Berlin - Züge nach Hamburg fahren am Berliner Hauptbahnhof oft auf Gleis 8 ab. Gleis 8 heißt nun auch die neue Band der ehemaligen Rosenstolz-Sängerin AnNa R. (das muss man erstmal hinbekommen, dass sich die Medienfuzzis streng an diese Schreibweise halten). Sie spielte am Dienstagabend im Astra in Friedrichshain ihr allererstes Konzert. Und bis Freitag folgen noch gleich drei weitere ausverkaufte Zusatzkonzerte.

Die Stimmung der frischgebackenen Gleis-8-Fans vor dem allerersten Gig ihrer neuen Lieblingsband ist von einer ruhigen Nervosität geprägt. „Manchmal ist so etwas Kleines viel schöner als so etwas Großes“, hört man etwa eine Frau um die 40 in der Runde ihrer besten Freundinnen sprechen. Vermutlich ist das Astra, das immerhin über 1500 Leute fasst, der kleinste Club, in dem sich diese Clique seit ihrer „Gründung“ aufgehalten hat.

Ein schwules Pärchen kommt vor lauter Vorfreude auf das Konzert aus dem Lachen nicht mehr heraus. Wirklich rührend, die verschiedenen Menschen beim Warten an Gleis 8 zu beobachten.

Schüchterne Frontfrau

Gegen 20.15 Uhr, etwas später als es der Fahrplan vorgesehen hatte, steht AnNa R. mit ihren – selbstverständlich acht – Begleitmusikern zu tosendem Applaus auf der Bühne. Wobei nur drei der Musiker nebst AnNa R. tatsächliche Bandmitglieder von Gleis 8 sind. Die anderen sind gemietete Livemusiker, was für den Fan etwas irritierend wirkt. Denn sowohl die beiden Miet-Gitarristen, links und rechts am Bühnenrand drapiert, posieren, was das Zeug hält, so wie auch der Miet-Harfenspieler im hinteren Teil der Bühne. Alle geben sich Mühe, in ihren U2-Gedächtnis-Outfits eine Show der Ekstase zu liefern.

Gegen den Rest der freudigen Entgleisungsbrüder wirkt AnNa R. in der Mitte der Bühne regelrecht schüchtern. Sie nippt aus ihrer schwarzen Plastikflasche, in der sich vermutlich irgendein isotonischer Wundertrunk befindet, von dem man sich aber die ganze Zeit über wünscht, dass doch ein Schuss aufmunternder Wodka mit drin sein möge.

Denn über jeder vermutlich schon vor dem Spiegel im Teenagerzimmer eingeübten Pose, jedem amtlichen Gitarrenriff, jeder mit dem Loop-Pedal gedoppelten Trompeten- oder Saxofonspur, jeder noch so durchgestylten Cybergrafik auf der LCD-Wand hinter der Band scheint einfach nur ein Wort mit dickem Ausrufezeichen zu stehen: Angst.

Die Angst, dass es nach dem Ende von Rosenstolz eben doch nicht so reibungslos weiterläuft, die Angst, dass ein erstes Konzert eben auch mal in die Hose gehen kann, die Angst davor, dass es in Ermangelung an Hits eben nicht sofort abgeht wie bei Schmidts Katze.

Woher sollen die Hits auch so schnell kommen? Diese Band hat sich erst im letzten Jahr gegründet. Aber gute Songs schreibt nun mal das Leben. Und wer will gerade schon Songs darüber hören, wie die eigene Lieblingsband in tausend Trümmerteile zerschellt ist. Da kann Mensch der größte Verdrängungskünstler der Welt sein: Eine Karriere wie die von Rosenstolz öffentlich für beendet zu erklären, ist auch für den Fan bitter und hinterlässt Wunden, die erstmal heilen wollen.

Suche nach dem neuen musikalischen Ich

Gleis 8 mit ihrem jungen, aufstrebenden Hamburger Musikproduzenten Timo Dorsch, der im Astra die Percussions-Instrumente bediente, geben sich auch alle Mühe, die Lücke, die offenbar in der deutschen Poplandschaft entstanden ist, zu füllen. Aber irgendwie wird man am Dienstagabend die ganze Zeit über das Gefühl nicht los, am verkehrten Bahnsteig zu stehen.

Denn auch wenn man kein Rosenstolz-Fan ist, so muss man doch zugeben, das zwischen AnNa R. und Peter Plate – wie auch dessen Lebensgefährten Ulf Leo Sommer, der für viele Liedtexte verantwortlich war – doch eine gewisse Songschreibmagie herrschte. Mit ihrer neuen Band versucht AnNa R., den drohenden Erfolgsverlust im ICE-Tempo zwischen den Produktionsstätten Berlin und Hamburg wieder aufzuholen. Dabei würde dieser jungen aufstrebenden Band etwas „Watching The Wheels“ weitaus besser tun.

„Weißt Du wer ich bin, weißt Du wer ich wirklich bin? Weißt Du wer ich bin, was ich nicht bin?“, singt AnNa R. in der ersten Single-Auskopplung „Wer ich bin“ aus dem Debütalbum „Bleibt das immer so“. Eine Antwort auf diese Frage zu finden, das wird in nächster Zeit die Hauptaufgabe der musizierenden Schaffner von Gleis 8 sein.

Konzerte von Gleis 8 im Astra, Revaler Straße 99: Fr 28. Juni (ausverkauft), Zusatzkonzert: Sa 29. Juni, Tickets im VVK 30 Euro, Einlass: 19 Uhr, Beginn: 20 Uhr

Weitere Informationen finden Sie unter www.gleis8.net