Berlin-Mitte - Auf unserem Klassenfoto kann ich sie nicht entdecken. Vielleicht ist sie eine derjenigen, die verdeckt in der hinteren Reihe stehen. Sie hat bei uns in der Fischerinsel sechs gewohnt, Wohnung 17/08. Annette war anders als alle anderen in unserer Klasse. Sie hatte eine John-Lennon-Brille, trug Batikblusen und Schlaghosen, und wenn sie sprach, brachte sie in jedem zweiten Satz das Wörtchen „halt“ unter. Ich bestaunte den blauen VW-Käfer mit aufklappbarem Dach, der seit Annettes Einzug vor der Fischerinsel sechs parkte, zwischen all den Ost-Autos.

Unsere neue Mitschülerin kam aus München. Da sei sie geboren und aufgewachsen. Zuletzt aber habe sie mit ihren Eltern in West-Berlin gelebt. Es hieß, Annettes Eltern seien wegen der Arbeit nach Ost-Berlin gezogen und ihr Vater ein berühmter Schauspieler, Wolfgang Kieling. Den Namen hatte ich noch nie gehört. Abgesehen davon wussten wir Mitschüler, dass Annette nur mit ihrer Mutter bei uns im Haus wohnte. Wo war denn dieser berühmte Schauspieler nun eigentlich? Für mich als Zehnjährigen war das Ganze etwas unübersichtlich.

Annette war mir irgendwie unheimlich

Annette und ich hatten fast vier Jahre lang den gleichen Schulweg. Von der Fischerinsel sechs ging es über die Roßstraßenbrücke, dann anschließend noch ein kleines Stück die Neue Roßstraße entlang und schließlich links auf den Schulhof der 15. POS. Es waren vielleicht fünf Minuten zu Fuß. Trotzdem vermied ich es, diesen Weg mit ihr gemeinsam zu gehen. Annette war mir irgendwie unheimlich.

Sie hatte in jedem Fach die Note Eins, abgesehen von Sport. Ihre Deutsch-Aufsätze lasen sich wie von einem Erwachsenen geschrieben, melancholische Texte von sprachlicher Eleganz. Auch in Kunst glänzte Annette mit Zeichnungen, Bildern und Collagen. Dieses super kluge, leicht pummelige Mädchen machte mich ratlos. Ich wusste einfach nicht, worüber ich mit ihr hätte reden sollen.

Damals schaute ich nachmittags stundenlang Sportsendungen im Fernsehen oder lag im Bett und las Reisereportagen und Abenteuerberichte. Das schien mir allerdings nicht der passende Gesprächsstoff für Annette zu sein, die schon bald mit Nele befreundet war und außerdem viel Zeit bei unserer Klassenlehrerin verbrachte, die auch in der Fischerinsel sechs wohnte.

Warum darf eine aus dem Westen auf die EOS?

„Annette hatte bei uns ein zweites Zuhause“, erinnert sich unsere Lehrerin. „Ihre Mutter war ja Bühnenbildnerin und viel unterwegs, manchmal sogar wochenlang, wenn sie auswärts an Theatern gearbeitet hat. In solchen Zeiten war Annette jeden Tag bei uns und man spürte deutlich, dass sie sich nach Familie gesehnt hat. Der Vater hatte sich ja gleich zu einer anderen Frau abgesetzt, als sie in die DDR gekommen waren.“ Sie sei außerordentlich begabt gewesen, sagt sie, in vielen Bereichen und deshalb nach der achten Klasse ja auch auf die EOS gegangen, was für einiges böses Blut gesorgt hat. Denn Plätze auf der Erweiterten Oberschule, also dem Gymnasium, waren knapp. Warum denn eine aus der BRD einen der wenigen Plätze kriegen müsse, haben Eltern gefragt.

Wobei unsere Lehrerin nicht mal sagen kann, ob Annette damals Bundesbürgerin war oder die normale DDR-Staatsbürgerschaft hatte. „Für Annette und ihre Mutter galten immer ein paar Extra-Reisefreiheiten“, erinnert sie sich. „Im Sommer zum Beispiel durften sie jedes Jahr für vier Wochen nach Jugoslawien fahren. Sie hatten dort ein Ferienhäuschen. Groznjan hieß der Ort, eine Art Künstlersiedlung.“

Unsere Lehrerin hat den Kontakt zu ihrer Schülerin nie verloren, auch als Annette und ihre Mutter weggezogen waren von der Fischerinsel. Erst in den Friedrichshain, später nach West-Berlin und nach Brüssel. „Zum Schluss war sie in Wales.“

Zum Schluss?

„Ja, zum Schluss. Annette lebt nicht mehr. Sie ist 2011 in Wales gestorben.“

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Die Klasse 5a der 15. POS, 1971.

Ein paar Tage später sitze ich im Atelier von Johanna Kieling, Annettes Mutter. Ihr dreistöckiges Häuschen in einem kleinen Dorf im Allgäu ist vollgestellt und vollgehangen mit großformatigen Ölbildern. Meine fünfundachtzigjährige Gastgeberin hat Espresso zubereitet und erzählt von ihrer Tochter, die in München geboren wurde, im Sommer 1960: „Wolfgang, Annette und ich haben dort in einem wunderschönen Bauernhaus am Stadtrand gelebt. Da ist Annette auch eingeschult worden. Aber dann wollte Wolfgang unbedingt nach West-Berlin, weil das in den 60er-Jahren der Ort war, wo man sein musste. Und so sind wir 1967 von München nach West-Berlin gezogen, in ein Reihenhaus in Zehlendorf, wo Annette dann auch in die Grundschule gegangen ist.“ So nahmen die Dinge ihren Lauf: Die Studenten-Proteste gegen den Vietnam-Krieg, die Demo gegen den Schah-Besuch, bei der Benno Ohnesorg erschossen wurde, die Springer-Presse und ihre Verbalattacken gegen die außerparlamentarische Opposition.

„Wolfgang“, erinnert sich Johanna, „war ja schon deutlich älter als die Studenten und noch Soldat gewesen im Zweiten Weltkrieg. Aber genau deshalb war er auch so wütend. Weil er jede Form von Krieg hasste. Fast alle Jungs aus seiner Klasse waren im Krieg umgekommen. Anfang 1968 ist ihm dann der Satz rausgerutscht: ‚Dann gehe ich eben dorthin, wo der Vietnamkrieg nicht unterstützt wird, in die DDR!‘ Die Organisatoren des großen Anti-Vietnamkriegs-Kongresses an der TU kriegten Wind von seiner Ankündigung, die eigentlich nur so ein Spruch war.“ Aber plötzlich habe die Sache richtig Fahrt aufgenommen. Nach ihrer Erinnerung „hatten Horst Mahler und Ulrike Meinhof schließlich eine Pressekonferenz organisiert und für Wolfgang eine Erklärung formuliert, in der er unter anderem den Fernsehpreis ,Goldene Kamera‘ zurückgab. Das Ganze war für ihn auch eine Art Spiel und hatte etwas mit seiner Eitelkeit zu tun. Denn natürlich hatte er dadurch, dass er in die DDR ging, Riesenschlagzeilen.“

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Annette mit ihren Eltern. Ihr Vater Wolfgang Kieling (1924-1985)  war ein bekannter Schauspieler, ihre Mutter Johanna Kieling, eine Bühnenbildnerin, lebt heute im Allgäu.

Wolfgang Kieling bekam im Osten sofort Rollen am Theater und in Fernseh- und Kinoproduktionen. „Wie sich Annette gefühlt hat, kann ich nur ahnen“, sagt ihre Mutter und „dass sie total losgeheult hat, als es hieß, du musst schon wieder umziehen“. Vielleicht war das die Zeit, in der Annette anfing, sich zurückzuziehen. Zumal Wolfgang im Osten schon bald eine neue Frau hatte und Johanna mit Annette zu uns in die Fischerinsel sechs zog. „Die Wohnung war okay“, erinnert sich die Malerin, „nur die Leute im Haus wirkten so grau, schlapp und farblos.“

Waren wir Bewohner der Fischerinsel wirklich so grau und trist, wie Johanna Kieling uns in Erinnerung hat? Ich muss daran denken, wie empört ich war, wenn Wessis erzählten, wie trostlos ihnen Ost-Berlin vorkam in den 70er- oder 80er-Jahren. Inzwischen habe ich eingesehen, dass das wohl tatsächlich so war. Man kann das heute noch in den Fotos von Klaus Bädicker und Harald Hauswald betrachten. Beide haben Ost-Berlin und den Alltag der Menschen in ihren Fotos festgehalten. Die Erkenntnis lautet: Ja, selbstverständlich, es war grau!

Annette wollte unbedingt zurück in den Westen

Eines Tages entdeckte Johanna Kieling am Schwarzen Brett in der Fischerinsel sechs eine Wohnungstausch-Anfrage. Jemand bot eine Drei-Zimmer-Altbau-Wohnung am Friedrichshain und wollte sie gegen eine Drei-Raum-Wohnung auf der Fischerinsel tauschen. „So zu tauschen, war damals völlig verrückt und abwegig“, erinnert sich Johanna Kieling. „Kein Mensch gab doch freiwillig seine Neubauwohnung her, um stattdessen in eine Altbauwohnung mit Ofenheizung zu ziehen. Ich aber wollte mehr Platz haben als die fünfundsechzig Quadratmeter auf der Fischerinsel, und deshalb sind Annette und ich in diese Altbauwohnung gezogen. Die Zimmer waren groß und die Räume viel höher. Da haben wir bis zu unserer Ausreise im Herbst 1977 gelebt.“

Nele, auf unserem Klassenfoto ist sie die in der Mitte mit der Brille, war Annettes beste Freundin. Sie glaubt, dass es Annette war, die unbedingt zurück in den Westen wollte. „Das hatte“, sagt Nele, „etwas zu tun mit Annettes bevorstehendem achtzehnten Geburtstag. Sie hätte sich dann wohl für die DDR-Staatsbürgerschaft entscheiden müssen und dann im Sommer nicht mehr nach Jugoslawien gedurft.“ Nele hat noch Dutzende Briefe, die Annette ihr geschickt hat. Aus ihren Zeilen hat sie den Wunsch nach einem Zuhause herausgelesen, nach einer Familie, nach Eltern, die für sie da sind, vor allem nach einem Vater. „Später hat sie deshalb ja auch oft Männer gehabt vom Typ ‚starker Vater‘“.

Das Buch

Dieser Text ist dem gerade erschienenen Buch „Die Kinder von der Fischerinsel“ von Andreas Ulrich entnommen (Berlin Edition im Be.bra Verlag 2021, 224 Seiten, 24 Euro). Es  handelt sich um eine leicht gekürzte Fassung des ersten Kapitels.  

Erhalten geblieben ist das Tagebuch, das Annette in ihrem ersten Jahr in West-Berlin führte und das an dem Abend begann, als sie am Grenzübergang in der Invalidenstraße die DDR verließ: „Ich beobachtete eine Katze, wie sie gemächlich und unbeobachtet von West nach Ost tigerte“ Noch am gleichen Abend zieht sie in eine WG in der Hardenbergstraße. Sie notierte: „West-Berlin, dieses Reizwort, Glitzer und Glimmer versprechend, weiter weg als der Mond für mich als DDR-Nase, hatte mit einem Schlag Realität angenommen. Ich saß mittendrin. Ich habe mich niemals so absurd gefühlt.“

Die „DDR-Nase“ trennte sich nicht nur vom alten Land, sondern auch von ihrer Mutter. Schon lange siezten sich Mutter und Tochter, wenn sie miteinander sprachen. „Vor allem von Annettes Seite war das kein Witz, die hatte zu ihrer Mutter wirklich ein sehr gespanntes Verhältnis. Weil die eigentlich auch nie da war für ihre Tochter“, so hat es Nele in Erinnerung.

Sie erkundete das West-Berliner Nachtleben, das keine Sperrstunde kannte

Annette war siebzehn und erkundete das West-Berliner Nachtleben, das keine Sperrstunde kannte, und musste nach einigen Wochen wieder zur Schule. Über ihre erste Zeit im Gymnasium am Hansaplatz schrieb sie: „Ich war von meiner alten Schule gewöhnt, intensiv zu arbeiten, das galt hier als Streben, ich wurde das ‚wandelnde Lexikon‘ genannt, man beobachtete mich, näherte sich aber kaum.“ Einige Zeit später notierte sie „Ich kam von meinem DDR-Image nicht weg, wohl aber von der DDR-Disziplin. Ich begann, wie alle anderen, nach dem dort gesetzlich gesicherten Schlüssel zu schwänzen, ich nutzte ihn nur mehr als die anderen.“

Irgendwann hat sie dann ihr Abi gemacht, „sich nebenbei immer mal heftig verliebt und dann diesen Physik-Professor von der FU geheiratet“, erzählt Nele. Von dem Professor ließ sie sich schon bald wieder scheiden. Der habe ihr aber immerhin noch die Ausbildung zur Heilpraktikerin finanziert. Irgendwann hatte Annette angefangen, sich für Homöopathie zu interessieren, für chinesische Medizin, Kräuter, Düfte, Aromatherapie und Heilung durch Kristalle.

Malerin, Reiki-Meisterin, Gesangslehrerin, Ehefrau, Geliebte des besten Mannes der Welt

„Und dann“, erzählt mir ihre Freundin, „traf Annette die große Liebe ihres Lebens, den Mann.“ Ein belgischer Musikprofessor, der in einem prachtvollen Palais mitten in Brüssel lebte, ein international geschätzter Orgel-Fachmann. Annette reiste an seiner Seite nach Kanada, in die USA und nach Brasilien. Während ihr Mann dort in Kirchen und Kathedralen stundenlang auf der Orgel spielte, saß sie zumeist mit einem Skizzenblock in seiner Nähe und zeichnete, Kreuzgewölbe, Altäre, Heiligenbilder und bunte Glasfenster, was es in Kirchen eben zu sehen gibt.

Zu Hause in Brüssel fanden opulente Essen mit Freunden statt. Alle Gespräche drehten sich um Orgeln. „Annette konnte da nicht mitreden und irgendwann hat sie Schluss gemacht. Da war die Multiple Sklerose schon weit vorangeschritten.“, erinnert sich Nele.

2007 lernte Annette im Internet ihren späteren Ehemann Geoffrey kennen, packte ein letztes Mal im Leben ihre Koffer und zog zu ihm nach Südwales.

Geoffrey bezeichnete sich selbst als Kristall-Heiler und galt als eine Art Guru in dieser Szene. Im Netz existiert noch Annettes Twitter-Account. Dort bezeichnete sie sich als „Painter, Reiki-Master, singer’s coach, wife and lover to the only one“. Malerin, Reiki-Meisterin, Gesangslehrerin, Ehefrau und Geliebte des besten Mannes der Welt. Das liest sich zufrieden, finde ich.