Berlin - Die Rote Armee war schon da, am 27. April gingen die Kämpfe am Halleschen Tor und am Alexanderplatz los – die eigentliche Schlacht um den Berliner Stadtkern. Die Front verlief entlang des Landwehrkanals. Stalin hatte den Befehl ausgegeben, bis zum 1. Mai den Reichstag zu erobern.

Für die 12.000 Menschen, die bis in die Nacht zum 2. Mai hinein im Anhalter Bunker ausharrten, interessierten sich die Befreier der Stadt nicht. Die meisten Berliner hockten in jenen Tagen unter der Erde, auch in S- und U-Bahn-Tunneln. In den Außenbezirken richtete die sowjetische Besatzungsmacht bereits ihre Verwaltungen ein.

Die im Anhalter Bunker Steckenden, meist Frauen, Kinder und Alte aus Kreuzberg, wussten nicht, was draußen geschah. Sie verstanden ja nicht einmal mehr, was ihnen unmittelbar widerfuhr. Wieland Giebel, Ausstellungskurator im Berlin Story Museum am originalen Schauplatz, rekonstruiert nach Augenzeugenberichten die dramatische Situation am 1. Mai: „Vier bis fünf Menschen pro Quadratmeter standen in den Bunkerräumen.

„Kinder nicht von der Hand lassen!“

Seit sieben Tagen hatte der Generator keinen Diesel mehr – seither gab es keine Frischluft, die Toiletten konnten nicht abgepumpt werden, das Wasser war alle. Die Temperatur in den stockfinsteren Räumen stieg auf 60 Grad, die Ausdünstungen der Menschen kondensierten an den Wänden, es tropfte von der Decke. Knöcheltief standen die Leute in ihren eigenen Fäkalien, in allen vier Etagen.“

Trotzdem drängte niemand nach draußen. Die Angst vor dem Ungewissen hielt sie auf, aber auch die Apathie, die Menschen unter dauerhaftem Sauerstoffmangel befällt. So mancher hatte wohl auch das Zeitgefühl verloren.

Den Dämmerzustand im Dunkel beendeten nach Augenzeugenberichten SS-Männer, jedenfalls Militärs, die dem Arzt und Bunkerwart Hans Mellin mitteilten, die Sprengung des S-Bahn-Tunnel unter dem Landwehrkanal stehe bevor. Dieser Tunnel war unmittelbar mit den unteren Etagen des Anhalter Bunkers verbunden, diese würden unweigerlich überflutet. Die Menschen im Bunker mussten umgehend raus.

Der DEFA-Film „Rotation“ von 1949 hat an die Stelle nicht existenter Fotos propagandistisch aufgeladene Szenen gesetzt, manches trifft sich mit den Erinnerungen Betroffener. Von Tausenden Opfern kann, wie darin behauptet, allerdings nicht die Rede sein. Tatsächlich flohen Tausende durch steigendes Wasser aus den bis zu sechs Meter unter der Erde liegenden Tunnels. Am Ende stand das Wasser bis unter die Decke. Zwischen 80 und 130 Leichen wurden später geborgen, die meisten waren vermutlich bereits vor der Evakuierung verstorben.

Die Berlinerin Waltraud Süßmilch, damals 15 Jahre alt, hat in ihrem Buch „Im Bunker“ ihre Zeit „in diesem Betonsarg“ beschrieben, auch die Evakuierung. Ordner und Militärpersonal hätten gerufen: „Packt eure Sachen, räumt die Treppe! Kinder nicht von der Hand lassen! Wir sollten den S-Bahn-Schienen bis zum Stettiner Bahnhof folgen, heute heißt er Nordbahnhof.“

Zwei bis drei Stunden sollte das dauern, aber es gab ein „mühseliges Geschiebe“. Sie fühlte sich inmitten der Massenflucht „wie ein Hering in der Dose“. Einige Fackeln erleuchteten die Finsternis: „Ich erkannte nichts als eine wogende Menschenmenge.“ Sie watete durch das steigende Wasser: „Es war nicht nur eklig, es war auch verdammt kalt.“ Wer stolperte und hinfiel, musste in der eiskalten, nassen Kleidung weiter. Zwischen Unrat schwammen Ratten. Das Mädchen ließ Menschen hinter sich, die nicht weiter konnten, ging an Toten vorbei. Bald trug man die Koffer auf den Schultern – über Wasser.

Über das Schicksal der verwundeten Soldaten, die man in elf Lazarettzügen im Tunnel abgestellt hatte, ist kaum etwas bekannt. „Vielen von ihnen fehlte wohl die Kraft, sich in Sicherheit zu bringen“, sagte Udo Dittfurth, Leiter des S-Bahn-Museums, der Berliner Zeitung.