Stark, nobel und richtig – so hat der stellvertretende CDU-Vorsitzende Volker Bouffier die Entscheidung Angela Merkels bezeichnet, die Führung der Partei nach 18 Jahren abzugeben. Besser kann man es kaum formulieren. Sie wolle nicht als halbtotes Wrack aus dem Amt scheiden, hat sie vor vielen Jahren einmal gesagt. Das ist ihr nun gelungen, und noch viel mehr.

Sie hat etwas geschafft, das den wenigstens Politikern gelingt: In Würde zu gehen. Man kann sagen, das war auch höchste Zeit. Die Kritik an ihr war ja nicht mehr zu überhören, und die Zukunft der CDU als Volkspartei ist gefährdet. Man weiß auch noch nicht, ob ihr Plan mit der Weiterführung des Kanzleramts wirklich aufgehen wird. Aber den ersten Schritt des Ausstiegs hat sie nun selbstbestimmt und erhobenen Hauptes vollzogen, das ist schon viel.

Damit ist das Ende einer Ausnahmekarriere der deutschen Politik abzusehen, die das Land in entscheidenden Phasen geprägt hat, eine Zeit, von der man zu Recht als einer Ära sprechen wird. Dieser 29. Oktober 2018 wird einen ähnlichen Platz in den Geschichtsbüchern einnehmen wie der 10. April 2000, als diese ostdeutsche, vielen Bundesbürgern kaum bekannte Physikerin und Protestantin zur Vorsitzenden der CDU gewählt wurde – und wie der 22. November 2005, als sie das Amt der Bundeskanzlerin übernahm. Es sind Tage historischer Zäsuren. 

Angela Merkel war ein Stabilitätsanker

Kaum jemand hat damals damit gerechnet, dass sie mehr als ein paar Jahre in ihren Ämtern bleiben könnte, die „Zonenwachtel“, wie sie in den mächtigen westdeutschen, meist männlich und katholisch geprägten Landesverbänden der CDU geschmäht wurde. Merkel hat darauf reagiert, indem sie lange Zeit wie eine Art politisches Neutrum aufgetreten ist, nicht erkennbar als Ostdeutsche, als Frau, als Christin, eine ideelle Gesamtdeutsche. Möglicherweise stünde es heute um die gesamtdeutschen Verhältnisse besser, wenn sie den Ostdeutschen stärker vermittelt hätte, dass sie doch eine der Ihren ist. Stattdessen ist sie vor allem von jenen, die mit den neuen Bedingungen im vereinigten Deutschland weniger gut zurechtkommen, als eine besonders hassenswerte Wendegewinnerin wahrgenommen worden. Nirgendwo schallte die Parole „Merkel muss weg“ in den letzten Jahren lauter als auf ostdeutschen Marktplätzen.

Nun wird sie in absehbarer Zeit weg sein und es ist bereits spürbar, dass viele sie vermissen werden. Sie war in den immer unübersichtlicher werdenden Zeiten ein Stabilitätsanker, ein ruhender Pol in all den Aufgeregtheiten des Politikbetriebes. Das war wohltuend nach dem Machogehabe, mit dem sich ihr Vorgänger Gerhard Schröder gern hervortat.

Neuwahl des Parteivorsitzenden als Demokratieschock für die CDU

Aber es hatte dann auch etwas Einschläferndes, das dem in einer lebendigen Demokratie so wichtigen Diskurs nicht gut getan hat. Sie hat höchst umstrittene Entscheidungen getroffen, ohne sich je wirklich der öffentlichen Debatte zu stellen – zur Eurorettung, zum Atomausstieg, zur Flüchtlingspolitik. „Alternativlos“ lautete ihr Begriff, mit dem sie Debatten für überflüssig erklärt hat. Es gibt zu diesen und vielen anderen Fragen, die die Menschen bewegen, nicht eine große Rede Angela Merkels, in der sie sich als Kanzlerin an die Bürger des Landes gewandt und ihre Politik erklärt hat.

Die CDU ist ihrem liberalen Weg lange Zeit mehr staunend über die damit verbundenen Wahlerfolge als wirklich überzeugt gefolgt, bis so viel Raum entstand, dass sich eine neue Partei rechts von der Union etablieren konnte.

Nach Lage der Dinge wird aber schon die Entscheidung über ihre Nachfolge im Parteivorsitz eine ganz neue Dynamik in die CDU bringen. Sollten auf dem Parteitag im Dezember tatsächlich drei ernstzunehmende Kandidaten antreten, wäre das geradezu ein Demokratieschock für die CDU, in der solche Fragen seit Jahrzehnten vorab in den Hinterzimmern geklärt wurden. Es mag sein, dass Angela Merkel, die Entscheidungen gern bis zur letzten Minute hinauszögert, gerade noch rechtzeitig den Weg zur Erneuerung ihrer Partei geöffnet hat. Das wäre dann nach 18 Jahren ein letztes, aber überhaupt nicht zu überschätzendes Verdienst.

Sehen Sie dazu auch einen Video-Kommentar von Chefredakteur Jochen Arntz: Merkels Rückzug ist der Anfang vom Ende.