Berlin - An den 31. Juli 2007 wird sich Andrej Holm wohl immer erinnern. Er hat den Morgen jenes Tages in einem Interview einmal so geschildert: „Gegen 7 Uhr wurde ich vom Hämmern an der Tür geweckt. Als ich öffnete, wurde ich zu Boden gerissen. Dann stürmte ein Dutzend bewaffneter Männer die Wohnung und sicherte ein Zimmer nach dem anderen, darunter den Raum, wo unsere Kleinkinder schliefen.“

Die bewaffneten Männer waren Polizisten. Sie verhafteten Holm. Der Vorwurf: Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, der „militanten gruppe“, einer linksradikalen Untergrundorganisation. Diese wurde 2001 erstmals auffällig, als sie dem Regierungsbeauftragten für die Entschädigung der Zwangsarbeiter, Otto Graf Lambsdorff, Drohbriefe und scharfe Munition zusandte.

Ein Monat U-Haft

Andrej Holm war spätestens 2006 ins Visier der Fahnder geraten. Seitdem beobachteten und bespitzelten sie ihn, hörten sein Handy ab, werteten seine Schriften aus. Nach Aussagen von Holms Anwältin hatten die Ermittlungen mit einer Google-Recherche des Bundeskriminalamtes begonnen. Gesucht wurden Personen, die Begriffe verwendeten, wie sie auch in Texten der Militanten benutzt wurden. Gefunden wurde unter anderen der Stadtsoziologe Andrej Holm. Von ihm verwendete Begriffe wie Prekarisierung und Gentrifizierung tauchten auch in Bekennerschreiben auf.

Nach einem Monat in Untersuchungshaft wurde Andrej Holm von der Haft verschont, der Haftbefehl wenig später mangels dringenden Tatverdachts aufgehoben.

Holm polarisiert

Jetzt, ziemlich genau zehn Jahre später, macht Holm politische Karriere. Die am Donnerstag ernannte Senatorin für Bauen und Stadtentwicklung, Katrin Lompscher (Linke), macht den 46-Jährigen zu ihrem Staatssekretär für Wohnen. Diese Personalie ist ein echter Coup, denn Holm polarisiert – und er ist ein Star der Anti-Gentrifizierungsszene.

Geboren wurde Holm am 1970 in Leipzig. Noch im September 1989 begann er eine Grundausbildung im Wachregiment Feliks Dzierzynski. Holm schreibt selbst dazu: „Ja, (…) ich sollte anschließend bei der Stasi arbeiten. Glücklicherweise hat die Wende (und die Auflösung des MfS) dieser bedrückenden Berufsperspektive ein Ende gesetzt. Menschen können Ein- und Ansichten im Laufe ihres Lebens verändern. Ich orientiere mich heute beispielsweise eher an libertären Gesellschaftsutopien und will auch die DDR nicht zurückhaben.“

Linksradikale Kreise

Die Beschäftigung mit diesen Utopien hat ihn nach dem Ende der DDR in linksradikale Kreise geführt. Er war in der Hausbesetzerbewegung aktiv, arbeitete in Stadtteilgruppen, beteiligte sich später an Protesten gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm.

Die Berufung Holms ist aber nicht nur wegen seiner schillernden Biografie bemerkenswert, auch als Wissenschaftler hat er sich einen Namen gemacht. Der Sozialwissenschaftler, der an der Humboldt-Universität zu Stadterneuerung und Wohnungspolitik im internationalen Vergleich forscht, kritisiert seit Langem den Umgang mit dem Phänomen der wachsenden Stadt.

Berlin baut falsche Wohnungen

Holms These ist: Berlin baut nicht nur zu wenige Wohnungen, sondern auch die falschen. „Insgesamt gibt es einen Baubedarf von 150.000 Wohnungen, aber gleichzeitig muss man die soziale Lebenslage der Menschen im Blick haben“, sagt er. Es gebe ein Defizit von 130.000 Wohnungen für Menschen, die maximal über 80 Prozent des Durchschnittseinkommens verfügen. „Diese Menschen brauchen Wohnungen, die nicht viel teurer sind als 5 Euro Monatsmiete pro Quadratmeter. Im Neubau kosten Wohnungen aber rasch 12 Euro. Der Bedarf ist also allein durch Neubau nicht zu befriedigen.“ Öffentliche Wohnungsbaugesellschaften müssten massiv vorhandene Wohnungen zukaufen.

Das sind Thesen, die vor allem der Politik der SPD zuwiderlaufen, mit denen die Linken nun – zusammen mit den Grünen – eine Koalition bilden. Streit ist wahrscheinlich.