Eine Beleidigung, ein Streit und schließlich eine wilde Schlägerei auf einem U-Bahnhof mitten in Neukölln. In einem jetzt aufgetauchten Video ist zu sehen, wie zwei arabischsprechende junge Männer auf einen Transsexuellen losgehen und sie über den Bahnsteig jagen. Einfach nur, weil sie anders ist. Kein Einzelfall: Noch nie gab es so viele Übergriffen auf queere Menschen, allein im letzten Jahr wurden einem Berliner Anti-Gewalt-Projekt 324 Fälle gemeldet. Und die Dunkelziffer liegt nach Einschätzung der Polizei deutlich höher. Auf dem Video, das seit wenigen Tagen im Internet kursiert, ist ein transsexueller Berliner zu sehen, der in einem Waggon der U-Bahnlinie 7 mit zwei jungen Männern aneinandergerät. Alle drei Personen schreien sich auf arabisch an, laut Augenzeugen soll es bei dem Streit um die sexuelle Identität des Attackierten gehen.

Junge Schläger attackieren Transsexuellen in der U-Bahn

Dann eskaliert die Situation: Als der Angegriffene (blaues Oberteil, schwarzer Rock) die U-Bahn verlässt und auf den Bahnsteig geht, stürmen die beiden jungen Schläger hinterher und treten mehrfach auf ihr Opfer ein. Das wehrt sich nach Leibeskräften und schreit die aggressiv wirkenden jungen Männer laut an. Minutenlang geht es hin und her. Immer wieder wird der Transsexuelle attackiert, immer wieder wehrt sie sich und schreit die Schläger an – bis sich nach mehreren Minuten endlich ein beherzter Passant einmischt und dem Angegriffenen hilft.

324 Angriffe und Beleidigungen in Berlin gegen Schwule, Lesben und Transsexuelle wurden im vergangenen Jahr beim schwulen Anti-Gewalt-Projekt Maneo gemeldet, mehr als je zuvor. Rund ein Drittel der Taten sind dabei Körperverletzungen, je etwa ein Viertel Bedrohungen und Beleidigungen, in 14 Prozent der Fälle waren es Raubtaten.

Täter meist männlich mit Migrationshintergrund

Die meisten Übergriffe gab es in den Innenstadtbezirken Mitte, Tempelhof-Schöneberg, Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln. Die Täter sind fast immer Männer und haben häufig einen Migrationshintergrund. „Wir leben noch immer in einer von Männern dominierten Gesellschaft, in der der öffentliche Raum ein männlich dominierter Raum ist“, glaubt Maneo-Leiter Bastian Finke. „Männer, die aus den Rollen tanzen, bekommen die Folgen zu spüren. Sie werden quasi sanktioniert.“

Die Berliner Polizei registrierte im vergangenen Jahr „nur“ 164 Straftaten gegen homosexuelle und transsexuelle Menschen. Die Zahl ist vermutlich deshalb niedriger, weil viele angegriffene oder beleidigte Menschen aus verschiedenen Gründen die Anzeige bei der Polizei scheuen, sich aber trotzdem bei Maneo melden. Anne Grießbach-Baerns, eine von zwei Ansprechpartnern für solche Fälle bei der Berliner Polizei, sagte kürzlich: „Wir schätzen, dass 80 bis 90 Prozent der Fälle nicht angezeigt werden.“

Einer der möglichen Gründe sei die Annahme, „dass die Opfer möglicherweise denken, dass die Polizei nichts macht.“ Dabei werde in diesem Bereich etwa jede zweite Straftat aufgeklärt.

Berliner Staatsanwaltschaft kümmert sich um Bedürfnisse der Queer-Community

Zudem hat Berlin im Umgang mit Übergriffen auf queere Menschen eine Vorreiterrolle. Denn nicht nur die Polizei, sondern auch die Staatsanwaltschaft hat mit Oberstaatsanwältin Ines Karl und ihrem Stellvertreter, Staatsanwalt Markus Oswald, eigene Ansprechpartner für gleichgeschlechtliche Lebensweisen. Hier werden Anliegen, Beschwerden und auch Strafanzeigen aufgenommen und der Kontakt zu den zuständigen Staatsanwälten, der Polizei und privaten Hilfsorganisationen hergestellt.
„Europaweit ist die Staatsanwaltschaft Berlin damit derzeit die einzige Staatsanwaltschaft, die den besonderen Bedürfnissen der queeren Community Rechnung trägt und diese Aufgabe mit hoher Sensibilität und geschärfter Aufmerksamkeit wahrnimmt“, heißt es bei der Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung.

Informationen und Kontakt unter lsbt@sta.berlin.de und maneo.de