Berlin/München - Nach den Brandanschlägen auf die Bahn im Großraum Berlin suchen die Ermittler jetzt bundesweit an Bahntrassen nach Brandsätzen. Laut "Bild am Sonntag" sollen sich in blauen Brotboxen elektronische Zünder und Brandbeschleuniger befinden. Die Bundesanwaltschaft wollte zu Einzelheiten unter Hinweis auf das laufende Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt nicht Stellung nehmen. Auch zu einem Bericht des „Focus“, wonach die Polizei einen zunächst Verdächtigen vernommen hat, ihn jedoch wieder laufen ließ, wollte der Sprecher der Bundesanwaltschaft auf dapd-Anfrage nichts sagen.

"Wir kontrollieren seit Montag deutschlandweit neuralgische Punkte nach auffälligen Gegenständen", sagte ein Bahn-Sprecher der "Bild"-Zeitung. Berlins Innensenator Ehrhart Körting und der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Jörg Ziercke, sehen laut einem Vorabbericht des Nachrichtenmagazins "Focus" derzeit keine Gefahr des "organisierten Linksterrorismus".

Boxen mit Zündern

Dem Zeitungsbericht zufolge befanden sich in den bisher sichergestellten Plastikboxen ein selbstgebauter Zünder mit einer gelöteten Platine und Zeitschaltuhr, Grillanzünder und Plastikteile. Diese waren mit schwarzen Kabeln zum Zünder verbunden. An den blauen Boxen haben die Täter jeweils zwei bis sieben mit Brandbeschleuniger gefüllte Plastikflaschen gelegt. Insgesamt haben die Ermittler in den vergangenen Tagen 38 Flaschen sichergestellt. Zwei von 18 Brandsätzen waren in Kabelschächten neben den Bahngleisen gezündet worden.

Nach einer ersten Bilanz der Deutschen Bahn haben die Anschläge eine enorme Störung des Bahnverkehrs verursacht. Gerd Neubeck, Leiter Konzernsicherheit, sagte der Zeitung: "Mehr als 2.600 Züge waren betroffen und über 70.000 Verspätungsminuten sind aufgelaufen."

Neue Qualität des Linksextremismus

Nach Darstellung Körtings gehen die Anschläge "weit über das hinaus, was wir bislang von Linksextremisten kannten". Die Explosion solcher Brandsätze könnte schwerste Unglücksfälle mit vielen Verletzten und Toten auslösen. Allerdings sehe er "nicht die Gefahr, dass wir an der Schwelle zum organisierten Linksterrorismus stehen", sagte Körting. "Die Gefahr geht eher von radikalisierten Einzeltätern aus, die verheerende Anschläge mit vielen Opfern verüben könnten."

Auf die Frage, ob sich damit für die Polizei ein ähnliches Problem ergebe wie bei radikalisierten Einzeltätern im Bereich des islamistischen Terrors, antwortete Körting: "Im weitesten Sinne: ja." Linksextremistische Gewalt trete "viel dezentraler auf als noch vor zwei oder fünf Jahren". Einzeltäter oder Kleinstgruppen handelten nicht mehr "im Auftrag oder mit dem Segen einer Organisation". Das mache es für die Ermittlungsbehörden schwer.

Gezielte Anschläge nicht vermittelbar

BKA-Präsident Ziercke sagte, Linksterrorismus würde "auch gezielte Anschläge auf Personen voraussetzen". Das gelte in der linken Szene jedoch "nach wie vor als nicht vermittelbar".

Unterdessen fordert der SPD-Innenexperte Tom Schreiber zeitnahe Razzien bei Linksextremisten nach Anschlägen. "Wenn die rechtliche Grundlage gegeben ist, muss man in den bekannten Treffpunkten Durchsuchungen wie gegen die Rockerszene vornehmen", sagte Schreiber der Nachrichtenagentur dapd. Ziel sei der Aufbau eines hohen Verfolgungsdrucks. (dapd/chs/kos)