Berlin - Nach Jahren des Rückgangs ist die Jugendgewalt in Berlin im vergangenen Jahr erstmals wieder leicht gestiegen. Sowohl die Zahlen der Gewalttaten wie Körperverletzungen sowie der Verdächtigen nahmen im Vergleich zum Jahr 2015 etwas zu.

Einen deutlichen Anteil daran haben junge Flüchtlinge und Einwanderer. Das zeigt der vierte Jahresbericht der Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention, der am Dienstag bei einer Tagung vorgestellt wurde. Die meisten der Gewalttaten waren allerdings leichte Körperverletzungen, schwere Taten kamen nur in der Minderzahl vor.

Von 8892 Verdächtigen im Alter zwischen 8 und 21 Jahren waren 4467 Deutsche, 1638 Deutsche mit Migrationshintergrund und 2464 nichtdeutsche junge Menschen. Außerdem gab es rund 300 Verdächtige mit unklarer Herkunft. Die Zahl der nichtdeutschen Verdächtigen lag 2015 noch bei 1851.

Auffallend viele Gewalttaten junger Flüchtlinge und Einwanderer

In dem Bericht wurde auch die Gruppe der jungen Verdächtigen mit unsicherem Aufenthaltsstatus, also vor allem der Asylbewerber, thematisiert. Bei dieser Untergruppe hat sich nach den vorliegenden Daten die Zahl von 2015 (392) auf 2016 (817) mehr als verdoppelt.

Innenstaatssekretär Christian Gaebler (SPD), der auch die Landeskommission gegen Gewalt leitet, sagte, es sei unklar, ob es bei dem Anstieg um eine Trendwende oder um eine Schwankung gehe. So oder so handle es sich aber „um eine erschreckend hohe Zahl“ jugendlicher Gewalttäter. Besorgniserregend sei auch, dass offenbar Hemmschwellen sänken. Zudem seien rund 500 Intensiv- oder Mehrfachtäter mit mehr als zehn Straftaten in Berlin registriert.

Mit Blick auf die auffallend vielen Gewalttaten junger Flüchtlinge und Einwanderer sagte Gaebler, Gründe könnten „archaische Vorstellungen von Ehre“ und die „hohe Akzeptanz von Gewalt in der Gesellschaft“ sein. Bei den zahlreichen Präventionsmaßnahmen müsste man diese Gruppe besonders im Blick haben, empfahlen auch die Autoren des Berichts. Es gebe einen „besonderen Bedarf an Handlungsstrategien“.
Auch von den Schulen werden mehr Angriffe, Bedrohungen, Beleidigungen und ähnliche Taten gemeldet. Die Zahlen seien „ganz erheblich angestiegen“, so Gaebler: von 2061 im Jahr 2014 auf 3377 Fälle im vergangenen Jahr.

35 Problemgebiete

Die Jugendgewalt ist unterschiedlich auf die Bezirke verteilt. Hohe Zahlen haben Mitte, Marzahn-Hellersdorf, Reinickendorf und Spandau. Im Mittelfeld liegen Neukölln, Friedrichshain-Kreuzberg, Lichtenberg und Tempelhof-Schöneberg.

Meist sind es aber bestimmte Viertel, die auffällig sind: Hochhaussiedlungen am Stadtrand, Partymeilen und große Umsteigebahnhöfe. Genannt werden bei den 35 Problemgebieten etwa Hellersdorf Nord, Tiergarten Süd, Kurfürstendamm, Marzahn Nord, Hellersdorf Ost, Charlottenburg Nord und der Alexanderplatz. (BLZ/dpa)