Der zwölfjährige Olcay muss sich entscheiden. Denn ab diesem Dienstag starten die zweiwöchigen Anmeldungen für die Gymnasien und Sekundarschulen in Berlin.

Olcay besucht deshalb auch an diesem Tag das Lernwerk Steglitz. In einem prächtigen Altbau befindet sich Europas zweitgrößtes Nachhilfeinstitut – Olcay erhält hier Hilfe. Davon ist seine Mutter überzeugt. Auch an diesem Nachmittag ist die Suche nach der passenden Schule für Olcay das Hauptthema. Olcays Mutter diskutiert mit der Nachhilfelehrerin. Der Junge gibt sich cool, hört sich an, was für Vorstellungen andere über seine künftige Schulkarriere haben.

Seine Mutter Füsün will ihn am Steglitzer Fichtenberg-Gymnasium anmelden, sie hat sich die Schule vor kurzem beim Tag der Offenen Tür angeschaut. „Dort gibt es sogar eine Antirassismus-AG“, sagt sie. Der Wille, dass ihr Sohn und auch die Tochter das Abitur machen sollen, scheint bei der 37-jährigen Füsün Anahtar stark ausgeprägt. Wahrscheinlich, dass es mit ihrer eigenen Geschichte zusammenhängt. Als in Berlin geborenes Kind einer aus der Türkei zugewanderten Familien schaffte die jünge Füsün an ihrer Grundschule damals nur die Empfehlung für die Hauptschule. Jetzt soll ihr Sohn das Abitur am Gymnasium schaffen.

Engagement und Geld der Eltern

Doch Olcays Nachhilfelehrerin plädiert statt eines Gymnasiums für die ebenfalls beliebte Wilma-Rudolph-Sekundarschule in Dahlem. Dort gebe es weniger Druck, der Junge habe dort ein Jahr länger Zeit, um das Abitur dann nach 13 Jahren zu machen. „Außerdem ist das eine sportbetonte Schule“, sagt Lernwerk-Gründerin Swantje Goldbach. Olcay ist ein vielversprechendes Fußballtalent beim Mariendorfer SV. Er selbst will am liebsten auf der Privatschule bleiben, die er schon seit Jahren besucht. „Da kenne ich mich aus“, sagt er.

Wie Olcay und seinen Eltern geht es derzeit vielen Menschen in Berlin. Sie müssen ihre Wunschschule aussuchen, den künftigen Siebtklässler dort anmelden und dann darauf hoffen, dass sie am Ende auch den Platz bekommen. Die meisten Bewerber besuchen eine staatliche Grundschule, keine Privatschule wie Olcay. Doch sein Fall zeigt exemplarisch, wie viel Engagement und auch Geld Familien inzwischen aufbringen, um die richtige Schule für ihr Kind zu finden.

Die Familie Anahtar mit ihren zwei Kindern lebt in einem Einfamilienhaus in Lichtenrade am südlichen Stadtrand. Der Vater betreibt mehrere gut gehende Friseurgeschäfte, weshalb übrigens auch Olcays Haarschnitt immer trendy aussieht. Doch die Schulen in der Nachbarschaft gefielen den Eltern nicht. Sie wollten eine Schule finden mit mehr Lernangeboten und gerne auch mit Kindern, deren Eltern mehr Wert auf schulischen Erfolg legen. Deshalb besuchte Olcay von Beginn an die Private Kant-Schule in Steglitz, wo bilingual Deutsch-Englisch unterrichtet wird. Da damals noch die Pflicht zur Früheinschulung bestand, kam er schon als Fünfjähriger dorthin. Morgens fuhr ihn der Vater mit dem Auto hin, nachmittags holte ihn die Mutter wieder ab. Die Schule ging bis in den Nachmittag, dann begann das Lernen zu Hause. Als Viertklässler hatte Olcay plötzlich Probleme. „Oft haben wir Hausaufgaben und Übungen bis 22 Uhr gemacht“, sagt die Mutter. „Die Kinder haben ja heute nicht so viel Zeit.“

Schließlich suchte die Mutter Hilfe beim Lernwerk in Steglitz, in dem viele junge Leute ein und aus gehen. Alle Termine sind dort ausgebucht. Gerade kam eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zu dem Schluss, dass Eltern in Deutschland jährlich 900 Millionen Euro für Nachhilfe ausgeben, über die sozialen Schichten hinweg.

Als Mutter Füsun Schülerin war, konnte ihr keiner bei den Schularbeiten helfen. Doch auch ihre Mutter war ambitioniert. „Trotz meiner Hauptschulempfehlung war meine Mutter so drauf, dass sie mich gleich an einer Realschule angemeldet hat“, berichtet sie. „Hätte ich eine Realschulempfehlung gehabt, hätte sie mich wahrscheinlich am Gymnasium angemeldet.“ Und auch sie selbst wollte schon damals am liebsten ans Neuköllner Albert-Schweitzer-Gymnasium. Tatsächlich machte sie die Realschule und absolvierte dann eine Ausbildung zur Krankenschwester. Als die Kinder dann kamen, sattelte sie auf Bürokraft um. Um sich besser ihrem Nachwuchs widmen zu können.

In der 5. Klasse hatte Olcay einen Notenschnitt von 2,6. Nicht gut genug, befand die Mutter, und entschied zusammen mit der Lehrerin, dass er die Klasse wiederholen sollte. Der Sohn begann ins Lernwerk zu gehen, gewissermaßen um das Lernen zu lernen. „Ich bin bei Aufgaben oft einfach nicht weiter gekommen“, sagt Olcay. „Ein schlaues Kind, das merkt, dass es nicht mehr mitkommt, blockiert erst recht“, fügt Lernwerk-Chefin Swantje Goldbach an. Sie hat mit einer ihr vertrauen Lehrerin dafür gesorgt, dass Olcay systematischer lernt.

Noch eine Überraschung

Goldbach unterteilt in verschiedene Lerntypen: Seh-Lerner, Hör-Lerner oder Fühl-Lerner. Olcay ist ein Fühl-Lerner, er muss immer etwas in der Hand haben, um zu lernen, stellte sie fest. „Einige Lehrer hielten ihn deshalb für zu unruhig.“ Jetzt ist er darauf konditioniert, einen Radiergummi im Unterricht zu kneten. Anhand einer Lernpyramide schreibt er sich nun auf, was er lernen will, guckt es sich an und kann es anfassen. „Erhält er Zuspruch, lernt er gut“, sagt Goldbach. Wenn ihn jemand kritisiert, mache er aber zu. Mutter Füsün ist zufrieden: „Er lernt jetzt viel schneller.“

Doch ein paar Tage nach dem Treffen kommt der nächste Tiefschlag für Olcay. Die Private Kant-Schule teilt ihm mit, dass sie ihn nicht in die 7. Klasse übernehmen werde. Dafür gebe es noch zu viele Probleme im Englischen. Jetzt muss er sich nach einer neuen Schule umschauen. Mutter Füsün hat sich schon entschieden. „Erstwunsch wird das Fichtenberg-Gymnasium, der Zweitwunsch das Dreilinden-Gymnasium, denn da gab es im vergangenen Jahr noch freie Plätze“, sagt sie. Die Sekundarschulen, die in Betracht kämen, seien noch überlaufener. Auch die Wilma-Rudolph-Schule. Die Situation ist angespannt bei Familie Anahtar. Für sie ist die Schulwahl nun wirklich eine Qual.