BerlinWenn die Berliner Schauspielerin und Drehbuchautorin Anna Brüggemann heute, über zwei Jahrzehnte nach ihrem Schulabschluss, ein Schulgebäude betritt, freut sie sich: „Yeehaw, ich habe es geschafft und mache jetzt das, was ich will!“ Rund um ihren neuesten Film „Das Unwort“ (am 9. November um 20.15 Uhr im ZDF, jetzt aber schon in der Mediathek), in dem sie eine von den Aggressionen zwischen jüdischen und muslimischen Schülern überforderte Lehrerin spielt, erinnert sie sich manchmal an ihre Schulzeit in einer katholischen Nonnenschule in Bayern: „Inzwischen denke ich manchmal, wie klein die Probleme doch damals waren. Aber natürlich weiß ich, dass die nur im Rückblick klein sind.“

Die Rolle der Lehrerin kam ihr beim Lesen des Drehbuchs von Regisseur Leo Khasin sofort wie ein großes Geschenk vor: „Ich konnte mein Glück kaum fassen. So ein Buch begegnet einem vielleicht alle drei Jahre.“ Der Film behandelt antisemitische Vorfälle an Schulen, wie sie tatsächlich immer wieder vorkommen: „Mir war klar, dass darüber Filme gemacht würden, zu Recht. Aber das war nicht das Übliche, die haben sich getraut, eine Satire zu machen. Und auch noch eine gute!“

Der Trailer zum Film.

Video: ZDF

Als Gewinnerin des Silbernen Bären der Berlinale 2014 für das Drehbuch zu „Kreuzweg“ darf Anna Brüggemann sich durchaus auch über die Qualität fremder Drehbücher äußern. Über das für „Das Unwort“ ist sie voll des Lobes: „Man liest selten gute Komödien und gute Satiren, dann aber auch noch zu diesem Thema! Und mit so flotten Dialogen. Das fand ich schon mal großartig.“ Als Schauspielerin schaut sie bei der Figur, die sie spielen soll, besonders kritisch hin: „Aber dann fand ich auch die Rolle toll, weil die so zwiespältig ist. Was immer alle sagen, wenn sie amerikanische Serien gucken: ‚Toll, die Figuren sind so zwiespältig!‘ – das wird hier geboten. Es macht so einen Spaß, das zu spielen. Eine Figur, die sich quasi selber anlügt.“

Pädagogin konnte Anna Brüggemann nur über den Umweg Schauspielerin werden: „Ich wäre eine katastrophale Lehrerin, das war nie eine Option.“ Sie weiß genau, was sie auf diesem Gebiet disqualifiziert: „Ich wäre viel zu empfindlich und bewundere Lehrer ja sehr. Das ist ein super schwieriger Beruf. Ich würde mir das alles viel zu sehr zu Herzen nehmen. Das würde mich unglaublich stressen.“ Sie weiß, wovon sie spricht: „Die Familie meines Mannes ist eine Lehrerfamilie. Deshalb ist mein Respekt für den Beruf noch mal gewachsen.“ An einzelne Pädagogen aus ihrer aktiven Schulzeit erinnert sie sich gern: „Die letzten beiden Jahre vor dem Abi hatte ich mit Frau Dr. Schieth so eine tolle Geschichtslehrerin. Sie machte einen wahnsinnig lebendigen Unterricht.“

Über die Frage, ob wir heute die muslimischen und jüdischen Kinder auf den Schulhöfen mit dem Nahostkonflikt alleinlassen, hat Anna Brüggemann sich im Zusammenhang mit ihrer neuesten Arbeit ihre Gedanken gemacht: „Ich vermute, ja. Wahrscheinlich müsste man erst mal Elternveranstaltungen machen, damit das nicht auf dem Schulhof eskaliert.“

Corona hat für sie „das Potential für eine Depression“, weil „das kulturelle Leben, das kulturelle Miteinander, von dem ich als Künstler so abhängig bin, nicht da ist.“ Die erzwungene Ruhe hatte allerdings auch eine positive Nebenwirkung: „Ich habe meinen Roman fertig geschrieben. Das hätte ich ohne Lockdown wahrscheinlich nicht geschafft. An dem schreibe ich nämlich schon lange und immer kam etwas wie die Drehbücher zu ‚Als Hitler das rosa Kaninchen stahl‘ und zu ‚Nö!‘ dazwischen.“ Im Roman geht es um die letzten 30 Tage einer Beziehung. Er erscheint Ende März bei Ullstein.

Am 24. März wird Anna Brüggemann 40 Jahre alt. „Ich dachte eigentlich, dass ich eine große Party mit Rambazamba mache. Inzwischen habe ich aber das Gefühl, dass Corona sich bis Ende März noch nicht verflüchtigt haben wird. Also wird es wohl eine kleine Zoom-Konferenz in meinem Wohnzimmer.“ Ihr Bruder Dietrich Brüggemann, der Regisseur, sagt immer „Arbeit ist die wärmste Jacke“, seine Schwester fügt mit Blick auf ihren Geburtstag hinzu: „Freunde sind auch eine warme Jacke.“