Mit der Augmented-Reality-App von „urban AR productions“ können virtuelle Inhalte und Figuren auf den Bildschirm des Smartphones geholt werden. In diesem Fall ermöglicht die Software einen Blick ins Ost-Berlin der 80er-Jahre.
Foto:  urban AR productions

BerlinVor der Buchhandlung in der Karl-Marx-Allee tummeln sich flimmernde Gestalten, schwarz-weiße Zeichnungen. „Ich sage Ihnen, hier hat sich einiges geändert seit damals“, sagt die Stimme der Erzählerin aus dem Lautsprecher des Smartphones. Der Verkehr der sechspurigen Hauptstraße hält seinen üblichen Lärmpegel, eine Straßenkehrmaschine tut auf dem Gehsteig ihren Dienst. Die schwarz-weißen Figuren schieben sich mechanisch über den Bildschirm des kleinen Gerätes. Monochrome Szenerien rund um eine Hauptfigur, die Anfang 20-jährige Karla, eine fiktive Figur, die per Augmented-Reality-App auf die Berliner Straßen projiziert werden kann. 

Karlas Leben ist zwar Fiktion, trotzdem erzählt sie von einer weiblichen Realität im Ost-Berlin der 80er-Jahre, wie es hätte sein können. Ihre Geschichte ist Inhalt der gleichnamigen Inszenierung in Form einer virtuellen Stadtführung – ein Projekt des Labels „urban AR productions“: Mehr als ein  Jahr haben die Autorin Olga Bedia Lang und die Szenographin Julia Laube an der App gearbeitet: Sie haben recherchiert, diskutiert, geschrieben, gezeichnet und – sind spaziert. Die Route der Inszenierung sind sie „bestimmt einmal in der Woche“ abgelaufen, erzählt Laube. Eine Informatikerin übernahm den technischen Part. Für die Lang und Laube ist das Ganze ein „Forschungsprojekt“ – das sich mit den Geschlechterverhältnissen der DDR ebenso auseinandersetzen soll wie mit der eigenen biografischen Vergangenheit. Über einen Workshop an der Aurora School for Artists an der Hochschule für Technik und Wirtschaft haben sie sich kennengelernt.

Das Handling ist denkbar einfach. Über Kopfhörer gibt Karlas Stimme Anweisungen, um sich in der ungewohnten Szenerie zurechtzufinden: „Sehen Sie sich mit Ihrem Gerät um. Finden Sie dann mit Ihrem Bildschirm die Schablone und drücken Sie den Auslöser. Um Sie herum wird sich die Realität visuell erweitern. Starten Sie das Audio“. Tablet und Kopfhörer öffnen den Zugang zur sogenannten Augmented-Reality-Geschichte, die das Label an diesem Wochenende zum ersten Mal vorstellt. Augmented Reality (AR) meint in diesem Falle einen Spaziergang durch die Karl-Marx-Allee, bei dem das Smartphone die aktuellen Bilder liefert, auf die das Programm digitale Elemente legt. Auf der Route können die „Benutzer, nicht Zuschauer“, wie Lang erklärt, Karlas Geschichte entlang von sieben Stationen folgen. „Das Tablet ist dabei wie eine Prothese, die den Blick erweitert“, so Lang.

Die Geschichte spielt dort, wo die baulichen Vorzeigeprojekte auf der damaligen Stalin-Allee „die sozialistische Utopie verkörpern“ sollten, erklärt sie. Die beiden wollen Stadt, Raum, Geschichte, aber auch die Frage nach den Geschlechterverhältnissen im alten Ost-Berlin in einem „unmittelbaren Erlebnis“ verbinden, wie Laube sagt. Auf der Allee, auf der es damals die „modernsten Wohnungen“ des Realsozialismus gab, sollen Benutzer der App „nicht nur die Inszenierung erleben, sondern auch den Hintergrund“, so Lang – also das Friedrichshain, wie es heute ist. Dazu haben die Initiatorinnen die Geschichte der Figur Karla aus historischen Fakten gebastelt.

„Ich war Anfang 20 und suchte nach etwas in den Büchern“, erzählt Karla aus dem Off. Dazu gibt es über den Bildschirm ein Bild der Buchhandlung, das sich kaum vom heutigen Anblick unterscheidet. „Ich wollte zu einer Haltung kommen“: Die Figur Karla ist eigentlich ideologietreu. Trotzdem hat sie eine latente Ahnung davon, dass das System, in dem sie lebt, nicht der Sozialismus ist, der ihr versprochen wird. Ihre Fragen lösen sich in Skepsis auf, als sie den belesenen, etwas mysteriösen Paul in der Buchhandlung kennenlernt: „Die Samariterkirche hier im Viertel war einer dieser Orte, in denen sich die Widerstandsgruppen getroffen und im Keller ihre Flugblätter gedruckt haben. Und Paul war einer von ihnen. Nicht, dass mich das abgeschreckt hätte. Eher im Gegenteil“, erzählt Karla.

Folgt man den Anweisungen ihrer Stimme ein paar Meter weiter, sieht man über die Kamera des Tablets oder Smartphones nicht nur den Hauseingang, vor dem man tatsächlich steht, sondern auch Fragmente eines digital erstellten Bildes der DDR. Etwa die klischeehafte Einrichtung von „Karlas“ schlichter Wohnung: Ein Wandschrank mit Matroschka-Figuren, ein oranges Telefon mit Wahlscheibe, ein Transistorradio. An den Wänden: natürlich Marx und ein Poster, das erinnert: „Die Sonne geht im Osten auf“.

Der 40-minütige Spaziergang hinterlässt das Gefühl angenehmer Irritation. Die eigenen Bewegungen finden statt in einer vertrauten Welt, die mit den gewohnten Geräuschen der Stadt hinterlegt ist und in der man mit dem üblichen Habitus anderer Menschen konfrontiert ist. Die App wirft in eben jenen vertrauten Raum digitale Elemente hinein, die Augen und Ohren über die Geschichten der Orte aufklären – und erzählt sie über Fiktion.

Schwierigkeiten dürften dabei jene bekommen, denen Multitasking schwerfällt: Der Wechsel zwischen Bildschirm und Hausfassade funktioniert im Stehen zwar gut, im Gehen sind Radwege, Ampeln und Passanten jedoch schnell vergessen. Die Initiatorinnen wollen die DDR-Geschichte aus weiblicher Perspektive erzählen und so auch die Geschlechterverhältnisse im Realsozialismus untersuchen. Auch wenn die Figur von Karla vor allem erst durch ihre Liebesbeziehung zum widerständigen Paul zur Systemkritikerin wird, lernt man über die sieben Stationen auch ihre ganz eigenen Zweifel und Beobachtungen kennen: „Mit der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern ist es jedenfalls damals nicht weit her gewesen, trotz aller Utopie von Gleichheit“, resümiert sie zum Schluss.

Die Inszenierung richte sich an „das typische Theaterpublikum“, aber auch an AR-Interessierte, Menschen aus der freien Theaterszene und an „Kiezbewohner“, die sich für Stadtgeschichte interessieren, so Lang.

Die Geräte für den Spaziergang können am Sonnabend zwischen 11  und 18 Uhr sowie am Sonntag zwischen 11 und 17 Uhr im Café Sibylle, Karl-Marx-Allee 72, ausgeliehen werden. Die begrenzten Tickets sollten vorab reserviert werden unter: https://urban-arproductions.com.