Als um 10 Uhr am Vormittag die Spurensicherung in ihren zwei Fahrzeugen davonfährt, fangen die Arbeiter am S-Bahnhof Treptower Park damit an, die zerstörten Kabel aus dem Schacht zu holen. Das ist nicht ungefährlich: Es gibt eine kleine Explosion. Verletzt wird niemand. Unklar ist, ob die Brandermittler des Landeskriminalamtes fündig geworden sind.

Bisher ist unklar, aus welchem Material die Brandsätze waren, die die Täter gegen 3 Uhr nachts in den Kabelschacht geworfen haben. Und was sie als Brandbeschleuniger benutzten. Überreste von 1,5-Liter-PET-Flaschen wurden nach Angaben von Ermittlern nicht gefunden. Bei den meisten anderen Brandanschlägen in der Vergangenheit hatten militante Linke Plastikflaschen mit Benzin gefüllt und angezündet. Reste der Flaschen wurden damals an den Tatorten gesichert.

Es heißt, dass Kabelkanäle ein besonders leichtes Ziel von Extremisten darstellen, weil sie schwer zu sichern sind. Wenn, wie in diesem Fall, Signalkabel beschädigt oder zerstört werden, dann schalten die Signale automatisch auf Rot – und die Zügen rollen nicht mehr.

Im Vorfeld gab es schon Drohungen

In Berlin eskaliert die Gewalt bereits seit Wochen. Parteibüros und Banken werden mit Parolen beschmiert. Unternehmer und Politiker werden bedroht. Im Mittelpunkt der Krawalle sind auch immer wieder Solidaritätsaktionen für linke Hausprojekte, zum Beispiel für den Kiezladen in der Friedelstraße 54 („Friedel“) in Neukölln.

Schon vergangene Woche waren auf der linksextremen Internetplattform „Indymedia“ die Krawalle gegen den G20-Gipfel angekündigt worden: „Es gilt die letzten Wochen vor dem G20 die warmen Tage und Nächte zu nutzen, um den Tag X den Friedel zu einer Zeit der Solidarität und des Widerstands zu machen“, heißt es bei Indymedia wörtlich.

Die gezielte Eskalation am Wochenende in der Rigaer Straße sei allerdings auch auf den Aufmarsch der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ zurückzuführen. Viele Menschen waren nach Berlin geströmt, um gegen die Neonazis zu demonstrieren. Darunter auch viele linksextremistische Krawallmacher.

Es geht nicht nur um die Rigaer Straße

„Diese Leute kommen gerade an solchen Wochenenden in die Hauptstadt. Das ist Erlebnis- und Krawalltourismus“, sagte Tom Schreiber der Berliner Zeitung. Der 38-jährige SPD-Innenexperte glaubt, dass die linke Szene ganz bewusst auf gewalttätige Konfrontationen aus ist. „Sie suchen nach Möglichkeiten, neue radikale Leute an sich zu binden. Und wir reden hier von Extremisten, die seit Jahren mit den gleichen Strategien agieren“, sagt Schreiber.

„Es handelt sich nicht nur um eine Auseinandersetzung um die Rigaer Straße, es ist deutlich mehr“, sagt Innensenator Andreas Geisel (SPD). Seit Anfang des Jahres bereiten sich linksradikale Gruppen auf den G20-Gipfel vor. Die Senatsinnenverwaltung bezeichnet das als „warmlaufen“.

In den vergangenen Wochen gab es mehrere Angriffe von Linksautonomen auf Polizisten. Mehrere Brandstiftungen, unter anderem an Autos, wurden im Zusammenhang mit dem G20-Gipfel verübt. Hinzu kommen aus diesem Anlass Sachbeschädigungen an neugebauten Häusern durch Farbbeutelwürfe oder an Fassaden gesprühte Parolen wie „G20 angreifen“.

Der Verfassungsschutz zählt rund 2.640 Linksextremisten

Hunderte Menschen protestierten im April bei einer „interkiezionalen Demo“ durch Friedrichshain massiv gegen den G20-Gipfel. Auch der 1. Mai in Kreuzberg wurde unter dem Motto „G20 angreifen“ als Mobilisierungstag für die kommenden Proteste im Juli genutzt.

Nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden planen viele Linksextremisten, nach Hamburg zu reisen. Das Potential dafür ist in der Hauptstadt hoch: Der Verfassungsschutz zählt rund 2.640 Linksextremisten. Davon gelten rund 940 als gewaltbereit.