Sie suchen Schutz in den S- und U-Bahnhöfen, einen Platz zum Schlafen und zum Lagern ihrer wenigen Habseligkeiten. Der S-Bahnhof Neukölln ist so ein Platz, doch statt Schutz begegnete den Obdachlosen dort in der Nacht zu Dienstag Gewalt.

Ein Unbekannter hatte das unbeaufsichtigte Nachtlager eines Obdachlosen angezündet – direkt neben dem Schlafplatz von zwei 22 und 33 Jahre alten Männern. Es ist der zweite Angriff innerhalb von drei Wochen auf Obdachlose, die in Bahnhöfen übernachten wollen.

Der Vorfall ähnelt altem Fall

Der Fall weckt Erinnerungen an den bisher schlimmsten Angriff auf einen Obdachlosen in Berlin. Sechs junge Männer haben an Heiligabend 2016 ein brennendes Taschentuch auf einen Obdachlosen geworfen, der in dem U-Bahnhof Schönleinstraße schlief.

Der Fall hatte die Debatte um eine Ausweitung der Videoüberwachung beeinflusst, denn fünf der sechs Tatbeteiligten konnten mit Hilfe von Bildern aus einer BVG-Kamera ermittelt werden. Die jungen Flüchtlinge hatten sich aufgrund des Fahndungsdrucks selbst gestellt. Auch der jüngste Angriff auf die zwei Obdachlosen war im Bereich der Kameraüberwachung. Abgeschreckt hat das allerdings nicht.

Polizei ermittelt wegen Sachbeschädigung

Die beiden 22 und 33 Jahre alten Männer, die in Neukölln Opfer einer Brandstiftung wurden, hatten die Hälfte der Nacht in der Eingangshalle des S-Bahnhofs Neukölln fast geschafft. Um 2.30 Uhr kam ein Mann in den Vorraum, forderte die Männer auf, den S-Bahnhof sofort zu verlassen. So zumindest schildern es die beiden Obdachlosen.

Da jedoch draußen bereits minus vier Grad herrschten, ließen sie sich an einer Wand nahe des Ausgangs nieder, anstatt der Forderung nachzukommen. Darüber habe sich der Mann aber wieder empört. Nach einer lautstarken verbalen Auseinandersetzung verließ er dann die Bahnhofshalle.

„15 Minuten später brannten plötzlich ein Schlafsack und eine Jacke“, erklärte ein Sprecher der Bundespolizei. Jemand hatte fünf Meter neben den beiden Obdachlosen Sachen angezündet. Einer der Männer hatte daraufhin den brennenden Schlafsack auf die Straße gezogen, wo er von der eintreffenden Feuerwehr gelöscht wurde. Die 22 und 33 Jahre alten Deutschen erlitten einen Schock. Die Bundespolizei ermittelt wegen Sachbeschädigung.

Schnelle Flucht

Angriffe auf Obdachlose passieren immer wieder. „Viele Wohnungslose trauen sich trotz der Kälte nicht, ihren Schlafsack richtig zuzumachen“, sagt Ortrud Wohlwend, Sprecherin der Stadtmission. Die Angst im Schlaf von Schlägen oder Feuer überrascht zu werden, sei zu groß. Oft bleibt ein Spalt offen, so dass eine schnelle Flucht möglich ist.

Die Bundespolizei hat die Ermittlungen aufgenommen. „Ob es sich bei den unbekannten Personen um ein und dieselbe Person handelt, ist derzeit Gegenstand der Ermittlungen“, erklärt ein Sprecher. Die beiden Opfer vermuten, dass der Unbekannte, mit dem sie stritten, zurückkam und die Sachen anzündete.

Wie nach dem Anschlag im U-Bahnhof Schönleinstraße werden auch in diesem Fall Überwachungsvideos ausgewertet. Ob nach dem Täter auch öffentlich gefahndet wird, wollte die Bundespolizei nicht kommentieren.

Zwei Jahre und neun Monate Haft

Die Bilder aus einer Überwachungskamera der BVG hatten bei dem Fall vor gut einem Jahr schnell zu den Tätern geführt. Die jungen Männer hatten sich aufgrund des Fahndungsdrucks gestellt. Der 21-jährige Haupttäter Nour N. wurde zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt, die anderen Täter im Alter von 16 bis 19 Jahre zu Jugendarrest und Bewährungsstrafen.

Erst Mitte Januar dieses Jahres hatte es einen weiteren Angriff gegeben: Ein Unbekannter hatte im U-Bahnhof Yorckstraße zwei Wohnungslose getreten und geschlagen sowie einen Dritten niedergestochen.

Der Leiter der Berliner Bahnhofsmission Dieter Puhl zeigte sich nach der erneuten Feuerattacke auf Obdachlose erschrocken. Puhl, der sich seit 25 Jahren für Wohnungslose einsetzt, glaubt nicht, dass solche Taten zugenommen haben. Obdachlose seien schon immer Opfer von feigen Halbstarken oder Rechtsgesinnten gewesen. Puhl: „Obdachlosigkeit war schon immer gefährlich. Der beste Schutz ist es, die Menschen von der Straße zu bekommen.“