Der angeklagte Gregor S. hat in Andernach ein völlig unauffälliges Leben geführt. Er arbeitete als Lagerist. Doch er soll die Familie von Richard von Weizsäcker seit vielen Jahren ausgespäht haben.
Wagner

BerlinDer Mann hinter der Scheibe aus Panzerglas im größten Saal des Berliner Landgerichts zeigt sein Gesicht offen in die Kameras. Er will, dass das Foto von ihm nicht gepixelt wird. Gregor S., ein hagerer Mann von 59 Jahren, muss sich seit Dienstag wegen Mordes und versuchten Mordes vor dem Landgericht verantworten. Der Lagerist soll im November vergangenen Jahres Fritz von Weizsäcker, den Chefarzt der Schlosspark-Klinik und Sohn des einstigen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, mit einem Messer getötet haben. 

Dem Angeklagten sitzt Beatrice von Weizsäcker gegenüber, die Schwester des getöteten Mediziners. Sie ist in dem Prozess Nebenklägerin - ebenso wie die beiden 14 und 17 Jahre alten Kinder des Arztes. Die Teenager sind nicht anwesend, sie werden von dem Anwalt Roland Weber vertreten.

Seit 30 Jahren soll Gregor S. die Familie des einstigen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker gehasst haben. So sagt es Stephan Maigné, der Anwalt von Beatrice von Weizsäcker.  Am 19. November 2019 schritt Gregor S. zur Tat: Er fuhr mit dem Zug von Andernach in Rheinland-Pflanz nach Berlin, um den 57-jährigen Fritz von Weizsäcker zu töten.

Gregor S. soll sich Tage zuvor telefonisch für den Vortrag des Mediziners zum Thema Fettleber in der Charlottenburger Klinik angemeldet haben. Gegen 18.50 Uhr sei er von seinem Stuhl aufgesprungen und habe dem Vortragenden unvermittelt und in Tötungsabsicht ein Klappmesser in den Hals gestochen, sagt die Staatsanwältin Silke van Sweringen in ihrer Anklage. 

Ferrid Brahmi, ein zufällig anwesender Polizist, ging dazwischen. Auch er sei von dem Angeklagten durch Schnitte am Hals, Oberkörper und an den Händen schwer verletzt worden. Doch er konnte Fritz von Weizsäcker nicht mehr retten. Der Chefarzt und Vater von vier Kindern starb noch am Tatort. Brahmi, ebenfalls Nebenkläger im Prozess, ist noch immer von den Verletzungen gezeichnet.

Nach Angaben der Staatsanwältin habe Gregor S. schon seit längerem Hass auf die Familie des einstigen Bundespräsidenten verspürt. Weil Richard von Weizsäcker „vermeintlich durch seine frühere Tätigkeit für das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim für die Produktion des Entlaubungsmittels Agent Orange, das im Vietnamkrieg Verwendung fand, mitverantwortlich sei, wodurch zahlreiche Vietnamesen ums Leben gekommen seien", sagt van Sweringen. Gregor S. will sich erst am nächsten Prozesstag in einer Woche zu den Vorwürfen äußern.

In dem Verfahren soll auch geklärt werden, ob Gregor S. schuldfähig ist. Roland Weber, der Anwalt der beiden noch nicht volljährigen Kinder von Fritz von Weizsäcker, nennt Gregor S. einen schwer kranken Mann, der die Tat im Wahn begangen habe. Die Vorwürfe, die der Angeklagte erhoben habe, seien an den Haaren herbeigezogen.