Anschlag am Breitscheidplatz: Ein Überlebender erzählt

Die Zerstörung überall. Die Toten. Die Stimmen der Verletzten, die um Hilfe rufen, wimmern, klagen. Das Blut, überall Blut, so viel Blut. Die Sirenen der Rettungsfahrzeuge und der Polizeiwagen. Und immer wieder: der schwarze Laster, den der Terrorist Anis Amri an diesem Dezemberabend auf den Berliner Breitscheidplatz steuert um zu töten.  

Peter M., Berliner, 57 Jahre alt, ist Schausteller. Und er ist ein Überlebender. Anis Amri hat mit dem schwarzen Laster am 19. Dezember 2016 auch den Glühwein-Verkaufsstand von M. auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche zerlegt, hat ihn komplett zerstört. M. ist wie sein Sohn unverletzt geblieben. Äußerlich unverletzt zumindest, der Körper ist heil geblieben. Die Psyche nicht. Peter M. wird die Bilder von diesem Dezemberabend nicht mehr los, sie verfolgen ihn. Nach der Tat hat er sich gleich in psychotherapeutische Behandlung begeben. Acht Wochen später ist die Therapie noch nicht beendet. Wunden an der Seele brauchen Zeit zum Heilen.

Gemeinsam in Therapie

Der Lkw zerstörte Peter M.s Stand komplett, der Glühweinverkäufer sah verwundete Kollegen, Leid, Verzweiflung. „Ich kann immer noch schlecht schlafen. Meine Frau und ich sind in psychologischer Behandlung. Vergangene Woche hatten wir wieder einen Termin“, sagt Peter M. Einmal die Woche geht er gemeinsam mit seiner Frau zur Gruppentherapie, die der Psychologische Dienst Berlin seit dem Terrorakt, durch den zwölf Menschen starben und 50 zum Teil schwer verletzt wurden, anbietet.

Manche Überlebende des Anschlags sind schon seit Wochen in Therapie. Beim Berliner Krisendienst melden sich bis heute aber immer noch Augenzeugen des Terroranschlags, Helfer und Angehörige von Opfern, Menschen also, die nicht direkt betroffen waren und sind. Doch was heißt schon direkt und was indirekt nach einem Ereignis, das die Welt schockiert, bewegt, erschüttert hat? Zwölf Menschen starben am 19. Dezember, 50  sind zum Teil schwer verletzt worden.

Karin Riedesser vom Berliner Krisendienst sagt: „Es ist nichts Ungewöhnliches bei einem so schrecklichen Ereignis, dass Menschen acht Wochen später darauf reagieren.“ Die Symptome sind beispielsweise Schlaflosigkeit oder Depressionen. Es kommen in diesen Tagen also immer noch Menschen hinzu, die Hilfe bei Psychologen und Sozialarbeitern suchen. „Dazu zählen sogar Ärzte, die sich Sorgen um die Opfer machen“, sagt Karin Riedesser. Etwa 130 Menschen haben sich nach dem Anschlag an die Psychologen der Einrichtung, die vom Land Berlin unterstützt wird, gewandt. Etwa ein Drittel von ihnen war während des Anschlags vor Ort. 

Peter M. sagt heute, das Schlimmste sei gewesen, dass der Weihnachtsmarkt kurz nach dem Anschlag wieder geöffnet habe. Die Blicke der Kunden, die Fragen der Journalisten aus aller Welt, die Informationen haben wollten – kaum auszuhalten für ihn.    

Wunsch nach Normalität

Ruhe kehrt nur langsam wieder ein im Leben von Peter M. „Ich möchte, dass das Leben normal weitergeht. Vom Terroranschlag habe ich genug, ich war ja schließlich live dabei“, sagt er etwas  zynisch. Immerhin, Januar und Februar sind für Schausteller ruhige Monate. „Wir haben mal Zeit, um auszuspannen, Abstand zu gewinnen“, sagt er. 

Richtig gesund will er wieder werden, er ist schließlich Unternehmer und will nicht ausfallen. Zwei Wünsche hat Peter M.: „Dass das niemals jemand erleben muss, was ich erlebt habe.“   Und dass er selbst irgendwann nicht mehr an den 19. Dezember denken muss. „Ich möchte einfach nur Normalität.“