Anschlag in Berlin: Interner Bericht stellt schwere Mängel bei Polizeiarbeit fest

In den Stunden nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche herrschten bei der Polizei offenbar chaotische Zustände: Die Polizeiführung war überfordert, wichtige Informationen flossen nicht, der landesweite Terroralarm sowie die koordinierte Fahndung wurden Stunden zu spät ausgelöst. Zu diesem Ergebnis kommt ein bisher unveröffentlichter polizeiinterner Untersuchungsbericht, der der Berliner Zeitung vorliegt.

Demnach ist in so gut wie allen Bereichen spät oder zu spät reagiert worden. Ein zentraler Grund dafür ist laut dem 120 Seiten starken Report, dass der Führungsstab um den anfangs eingesetzten Polizeiführer über keinerlei Erfahrung mit Terrorlagen verfügte. Der „Polizeiführer 1 steuerte mit zufällig ausgewählten, ungeübten Führungskräften den Einsatz“, heißt es in dem Bericht. Auch die für solche Fälle vorbereitete Einsatzakte sei nicht genutzt worden. Die Polizeispitze agierte quasi im Blindflug, während die Beamten draußen auf sich allein gestellt waren.

Die Fehlerkette beginnt früh

In dieser diffusen Lage ging die Einsatzleitung nach dem Terroranschlag am Breitscheidplatz, bei dem am 19. Dezember 2016 zwölf Menschen starben und mehr als 60 verletzt wurden, zunächst offenbar von einer Amoktat aus. Ein fataler Irrtum, da in diesem Fall ein ganz anderes Prozedere in Gang gesetzt wird als bei einem Terroranschlag. So wurde laut Untersuchungsbericht erst gegen Mitternacht Terroralarm ausgelöst. Anis Amri, der den Lkw gesteuert und den Anschlag mit einem Vertreter der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) koordiniert hatte, hatte genügend Zeit, um zu entkommen. Vier Tage später wurde er auf seiner Flucht bei einer Polizeikontrolle in Mailand erschossen.

Die Fehlerkette, die der Untersuchungsbericht aufzeigt, beginnt schon bei der Alarmierung nach dem Anschlag. So fehlte eine zentrale Stelle, die koordiniert Einsatzkräfte an den Tatort ordert. Viele Beamte nahmen eigenständig ihren Dienst auf, ohne aber zu wissen, welche Aufgaben sie übernehmen sollten.

Gezielte Einflussnahme

Das Verfahren der Alarmierung sei völlig antiquiert, konstatiert der Bericht. „Die tatsächliche Kräfte- und Einsatzmittellage sowie der entsprechende Bedarf war dem Polizeiführer Phase 1 daher zu keiner Zeit vollumfänglich bekannt.“ Eine gezielte Einflussnahme auf die polizeilichen Maßnahmen, „und die Einsatzsteuerung war dem Polizeiführer durch diesen Umstand nur sehr eingeschränkt möglich“, lautet das Resümee.

Das Missmanagement setzte sich bei der Fahndung nach dem Täter fort: Aufgrund der unklaren Nachrichtenlage verzichtete der Einsatzleiter „auf offene oder verdeckte Sofortfahndungsmaßnahmen“. Dabei hätte man durch eine sogenannte Tatnahbereichsfahndung weitere Zeugen und mögliche Verdächtige ausfindig machen können. Zumal Polizisten bald auch die Leiche des polnischen Lkw-Fahrers Lukasz U. entdeckten – getötet durch einen Kopfschuss. Somit schien klar, dass der Todesfahrer sich auf der Flucht befand.

Amri war längst untergetaucht

Eine konzertierte Suche nebst Kontrollen an wichtigen Kreuzungen oder Knotenpunkten im öffentlichen Nahverkehr mit Hilfe der Bundespolizei unterblieb jedoch. Auch neun Stunden nach dem Anschlag hielten die Ermittler nur vage Hinweise auf den Täter in der Hand: männlich, dunkle Kleidung/Jacke – mehr nicht.

Auch die Spurensicherung patzte. Sie entdeckte erst einen Tag nach dem Anschlag im Lkw-Fahrerhaus das Portemonnaie des Attentäters mit seinem Duldungsbescheid unter dem Aliasnamen „Almasri“ nebst Handy. Die Fingerabdrücke deuteten auf den tunesischen Asylbewerber Anis Amri hin, den die Staatsschützer in Nordrhein-Westfalen als islamistischen Gefährder eingestuft hatten. Erst jetzt sprang der Fahndungsapparat bundesweit an. Amri war längst untergetaucht.

Wusste Geisel schon früher Bescheid?

Und das war noch lange nicht das Ende der Fehlerkette: Als man einen Hund am Tatort einsetzen wollte, um die Fährte des Todesfahrers aufzunehmen, verhinderte die Spurensicherung die Maßnahme. Und mangels Schulung wussten Auswerter nicht mit der Analysesoftware „Computergestützte Anwendung für Sachbearbeitung und Auswertung“ umzugehen, die in derart komplexen Einsätzen die Informationsstränge bündeln hilft.

Der innenpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Burkard Dregger, zeigte sich erstaunt über die Ergebnisse des Berichts. „Ich frage mich vor allem, seit wann Innensenator Andreas Geisel davon weiß und warum er im Innenausschuss nicht darüber berichtet hat“, sagte Dregger der Berliner Zeitung. In jeder Ausschusssitzung seien Geisel und sein Staatssekretär Thorsten Akmann (beide SPD) nach neuen Erkenntnissen zur Arbeit der Polizei nach dem Anschlag gefragt worden. Von den jetzt bekannt gewordenen Pannen sei nie die Rede gewesen. Die Arbeit der Polizei wollte Dregger nicht bewerten. „Der Bericht liegt mir nicht vor, ich möchte keine voreiligen Schlüsse ziehen.“ Auch die Abgeordneten Canan Bayram (Grüne) und Hakan Tas (Linke) forderten eine umfassende Aufklärung der festgestellten Fehler. (mit fred. und AFP)