In einigen Städten Deutschlands spazieren in diesen Tagen Menschen mit einer Kippa auf dem Kopf durch die Straßen. Falls sich jemand wundert, dass es mit einem Mal so viel Juden in Deutschland rumlaufen: Keine Sorge – es handelt sich um solidarische Flashmobs wegen des Angriffs auf den Mann mit Kippa.

Es leben hochgerechnet gerade 200.000 Juden in ganz Deutschland. Dieses „wiedererblühte“ jüdische Leben ist also recht spärlich gepflanzt. Wohl auch aus diesem Grund erreicht nur ein kleiner Teil der antisemitischen Ausfälle die deutsche Öffentlichkeit, denn meist sind es die Juden, die sie zur Sprache bringen.

Erzogen im Hass auf Juden

Bisher beschränkte sich die Mehrheit der nicht-jüdischen Deutschen darauf, solche Attacken kleinzureden, zu relativieren und die Reaktion der Juden darauf als hysterisch abzutun. Nach dem kurzen Video, auf dem ein junger Mann palästinensischer Herkunft einen Israeli mit Kippa angreift und ihn als Jude beschimpft, ist das anders. Nun will man Antisemitismus bekämpfen. Dazu fallen mir zwei Dinge ein. Die Palästinenser als Daueropfer und das deutsche Rentensystem. 

Kaum etwas mobilisiert in Deutschland so viele Gefühle, so viel Wut und solche Solidarität wie die Sorge um die Palästinenser. Der Araber auf dem Video mit seinen 19 Jahren sagt von sich, er sei Palästinenser. Vertrieben oder geflohen aus dem britischen Mandatsgebiet vor 70 Jahren, großgeworden als Flüchtling der 5. Generation und erzogen im Hass auf Juden.

Wo bleibt die „kritische Solidarität“?

Ihm wurde beigebracht, dass er Opfer ist. Genau wie alle anderen Palästinenser, die sich dafür hergeben, als das internationale Symbol des Opferseins schlechthin zu gelten. Was für eine furchtbare Rolle! Opfer des Kapitalismus, Opfer des Rassismus und der Ungerechtigkeit, Opfer der Juden aka Zionisten. Und das alles ist so schlimm, dass jede Art von Terror, Gewalt oder wie hier Peitschenhieb als gerechtfertigt gilt. Wie auch nicht, wenn die Welt, die Medien und die UN ihnen dafür immer wieder Beifall spendet? Vielen Deutschen geht das Schicksal der Palästinenser sehr zu Herzen. 

Wo aber bleibt die „kritische Solidarität“ mit ihnen? Wieso verlangt man nicht, dass sie die Nachkriegsordnung, zu der auch Israel gehört, endlich akzeptieren? Dass sie anfangen zu leben, statt ihr Leben dem Opfersein gegen den jüdischen Staat zu widmen? Wenn Deutschland ernsthaft etwas gegen Antisemitismus tun will, sollte es diese palästinensische Opfernarration nicht weiter unterstützen.

„Erblühendes" jüdisches Leben

Und noch etwas kann Deutschland tun, wenn es um Antisemitismus geht. Die meisten der 200.000 Juden in Deutschland kamen aus der ehemaligen Sowjetunion, zeitgleich mit den 2,1 Millionen Spätaussiedlern aus der gleichen Region. Beide Gruppen stammten einst aus Deutschland. Die Juden waren vor Pogromen geflohen, die Deutschen siedelten im Osten. Beide sind nun mit Bezug auf die Geschichte wieder zurück.

Die einen beziehen als Deutsche Rente, die Juden jedoch nicht. Weshalb? Wegen des deutschen Blutes! Das Rentenrecht basiert tatsächlich noch immer darauf. Vielleicht sollte die Politik – außer Reden darüber zu halten, wie wunderbar Deutschland ist, weil gerade hier im Land des Holocausts jüdisches Leben wieder „erblüht“ – auch endlich dafür sorgen, dass Juden den Deutschen gleichgestellt werden. Aber ein Spaziergang mit Kippa ist ja auch schon gut.