Berlin - Die Spur des Berlin-Attentäters Anis Amri aus Tunesien führte monatelang durch Deutschland, durch Amtsstuben, Akten der Ermittler und der Terrorexperten. Und dennoch verliert sich die Fährte, bis er schließlich mit einem Laster in einen Berliner Weihnachtsmarkt rast. Zwölf Menschen werden getötet, mehr als 50 verletzt. Das Innenministerium Nordrhein-Westfalens (NRW) informierte am Donnerstag in einer Sondersitzung über die gesammelten Erkenntnisse:

5. 4. 2011: Anis Amri reist illegal über Lampedusa nach Europa ein.

18. 5. 2015: Amri wird aus italienischer Haft entlassen. Ein Gericht hatte ihn in Italien wegen „allgemein krimineller Straftaten“ zu einer vierjährigen Strafe verurteilt.

17. 6. 2015: Amri wird aus einem Aufnahmelager für Flüchtlinge entlassen, weil Tunesien ihn nicht binnen 30 Tagen „fristgerecht“ anerkennt.

6. 7. 2015: Er reist unerlaubt nach Deutschland und wird von der Polizei in Freiburg aufgegriffen.

22. 7. 2015: In Karlsruhe wird ihm eine Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender auf den Namen Anis Amir ausgestellt, eine von vielen Identitäten, unter denen er in den kommenden Monaten registriert wird.

28. 7. 2015: Eine weitere Bescheinigung als Asylsuchender erhält er in Berlin – Name: Mohammad Hassan.

3. 8. 2015: Amri gibt sich bei der Zentralen Ausländerbehörde Dortmund als Mohamed Hassa aus.

27. 10. 2015: Die Ausländerbehörde Kleve teilt der Polizei mit, ein Zimmernachbar von Mohamed Hassa in einem Heim in Emmerich habe auf dessen Mobiltelefon Fotos von schwarz gekleideten Personen gesehen, die mit Kalaschnikows und Handgranaten posierten.

28. 10. 2015: Die Polizei erstellt einen sogenannten Prüffall Islamismus.

28. 10. 2015: Eine weitere Anmeldung erfasst den Asylsuchenden unter dem Namen Ahmed Almasri bei der Zentralen Ausländerbehörde Dortmund, damit wird Amri der Zentralen Unterbringungseinrichtung Neuss und von dort der Gemeinde Bestwig zugewiesen.

29. 10. 2015: Erneute Meldung als Asylsuchender, dieses Mal unter dem Namen Ahmed Almasri, bei der Registrierstelle Münster, danach wird Amri in Dinslaken untergebracht. Und anschließend der Stadt Oberhausen zugewiesen. Dort ist er bis zum 18. Mai 2016 unter dem Namen Ahmed Almasri gemeldet.

17. 11. 2015: Die NRW-Sicherheitsbehörden werden informiert, dass ein „Anis“ in Deutschland „etwas machen wolle“. Eine Verbindung zum Handyvideo wird nicht gezogen. Es wird bekannt, dass „Anis“ mutmaßlich Anschläge mit Hilfe von „Kriegswaffen“ begehen will. Zudem recherchierte „Anis“ im Internet offenbar nach Sprengmitteln.

Dezember 2015: Das Landeskriminalamt NRW informiert alle Sicherheitsbehörden bundesweit sowie den Generalbundesanwalt über mögliche Gefahren durch den zu diesem Zeitpunkt noch nicht identifizierten „Anis“.

Mitte Dezember 2015: Amri lässt sich unter einer weiteren Personalie in Berlin als Asylsuchender registrieren, er wird von dort nach Hamburg verwiesen.

16. 12. 2015: Besprechung beim Bundeskriminalamt (BKA) in Berlin. Das Landeskriminalamt (LKA) aus NRW stellt seine Erkenntnisse zu „Anis“ und dessen früherem Aufenthalt in Italien vor. Das BKA wird von italienischen Behörden darüber informiert, dass es sich bei „Anis“ möglicherweise um den Tunesier Anis Amri handelt.

29. 12. 2015: Amri wird verdeckt überwacht. So wird bekannt, dass er einen Raub oder Diebstahl in Berlin plant. „Amri erhoffte sich damit mutmaßlich, terroristische Aktivitäten mit Diebstählen finanzieren zu können“, heißt es im Innenausschuss. Weitere Besprechung der Landeskriminalämter NRW und Berlin. Die Polizei Berlin regt ein Strafverfahren an, die Justiz ist dagegen.

4. 2. 2016: Das LKA NRW nimmt an einer Sitzung im Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum teil. Ergebnis: Die Lage lässt ein „schädigendes Ereignis eher unwahrscheinlich erscheinen“. Das LKA soll weiter ermitteln.

5. 2. 2016: Das BKA stuft Amri als „Gefährder“ ein, informiert alle Sicherheitsbehörden. Amri sei daher „frühzeitig im Fokus der NRW-Polizei und aller deutschen Sicherheitsbehörden“ gewesen, heißt es im Innenausschuss.

17. 2. 2016: Sitzung im Terrorismusabwehrzentrum. Das LKA Berlin will Maßnahmen prüfen, weil sich Amri in der Hauptstadt wiederholt aufhält. Das BKA sagt zu, Kontakt mit italienischen und tunesischen Behörden aufzunehmen. Amri soll sicher identifiziert werden.

24. 2. 2016: Die Ermittler finden heraus, dass sich Amri „vorgeblich im Auftrag von Allah töten“ will und vorhat, sich in Berlin mit einem unbekannten Sympathisanten der Terrormiliz IS zu treffen. Der Mann soll ihn bei seiner Anschlagsplanung unterstützen.

10. 3. 2016: Amri wird in NRW nicht mehr als „Gefährder“ geführt, weil er seit Februar in Berlin lebt. Dort wird er einen Tag später als „Gefährder“ eingestuft. In Berlin übernachtet Amri an unterschiedlichen Orten. Behördlich gemeldet bleibt er in Emmerich.

10. 3. 2016: Der Generalbundesanwalt bittet die Generalstaatsanwaltschaft Berlin, das Verfahren zu führen.

14. 3. 2016: Die Berliner leiten ein Strafverfahren wegen des Verdachts der Beteiligung an einem Tötungsdelikt ein. Das LKA Berlin übernimmt. Eine Überwachung ist ohne Ergebnis.

April 2016: Es wird beim LKA NRW bekannt, dass Amri in mehreren Kommunen Asylhilfe beantragt hat. Das LKA erstattet Strafanzeige wegen Leistungsbetrugs und Falschbeurkundung, es regt einen Haftbefehl an. Die Staatsanwaltschaft Duisburg eröffnet ein Strafverfahren, Haftbefehl beantragt sie nicht. Dafür ist der Schaden mit 163 Euro zu gering.

6. 5. 2016: Das LKA Berlin führt Amri nicht mehr als „Gefährder“, weil gegen ihn ein förmliches Asylverfahren in NRW läuft.

25. 5. 2016: Die im Dezember 2015 begonnene Telefonüberwachung Amris wird nach einem halben Jahr beendet. Amri gilt als „Nachrichtenmittler“ eines Verdächtigen, er wird nicht selbst beschuldigt.

15. 6. 2016: Weitere Sitzung des Terrorismusabwehrzentrums, dasselbe Ergebnis: Von Amri gehe „konkret“ keine Gefahr aus, er soll möglichst abgeschoben werden.

30. 7. 2016: Amri will mit dem Fernbus von Berlin nach Zürich, in Friedrichshafen wird der Bus von der Bundespolizei kontrolliert. Amri verschleiert seine Identität, hat zwei italienische Pässe und Betäubungsmittel dabei. Er wird vorläufig festgenommen, ein Verfahren wegen Urkundenfälschung und Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz eingeleitet.

1. 8. 2016: Amri wird aus der Justizvollzugsanstalt Ravensburg entlassen. Zuvor hatte die Ausländerbehörde Kleve darauf hingewiesen, dass versucht werde, Amris Ersatzpässe aus Tunesien zu bekommen. Dies koste aber Zeit, sodass ein Antrag auf Abschiebungshaft aussichtslos sei.

18. 8. 2016: Amris Spur in NRW verliert sich, es gibt keine Anhaltspunkte mehr, wo er sich aufhält. In den Tagen zuvor war er unter anderem in Dortmund und Emmerich.

26. 9. 2016: Das LKA NRW wird von tunesischen und marokkanischen Sicherheitsbehörden informiert, dass Amri IS-Anhänger sei, Kontakt zu tunesischen Terroristen in Libyen habe, in Deutschland ein „Projekt ausführen wolle“ und in Berlin sei. Ähnliche Informationen folgen am 14. und 26. Oktober.

20. 10. 2016: Die tunesischen Behörden teilen der Ausländerbehörde in Köln mit, Amri – alias Ahmed Almasri – sei kein tunesischer Staatsangehöriger. Dagegen bestätigt Interpol Tunis Amri zweifelsfrei als tunesischen Staatsbürger, die Passdaten werden übermittelt.

28. 10.2 016: Amris Handy wird „im Bereich Berlin/Brandenburg“ geortet.

19. 12. 2016: Anis Amir fährt mit einem Lkw über den Weihnachtsmarkt, zwölf Menschen sterben.

21. 12. 2016: Das tunesische Generalkonsulat Bonn schickt die Passersatzpapiere, sodass er abgeschoben werden könnte. Amri wird bundesweit unter mindestens 14 Identitäten erfasst. (mit dpa)