Potsdam - Der erste Anschlag reißt Michaela in der Nacht zu Heiligabend aus dem Schlaf. An der Innenseite ihres Schlafzimmerfensters hängt eine Regenbogenflagge, an der  Außenseite landen um genau 1.50 Uhr mehrere Eier. So halten es die beiden Einsatzkräfte der Polizei fest, die nur zehn Minuten später vor Ort sind. Bis zum Nachmittag hat Michaela die schmierigen Eierreste weitestgehend beseitigt. Die nächste Attacke folgt pünktlich zu Silvester, mit Ayran gefüllte Tetrapaks zerplatzen um 3.40 Uhr morgens an der Balkonfassade. Die Zeiten und alle Details hat Michaela erneut festgehalten. Nur diesmal sieht die Polizei keinen Anlass auszurücken, verweist stattdessen auf die Internetwache, wo sie eine Anzeige aufgeben könne.

Am Sonntag darauf stehe ich auf dem Balkon ihrer Potsdamer Wohnung und sehe die hartnäckigen Reste an der Fassade und die Spuren an den Ritzen der Balkondielen. Zunächst deutete vieles auf einen dummen Streich – auch wenn die Regenbogenflagge in der Hochparterre sehr zielgenau getroffen wurde. Die zweite Attacke versteht Michaela dagegen klar als „transfeindlichen Anschlag“.

Angst habe sie keine, versichert mir die selbstbewusste Frau, der ich ansehe, dass sie sich notfalls tatkräftig zur Wehr setzen würde. Doch gegen wen? Der oder die Täter sind nicht zu greifen, sie haben keine Parolen gesprüht, kein Feuer gelegt – der polizeiliche Ermittlungsdruck bleibt überschaubar. Doch die Signale sind gesetzt: Man weiß, wo Michaela wohnt, und es wird wohl nicht bei den zwei nächtlichen Lebensmittel-Attacken bleiben.

Was sie besonders ärgert: Seit Jahren besucht Michaela zu Weihnachten Opfer häuslicher Gewalt, beladen mit Süßigkeiten für die Kinder der Frauen, denen sie ihre Hilfe anbietet. Menschen in schwierigen Lebenssituationen zu helfen, das ist Michaelas Antrieb für ihre Mitarbeit in der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti). Wegen der Attacken fehlt ihr nun die Zeit, Gewaltopfern mit Rat und Tat beizustehen. 

In diesem Moment hören wir einen dumpfen Knall an der gläsernen Balkontür. Meine Gesprächspartnerin springt auf. Niemand ist draußen zu sehen. Auf den Balkondielen die Überreste eines Schneeballs. Wir setzen das Gespräch fort. Erneut knallt es gegen die Balkontür. Jetzt gerät Michaela in Rage, stürmt nach draußen: doch von den Werfern keine Spur. Michaela notiert die Zeit. 18 Uhr. Das Ziel der bizarren Attacken scheint erreicht: diese unerschrockene Frau, die seit vielen Jahren als Lastwagenfahrerin Gefahrengüter durch die Nacht fährt, aus der Fassung zu bringen.

Für Schneebälle, Tetrapaks und Eier gibt keine Polizei-Pressestelle eine Mitteilung heraus. Übergriffe, Beleidigungen, Gewaltdelikte: In Berlin wird davon jeden Tag im Schnitt ein Vorfall erfasst, die meisten homo- oder transfeindlichen Taten jedoch überhaupt nicht angezeigt. Die gefassten Täter sind fast immer Männer und meist Fremde. Eine Studie für den Berliner Justizsenat spricht von „Wochenend-Delikten“. Michaela schließt nicht einmal aus, dass sie den oder die Täter persönlich kennt. Aus der Nachbarschaft stammen sie allerdings kaum. In dem gegenüberliegenden Haus wohnen viele türkische Familien. Zum CSD hätten viele selbst eine Regenbogenfahne vor ihre Fenster gehängt – „und das war auch ein Zeichen der Solidarität mit mir“, ist Michaela überzeugt.