Am kommenden Freitag fährt Birgit Monteiro nicht wie üblich in ihr Büro ins Rathaus Lichtenberg, sondern in die Vertretung des Freistaates Thüringen in der Mohrenstraße in Mitte. Dort wird die Bezirksbürgermeisterin (SPD) von Lichtenberg in einem feierlichen Festakt das Zertifikat „Familienfreundliche Kommune“ verliehen. Künftig wird dieser Schriftzug auf allen Briefköpfen des Bezirks zu sehen sein. „Das ist eine besondere Würdigung unserer Arbeit“, sagt die Kommunalpolitikerin.

Lichtenberg ist der erste Bezirk in Berlin, dem der Verein Familiengerechte Kommune aus Bochum diese Auszeichnung überreichen wird. „Lichtenberg richtet den Fokus seiner Verwaltung auf die Familienförderung. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal dieses Berliner Bezirks“, begründet die Geschäftsführerin des Vereins, Beatrix Schwarze, die Entscheidung.

Bezahlbare Wohnungen

Neben Lichtenberg erhalten am Freitag weitere 15 Kommunen und Kreise dieses Zertifikat, darunter Oranienburg, Aachen, Bad Frankenhausen, Gera und der Kreis Altenburger Land.

Seit mehreren Jahren ziehen zunehmend Familien in den Bezirk, dem es nur langsam gelang, sein Image als Stasi- und langweiliger Rentner-Bezirk abzulegen. Tatsächlich gehört Lichtenberg seit 2009 zu den angesagten Bezirken, deren Einwohnerzahl ständig steigt – von 251.626 im Jahr 2009 auf 264.858 im Jahr 2013.

In Lichtenberg, so sprach sich schnell herum, finden Familien noch am ehesten eine bezahlbare Wohnung in Citynähe, die sie in einer teureren Gegend, etwa im Nachbarbezirk Friedrichshain-Kreuzberg, längst nicht mehr zu finden ist. Die neuen Bewohner richteten sich familiär ein, die Zahl der Kinder wuchs. Wurden 2013 noch 3272 Geburten im Bezirk registriert, waren es 2014 schon 3544.

Familienfreundlich heißt nicht nur kinderfreundlich

Gleichzeitig sank die Arbeitslosenquote 2014 erstmals auf unter zehn Prozent, die Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen hat sich nahezu halbiert.

Vor zwei Jahren entschieden die Bezirkspolitiker, dass Lichtenberg seinen Ruf als familienfreundlicher Bezirk auch regulär im Namen tragen sollte. Bisher ist kein weiterer Bezirk auf diese Idee gekommen. Lichtenberg bewarb sich in Zusammenarbeit mit Sport- und Freizeitvereinen, Schulen, Kitas, Senioren-, Frauen- und Migrantengruppen um diesen Titel. Nun liegt eine Zielvereinbarung vor, die in den kommenden drei Jahren realisiert werden soll und jährlich überprüft wird.

So wurden Mutter-Kind-Gruppen eingerichtet, in denen es um Beratung, etwa zur gesunden Ernährung geht, ebenso etablierte sich ein Netzwerk an Beratungsstellen, etwa mit Sozialarbeitern und Kinderärzten, das vor allem sozial schwache Familien nutzen – „bevor es Probleme gibt“, sagt Birgit Monteiro. Wichtig sei dabei, dass sich in den Gruppen Mittelstandsfamilien mit sozial schwächeren Familien treffen würden. Im kommenden Jahr soll zudem ein Familienbüro eröffnen, möglichst in Kooperation mit einem Bürgeramt, um schnell bürokratische Formalitäten erledigen zu können. Monteiro will künftig auch dafür sorgen, dass arbeitslosen Eltern besser geholfen wird, einen Job zu finden. Und dass in Betrieben familienfreundliche und flexible Arbeitszeiten gelten.

Plan für öffentliche Toiletten

Den Begriff „Familienfreundlichkeit“ will die Bezirksbürgermeisterin aber nicht nur auf Kinder anwenden. „Familienfreundlichkeit erfasst alle Generationen“, sagt sie. Wohnungen werden zunehmend barrierefrei gestaltet, Bordsteinkanten abgesenkt, mehr öffentliche Toiletten, etwa in Supermärkten, sollen eingerichtet werden.

Nicht alles lässt sich sofort realisieren, manches hingegen braucht nur guten Willen und die Mitarbeit vieler. Auf der Internetseite des Bezirkes ist ein Stadtplan von Lichtenberg veröffentlicht, dort sind die Standorte aller öffentlichen Toiletten eingetragen, die es im Bezirk gibt. Demnächst soll dieser Plan in gedruckter Form auch als Faltblatt erscheinen und passt dann in jede Handtasche und Hosentasche, egal, ob bei Jung oder Alt.