Es gibt Fehler, die konnte man nur als Ostdeutscher machen im geteilten Deutschland, vom Herbst des Jahres 1949 bis zum Herbst 1989. Und deshalb gibt es auch Konsequenzen, die nur Ostdeutsche im wiedervereinigten Deutschland ziehen mussten – und vielleicht immer noch müssen. Das ist eine wichtige Feststellung. Man sollte sich das klar machen, wenn man als Westdeutscher über den designierten Berliner Staatssekretär Andrej Holm, geboren in Leipzig, und über dessen Vergangenheit in der DDR schreibt.

Es gibt aber auch Repressalien und staatliche Gewalt, die nur Ostdeutsche erlebt und erlitten haben. Weil es die Stasi gab. Auch das ist eine Feststellung, die man sich klar machen muss, wenn man über einen Mann wie Holm nachdenkt, der mit 14 zur Stasi sollte und wollte – und das Glück hatte, dass ihm die DDR und die Stasi im Herbst 1989 abhandenkamen.

Ein Mann, der danach ein, zwei, drei neue Leben begann, als Radikaler, als Globalisierungsgegner und als Wissenschaftler in Berlin. Jetzt holt ihn sein ganz altes Leben ein. Vielleicht hätte er es sich denken können, als ein 46-Jähriger, der in die Berliner Politik drängt, ein Familienvater heute, der einmal ein Jugendlicher war, der zu lange an einen Staat geglaubt hat. An den Staat seiner Eltern: die DDR.

Seine Großeltern flohen vor den Nazis in die Sowjetunion, Holms Vater wurde in Moskau geboren. Es gibt Familiengeschichten, die es vor allem in Ostdeutschland gibt. Wer konnte sie sich aussuchen?

Viel ist falsch gemacht worden

Man muss Andrej Holm, den Soziologen und Aktivisten, nicht mögen. Er kann ein sperriger Mann sein. Man muss auch Holms Politik nicht gutheißen, er war ein radikaler Linker und ist es in vielen seiner Ansichten geblieben. Man kann auch die Opfer der DDR verstehen, denen es schwer fällt, einen Mann wie Holm, der aus einer Stasi-Familie stammt und sich dann selbst der Stasi andiente, nun in der Berliner Regierung zu sehen. Das alles spricht dafür, sich mit Holm hart auseinanderzusetzen, wenn man ihn als politischen Gegner betrachten will.

Aber was spricht dafür, ihn heute politisch verbannen zu wollen, weil er als Jugendlicher nicht den Mut hatte, sich gegen seine Erziehung, gegen die Überzeugung der Eltern zu stellen? Wenig, denn damals änderte sich die Welt. Heute wissen wir das. Heute. Sicher, es ist befremdlich, dass ein junger Mann wie Holm nicht gegen die Stasi rebellierte, sondern sich ihr anschloss. Wenn man ihn richtig versteht, findet er es heute selbst befremdlich.

Viel ist bei der Aufarbeitung der Stasi-Geschichte falsch gemacht worden, auch in dieser Zeitung. Im ganzen Land kamen Täter davon, Opfer wurden nicht gehört. Vielleicht wird sich noch zeigen, ob Holm einst jemandem geschadet hat, weil er für das Falsche einstand. Dann wird man das verfolgen müssen. Aber machen wir zum jetzigen Zeitpunkt etwas richtig, wenn wir einem Menschen sagen: Du hast als junger Mann in der DDR Fehler gemacht. Deshalb darfst Du Dich zeit Deines Lebens nie wieder politisch betätigen, kein Amt bekleiden. Auch wenn Du noch so oft gesagt hast: Es war ein Fehler.

Eine freie Gesellschaft fordert auch

Nein, einen Menschen so zu behandeln, ist nicht klug. Es ist auch politisch falsch. Was wäre das für eine kleinmütige Demokratie, die 27 Jahre nach dem Mauerfall, 27 Jahre nach dem Fall der Diktatur, nicht auch mit denen reden wollte, die einst auf der anderen Seite standen.

Wer zeigen möchte, was eine offene Gesellschaft vermag, muss sich mit Holm politisch auseinandersetzen. Anlass dazu gibt es genug; und das zu diskutieren, ist weitaus souveräner, als einem 46-Jährigen den Fehler vorzuhalten, den er als 14-Jähriger machte. Diese Souveränität sollte auch der große Unterschied sein zwischen einer Demokratie und jener deutschen Diktatur, aus der Holm kam:  Eine freie Gesellschaft nimmt ihren Bürgern nicht die Chancen, sie gibt sie.

Aber, und das ist fast dreißig Jahre nach dem Mauerfall noch wichtiger als der Blick zurück: Sie fordert auch etwas. Sie fordert von einem Berliner Staatssekretär ein Bekenntnis zu diesem vereinten Deutschland. Ein Bekenntnis zu dessen Verfassung und Verfasstheit. Nicht nur wegen der Pensionsansprüche, die irgendwann daraus erwachsen könnten. Sondern vor allem deshalb, weil diese Gesellschaft einem radikalen Kritiker der Verhältnisse, wie Andrej Holm es ist, die Möglichkeit bietet, die Verhältnisse mitzugestalten. Das ist, um es ein wenig pathetisch zu sagen, der liberale Zauber dieser Veranstaltung, die Demokratie heißt – und der wahre Grund, auch mit denen zu reden, die etwas später zu ihr gefunden haben.