In manchen Momenten nehmen Wörter Gestalt an. Man kann sie dann sehen. Warum es „stillen“ heißt, begreife ich zum Beispiel wieder einmal, als ich die junge Mutter im Strandbad sehe. Sie ist sehr jung, das offenbart ihr Gesicht. Viel mehr sieht man nicht, Haare und Hals sind unter einem weinroten Hidschab verborgen, dazu trägt sie ein knöchellanges himbeerfarbenes Gewand.

Es hat etwas Heiliges, wie sie da sitzt, ganz versunken in das Kind, darum ein unsichtbarer Raum. Trüge sie nicht Sneakers an den Füßen, sie sähe aus wie die Jungfrau Maria. Ihre Augen glänzen. Wie gerne würde ich jetzt malen können. Das Bild hieße natürlich: Stille.

Wer zuerst lacht, hat verloren

Die Frau ein Stück weiter wirkt nicht weniger verzaubert, ihr Baby ist ein Buch. Ich versuche, mich unauffällig zu verrenken, um einen Blick auf den Titel zu erhaschen. Jemand lacht und mir wird klar, dass man sich nicht unauffällig verrenken kann. Ehe ich mir zu Ende überlegt habe, ob ich sie einfach frage, was sie liest, lenkt mich eine Unruhe von links ab. Zwei kleine Jungen schneiden Grimassen. Grimassen, die ein Gesicht eigentlich gar nicht mitmachen dürfte, rein anatomisch gesehen. Das Spiel heißt: Wer zuerst lacht, hat verloren. Ich verliere.

Alle wirken sehr zufrieden und bei sich, die beiden Frauen, die Kinder und alle anderen auch. Keiner ist allein in diesem Bad, auch das fällt auf. Also, allein im Sinne von einsam. Wer allein da ist, will allein sein oder es macht nichts aus, jedenfalls wirkt das so. Die Alleinigen sind halt mit sich da und empfinden das als gute Gesellschaft. Die meisten sind zu zweit, zu viert, en famille oder in großen Gruppen gekommen oder haben sich getroffen. Eine Gruppe Männer entdeckt in diesem Augenblick eine andere Gruppe Männer. Man klatscht sich ab. Ho, hey, na, wie geht’s? Später ein Bier!

Das Gespenst „anonyme Großstadt“

Warum, weiß ich nicht, aber ausgerechnet in diesem Moment fällt mir ein Zeitungsbericht ein, den ich vor ein paar Wochen las. Da ging es um einen Mann, noch gar nicht so alt, der tot in seiner Wohnung gefunden wurde. Er war schon Tage vorher gestorben und niemand hat ihn als vermisst gemeldet. Niemand hat ihn gesucht. Mal geklingelt. Immer wieder gibt es solche Berichte und jedes Mal frage ich mich, wie das geschehen kann. Das Gespenst „anonyme Großstadt“ weht dann vorbei, aber für mich bleibt es ein Gespenst. Etwas, von dem die Leute sagen, dass es das gibt, aber ich kann es nicht sehen, nicht greifen, begreifen.

Einige Tage später, wieder am See, das Sommerzusammensein im Rücken, kommt uns ein Junge auf dem Fahrrad entgegen. Er kurvt absichtlich die Passanten an, fährt hin und her und spricht mit sich selbst. Ich habe ihn schon oft gesehen. Er ist acht, vielleicht neun Jahre alt und immer allein. Er würde sicher vermisst, allein wegen der Schule, denke ich, und merke sofort, dass das ein anderes „vermisst“ ist. Ein papierenes, einer auf der Liste fehlt. Wem würde er noch fehlen? Der Junge wirkt nicht wie jemand, der gerne allein ist. Sondern kolossal einsam. Da kurvt es, das Wort. Einsam.