Anis Amri: Gotteskrieger zwischen Zuhältern und Wodka-Flaschen

Wir kennen Anis Amri (1992–2016)  inzwischen ganz gut. Die Behörden kannten ihn schon, bevor er am  19. Dezember 2016  mit einem Lastwagen in eine Menge von Weihnachtsmarktbesuchern am Berliner Breitscheidplatz fuhr. Wir kennen die Kneipen, in die er am Morgen, und die, in die er am Abend ging.

Runtergekommene  Etablissements im alten Neukölln, in denen hinter dem Tresen billige  Schnäpse zu haben sind.  Spielautomaten stehen herum.  Kleindealer trifft man hier, alte Männer, die hier alkoholisiert den Rest ihres Lebens verdämmern. Und junge, die mit Messern aufeinander losgehen.

Das ist das Milieu, von dem  jede Gesellschaft  sich bedroht sieht. Hier spielte schon die „Dreigroschenoper“, hier waren Franz Biberkopf und seine Mieze zu Hause. Wobei das Wort uns etwas vorspiegelt, das hiermit nichts zu tun hat. Es sind die Orte derer, die kein Zuhause haben. Anis Amri hatte keines. Er streifte den ganzen Tag durch Berlin, wie er zuvor durch andere Orte gestreift war. Wir haben keine Ahnung, was ihm bei seinen Streifzügen durch den Kopf ging.

Sein Milieu waren die Kneipen

Wir fragen: Woher kommt sein Hass auf uns? Aber woher wollen wir wissen, dass er  uns hasste?  Wir kennen seine Beweggründe nicht.  Vielleicht kannte er sie selbst nicht.  Aus dem Kleinkriminellen Anis Amri wurde, so  hören wir, irgendwann ein Gotteskrieger. Aber ist das  wahr? Er wurde Islamist, heißt es. Ist das wahr? Ein Gotteskrieger zwischen Zuhältern, Whiskey- und Wodka-Flaschen? Lernte er Koransuren auswendig?

Hat er die fünf Gebete – Fajr, Zuhr, Asr, Maghrib und Isha – zu Sonnenaufgang, kurz nach Mittag, in der Mitte des Nachmittags, bei Sonnenuntergang und in der Nacht verrichtet? Hat er dabei nach Mekka geschaut und den Gebetsplatz sauber gehalten – einen Teppich darüber gelegt? Hat er die Alkoholflaschen nur angeschaut und nie geleert? Es fällt einem schwer, sich das vorzustellen.

Anis Amri ist durch viele Länder gereist, hat viele Städte besucht – ein völlig falscher Begriff auch das –, aber er hat offenbar niemals sein Milieu verlassen. Die Kneipen – Spelunken, hätte mein Großvater gesagt –, in denen sich die Ausgestoßenen treffen. Immer wieder auch tödlich.

Stadtteile werden gentrifiziert, dann suchen die Ausgestoßenen sich neuen Lebensraum. So wandert auch der. Das sieht dann aus, als würde er kleiner. Weil wir die neuen Terrains noch nicht kennen.

Wir müssen aber wohl doch davon ausgehen, dass, während wir die Gentrifizierung beklagen, die Bezirke  der Ausgestoßenen wachsen. Es gibt in Berlin keine Favelas, es gibt hier keine Ghettos – außer denen der Superreichen – , aber es gibt einen Archipel, in dem immer mehr Menschen immer besser untertauchen können. Und untergehen.

Dazu sind Städte da. Von Anfang an. Im 4. Kapitel des ersten Buch Moses wird die Geschichte von Kain und Abel erzählt. Beide opfern Gott. Das Opfer Abels mag Gott, und so ist er Abel gnädig. Kains Opfer gefiel Gott nicht, und so war er ihm ungnädig. Kain erschlägt Abel. „Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?“

Gott verflucht Kain: „Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.“ Als Kain einwendet, als Flüchtling werde er überall getötet werden, versieht ihn Gott mit einem Kainsmal, sodass er nicht getötet werde. So ging Kain hinweg von dem Angesicht des Herrn und erbaute eine Stadt. Auch Anis Amri war bereits als potenzieller Mörder markiert. Auch er durfte  nicht getötet werden.

Das ist die erste Stelle, in der in der Bibel eine Stadt vorkommt.  Sie gehört nicht zur göttlichen Schöpfung. Sie wurde erbaut von  einem Mörder. Sie ist, weit entfernt vom Angesicht Gottes, die Zufluchtsstätte eines Verfolgten. Die Stadt ist der Ort des Verbrechers und der Ort der Verbrechen.

Das System Babylon

Sie ist das in der christlichen Tradition immer wieder gewesen, ja man könnte sagen, immer geblieben. Die Stadt – das war Babylon. Das war auch die Stadt, in die die Juden verschleppt worden waren. Hier saßen sie erniedrigt und weinten. Hier sannen sie wohl auch auf Rache.

In der Offenbarung des Johannes heißt es über die große Stadt Babylon: „Und es werden sie beweinen und beklagen die Könige auf Erden, die mit ihr gehurt und geprasst haben, wenn sie sehen werden den Rauch von ihrem Brand, in dem sie verbrennt.  Und die Kaufleute auf Erden werden weinen und Leid tragen um sie, weil ihre Ware niemand mehr kaufen wird: Gold und Silber und Edelsteine...

Die Kaufleute, die durch diesen Handel mit ihr reich geworden sind, werden fernab stehen aus Furcht vor ihrer Qual... Und alle Schiffsherren und alle Steuerleute und die Seefahrer... warfen Staub auf ihre Häupter und schrien, weinten und klagten: Weh, weh, du große Stadt, von deren Überfluss reich geworden sind alle, die Schiffe auf dem Meer hatten; denn in einer Stunde ist sie verwüstet!“

Soweit die christliche Tradition. Anis Amri wird sie nicht gekannt haben. Falls er den Koran gelesen haben sollte, wird er darin auf keine vergleichbaren Stellen gestoßen sein. Aber vom  Babylon System hatte er womöglich  gehört. Dazu muss er kein Fan der Söhne Mannheims gewesen sein. 

Spätestens seit Bob Marley 1979 „Sing Babylon nieder“ und „Babylon System“ sang, ist Babylon, das in der Offenbarung des Johannes  für Rom stand, zur Metapher für die westliche Welt und ihren baldigen Untergang geworden. Vom Reggae ausgehend fast überall in der Welt. Soweit sie den Hass auf das System herausschreit.

Mit dem Koran hat das nichts zu tun. Babylon hat in ihm einen kurzen Auftritt. In der zweiten Sure. Zwei Engel lehren in Babylon die Menschen die Zauberei. Sie sagen ihnen aber, sie seien nur eine Anfechtung, die Menschen sollten nicht dem Zauber, sondern Allah folgen.

Ist das der Zustand der Gotteskrieger?

Alte Exegeten der Koranstelle fragten sich, wie die Engel nach Babylon gekommen waren und erklärten – so Wikipedia –, die beiden hätten abfällig über die immer wieder sündigenden Menschen gesprochen, da habe sie Gott nach Babylon geschickt, dort hätten die beiden mit einer Frau gesündigt und den Zeugen ermordet. „Vor die Wahl gestellt, ihre Strafe in der Hölle oder auf der Erde zu verbüßen, entscheiden sie sich für die Erde und verweilen unter Qualen in Babel.

Ist das der Zustand der Gotteskrieger? Erkennen sie sich in dieser alten Geschichte wieder oder mehr in den Zeilen: „Ich bin sicher, wir werden sehen/ wie sich die Dinge für immer drehn/ Denn die Tage sind gezählt/ dann stirbt das Babylon System?“

Wohl beides. Wer sich ausgestoßen fühlt, sucht nach den Geschichten anderer Ausgestoßener, seien es die, die an den  „Rivers of Babylon“ weinten  oder die, die  in die Sklaverei verschleppt wurden. Wichtig ist nur, dass so herzzerreißend sie das Elend besangen, sie doch herausfanden aus ihm. Babylon darf nicht das letzte Wort haben.

Es gibt keinen typischen islamistischen Terroristen

Ich erinnere an diese alten Geschichten, weil die Vorstellung mich rührt, die Ausgestoßenen hätten etwas gegen unsere Werte, sie würden sich Gedanken darüber machen, ob man lieber dem einen oder dem anderen Gott folgt, ob es vernünftiger ist, an Allah oder an Gottvater-Gottsohn-und-Heiliger-Geist zu glauben.

Das war vielleicht so, als die gut erzogenen Kinder der Reichen den Dschihad nicht nur predigten, sondern auch betrieben, damals in den fernen Tagen der Ingenieur-Terroristen in der Hamburger Marienstraße, die die Anschläge vom 11. September mitplanten. Die wird es immer noch geben. Aber inzwischen haben sie andere mobilisiert.

Es gibt keinen typischen Terroristen. Auch nicht den typischen islamistischen Terroristen. Wer jetzt nachts durch Berlin streift, der sieht unter S-Bahn-Brücken, in Hauseingängen Obdachlose schlafen. Wer  eine halbe Minute nachdenkt, weiß, dass nur Winzigkeiten uns trennen von diesem Schicksal. Jeder hat eine Stelle, auf der das Lindenblatt lag, als er sich in seiner Kindheit eine Schutzhaut überzog. Wird er an dieser Stelle getroffen, bricht er zusammen.

Manchmal denke ich, dass ich Glück hatte,  der totalitären Versuchung nicht erlegen zu sein. Sie trat mir in keiner dauerhaft verführerischen Gestalt gegenüber. Ich fühlte mich nie so ohnmächtig, dass ich „es denen unbedingt zeigen“ musste.

Ich  fühlte mich nicht so ausgestoßen, dass  ich bei Ausgestoßenen unterkriechen musste. Das ist nicht mein Verdienst, das hat nichts mit Selbstbeherrschung und Willensstärke zu tun, sondern mit Lebenskonstellationen. Hinter der nächsten Ecke kann schon eine lauern, in der  dieses Glück zerstiebt.

Wir müssen den Terrorismus bekämpfen, also auch die Terroristen. Aber das wird uns nicht gelingen, wenn wir sie ausschließlich da draußen wähnen: In den  Kneipen, die wir nicht aufsuchen, in den Straßen, die wir meiden, in den  Gegenden, die wir am liebsten sich selbst überlassen.

Anis Amri steht nämlich nur für eine von vielen Spielarten, die Gesellschaft, in der wir leben, zu zerstören. Für die der Ohnmächtigen. Die Gefährlichsten von ihnen sterben dafür, einen Augenblick lang sich mächtig zu fühlen. Und gut und schön. Oder doch wenigstens sichtbar.