwaltung verteilt. Dessen Zahlen geben dem Senator auf seinem Spaziergang Grund zum Frohlocken, nachdem die CDU immer wieder gegiftet hatte, dass die Drogenpolitik des rot-grünen Senats gescheitert sei.

Görlitzer Park: 290.000 Euro Drogengeld beschlagnahmt

Laut Bericht verzeichnete die Polizei im vergangenen Jahr im Görlitzer Park weniger Begleitkriminalität im Zusammenhang mit Drogenhandel: 36 Prozent weniger Diebstähle, 22 Prozent weniger Raubtaten, 12 Prozent weniger Körperverletzungen. Gestiegen ist dagegen die Zahl der Drogendelikte, was ein Zeichen dafür ist, dass stärker kontrolliert wird. Polizisten beschlagnahmten 60 Kilo Marihuana, Amphetamine und Kokain und mehr als 290.000 Euro Drogengeld. 62 Haftbefehle konnten Kripo und Staatsanwälte erwirken.

Jeden Tag, außer Heiligabend und Silvester, zeigte die Polizei hier nach eigenen Angaben Präsenz, war mit ihrer Brennpunkteinheit und mit Hunden unterwegs, um Drogenverstecke zu finden. Ein eigenes Schwerpunktkommissariat befasst sich inzwischen mit den Dealern. Fast ein Viertel der erwischten Verdächtigen kommt aus Gambia, fast 20 Prozent aus Guinea. Nach Möglichkeit sollen sie abgeschoben werden. „Aufenthaltsbeendende Maßnahmen“ nennt Geisel das.

Der Senator sagt: „Die Ergebnisse sind noch nicht gut, aber sie sind deutlich besser geworden. Das hat damit zu tun, dass sich die Einsatzstunden der Polizei 2020 verdreifacht haben.“ Er spricht über die polizeilichen und ausländerrechtlichen Maßnahmen und über die sozialen Maßnahmen im Park. Über die Parkläufer und Sozialarbeiter, die hier vor Ort sind. Über die Kultur- und Sportangebote. Und er spricht darüber, dass die Drogenhändler ausweichen auf andere Orte, etwa zum Kottbusser Tor. Und dass es Drogenverkäufer gebe, solange es Konsumenten gibt.

Der Wahlkampf hat längst begonnen

Da im Herbst Abgeordnetenhauswahl und jetzt schon Wahlkampf ist, beginnen sich die Parteien inhaltlich stärker voneinander abzusetzen. Andreas Geisel würde sich eine Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft für den Park und den angrenzenden Wrangelkiez wünschen. „Dann wären unsere Maßnahmen wesentlich wirksamer.“ Doch bisher habe sich die Freude darüber in Grenzen gehalten, sagt er in Richtung des grünen Justizsenators.

„Anwohner berichten, dass das Sicherheitsgefühl besser geworden ist“, sagt er dann noch. „Das stimmt nicht“, sagt Yussif Tekin, der nebenan wohnt. „Meine Frau und ich trauen uns mit den Kindern nicht in den Park. „Sobald die Polizei wieder weg ist, sind die Dealer wieder da und belästigen dich.“

Dann ist der Senator weg und auch die Polizisten ziehen ab. Minuten später kommen drei junge Männer den Weg entlang und sprechen Spaziergänger an: „Hey, Gras?“