Anna Morris: Eine Berlinerin, die nicht aufhören kann zu helfen

Anna Morris legt ein Foto auf den Tisch, und die Zeit bleibt stehen. Man bekommt Herzklopfen beim anschauen. Eine Frau ist darauf zu sehen mit einem Kind auf dem Schoß. Arme und Beine des Kindes erinnern eher an Streichhölzer als an Körperteile. Die Haut ist schwarz, der Bauch aufgebläht. Jeder kann erkennen, dass sich die beiden Personen auf dem Bild in Afrika in einer Hungerregion befinden. Anna Morris hebt ihren Blick vom Foto. „Süd-Sudan“, sagt sie. Ihre Augen strahlen dabei allerdings eine derartige Vitalität aus, dass der Gegensatz zum Zustand von Mutter und Kind auf dem Bild nur schwer auszuhalten ist.

Anna Morris ist 70 Jahre alt. An einem Caféhaustisch in Wilmersdorf sitzt sie und lächelt verschämt, als sie ihr Alter nennt. Dabei hält es sie von überhaupt nichts ab. Seit fast 40 Jahren reist sie in die Krisenregionen dieser Erde, um Menschen, vor allem Kindern in Not beizustehen. Eine medizinische Ausbildung hatte sie damals noch nicht. Dennoch war sie erst mit der Notärzte-Initiative von Rupert Neudeck auf der „Cap Anamur“ im südchinesischen Meer unterwegs, später mit Ärzte ohne Grenzen in vielen afrikanischen, arabischen und asiatischen Ländern. Kriege, Hunger, Überflutungen, Erdbeben hatten dort Katastrophen ausgelöst. Es gibt offenbar nicht viel, was Anna Morris wirklich abschreckt. Ende Februar will sie wieder los.

Mit 16 Jahren das Land verlassen

Es dauert ein bisschen, bis man versteht, wie das kommt. Irgendwann im Verlauf des Gesprächs wird Anna Morris sagen: „Ich mache das für die Menschen. Nicht für Geld. Ich bin aber auch keine Mutter Teresa. Ich bin eine von diesen Leuten.“ Eine von ihnen. Das ist eine Spur. Eine aus Afrika, soll das heißen. Anna Morris stammt aus Eritrea, aber ihr Heimatland hat sie bereits 1969 verlassen. Sie lebt jetzt in Berlin. Aber vielleicht muss man zu ihrem Ursprung zurückgehen, um zu verstehen, warum Anna Morris nahezu ihr ganzes Leben der Rettung anderer Menschen gewidmet hat.

Anna Morris wurde 1946 in einer Stadt an der Grenze zu Äthiopien geboren. Sie besuchte eine italienische Schule, nicht ungewöhnlich in der ehemaligen italienischen Kolonie damals. Zu diesem Zeitpunkt war das Land eine Provinz des Äthiopischen Kaiserreiches. Ab Anfang der 60er-Jahre verwüstete ein 30 Jahre andauernder Unabhängigkeitskrieg das Land. Anna Morris flüchtete nach Italien. Damals war sie 16 Jahre alt.

Es hat bürgerliche Phasen in ihrem Leben gegeben. In Italien hat sie Kinder wohlhabender Familien betreut. Später heiratete sie nach England, bekam selbst ein Kind und die britische Staatsbürgerschaft. „Aber irgendwann war mir das Leben als Hausfrau einfach zu langweilig“, sagt sie. „Ich hatte mein Land verlassen. Ich war jung. Ich wusste gar nicht, wohin mit mir.“ Mann, Haus, Kind, Hund, ein sorgenfreies Leben, das war offenbar nicht das Richtige. 1978 verließ sie England und ging nach Singapur. Damals begann das Leben, das Anna Morris bis heute führt: Immer wieder unterwegs, von Einsatz zu Einsatz, manchmal jahrelang in einem Projekt engagiert.

Es kam eher zufällig, dass Anna Morris zur „Mutter der vietnamesischen Boat-People“ wurde. Diese Formulierung benutzt der Essener Kinderarzt Werner Strahl, wenn er über Anna Morris spricht. Strahl führt heute den Vorstand der Nothilfe-Organisation Cap Anamur. Über Freunde lernte sie 1978 Rupert Neudeck kennen, der mit seinem Schiff „Cap Anamur“ vietnamesische Flüchtlinge aus dem Südchinesischen Meer fischte. Tausende versuchten damals, in Nussschalen über das Meer ihr Land zu verlassen. „Rupert Neudeck war ganz freundlich. Ich war jung, ich hatte keine Ausbildung, ich wusste gar nichts. Aber ich kam aus Eritrea. Dieses Land in der Krise, das fand er interessant“, sagt Anna Morris. Sie reizte vor allem das Abenteuer.

An ihrem Tisch in der Wilmersdorfer Bäckerei lacht Anna Morris beim Erzählen, als sie sich erinnert, wie die Cap-Anamur-Ärzte reagierten. „Die waren komisch, sie sagten, eine junge Frau, keine Ausbildung, was will die hier? Die waren total frech“, sagt Anna Morris. Die Ignoranz hat sie geärgert. Aber sie blieb. Unter den Flüchtlingen auf dem ersten Boot waren dann sehr viele Kinder, und die liebten Anna Morris. „Sie haben immer Mama, Mama gerufen“, sagt sie. Schnell hatte sie auf dem Schiff die Verantwortung für die Kinder. Die Ärzte änderten ihre Meinung. Damals hat sie wohl ihre Berufung gefunden. Etwas über ein Jahr lang fuhr sie mit der „Cap Anamur“ über das Meer. Dann sorgte die Notärzte-Organisation dafür, dass Anna Morris in Essen eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester machen konnte.

Sie hat später in Projekten für Ärzte ohne Grenzen gearbeitet. Anna Morris legt ein weiteres Foto auf den Tisch. Menschen in Rettungswesten sind zu sehen. Es wurde während eines Einsatzes nach einer Flutkatastrophe aufgenommen. Auf einem anderen Foto ist eine Kindergruppe auf einem staubigen Platz mit ein paar Hütten im Hintergrund zu sehen: Eritrea. Sechs Jahre lang hat sie dort in einem Krankenhaus gearbeitet. „Die Kinder auf dem Foto sind heute alle tot, erschossen, als sie als Soldaten an der Grenze zu Äthiopien eingesetzt wurden“, sagt Anna Morris.

In Berlin ist sie seit 2012. Im letzten Jahr hat sie sich in Wilmersdorf um Flüchtlinge gekümmert, um Iraker, Pakistaner, junge Frauen aus Eritrea. Anna Morris hat übersetzt, auch für syrische Frauen. Sie kann ja so viele Sprachen. In Syrien war sie drei Jahre. Aus jedem Einsatz sind immer auch Wörter hängen geblieben, um sich zu verständigen. „Es ist aber eigentlich doch Sozialarbeit“, sagt sie. Sie hilft bei Behördengängen, alltäglichen Problemen.

Junge Generation auf der Flucht

Für die Menschen aus Eritrea hat sie viel Verständnis, aber die junge Generation, die jetzt auf der Flucht ist, hat mit ihr selbst wenig zu tun. Damals war Bürgerkrieg. Dort wie auch in Vietnam wollten die Menschen Freiheit. „Heute flüchten die meisten jungen Leute aus Eritrea vor dem Militärdienst. Sie haben Angst, erschossen zu werden, sehen keine Perspektive. Sie wollen ein besseres Leben. Aber die Erwartung, in Europa Gold zu finden, ist doch seltsam“, sagt Anna Morris. Eine falsche Erwartung sei das, sagt sie. Anna Morris interessiert sich dafür, warum Menschen eine gefährliche Flucht auf sich nehmen. „Ich bin auch ein Flüchtling. Ich möchte etwas beitragen. Aber die Flüchtlinge heute müssen lernen, dass es sehr schwer ist, sich hier in Europa ein neues Leben aufzubauen.“

Sie wohnt zur Untermiete in einem kleinen Zimmer. Da will sie lieber niemanden hineinschauen lassen. Gerade hat sie eine Wohnung gefunden, eineinhalb Zimmer in Neukölln. Ein Platz für sich allein, genug Platz auch für jemanden, der immer nur kurz zu Hause sein wird. Der letzte Einsatz ging nach Indien. Wo sie der nächste hinführen wird, weiß Anna Morris noch nicht. Müde ist sie nicht. „Es ist wie eine Droge.“