Atta ließ sich ungern Anweisungen von Frauen geben

Lewin hatte kurz nach der Wiedervereinigung den Sprung in den Osten gewagt. „Von einem Bekannten an der TU in Berlin erfuhr ich, dass in der Ostprignitz Planungsexperten gesucht werden“, erzählt er. In Dorf Zechlin bei Neuruppin richtete er eine Niederlassung in einem alten Bürocontainer ein. Für die umliegenden Dörfer legte er Bebauungs- und Flächennutzungspläne an. Auch Neuruppin, wohin er 1998 mit dem Büro umzog, sicherte sich die Dienste des erfahrenen Stadtplaners, der dort die Sanierungs- und Bebauungsplanung für die Altstadt übernahm. Es wurden Unmengen von Plänen produziert, die ständig überarbeitet und neu angelegt werden mussten. Alles Handarbeit. Das habe meist Atta gemacht.

Mehrfach lief der Ägypter stundenlang durch die Altstadt von Neuruppin, um sich ein Bild davon zu machen, was er später in die Pläne einzeichnen sollte. Auch die Dörfer, die die Firma betreute, sah sich der Student an. Atta wohnte immer im Hotel Waldeck in Dorf Zechlin. Hotelchef Rainer Schade erinnert sich gut. „So oft haben wir keine arabischen Gäste“, sagt der 60-Jährige. Er wisse noch, dass Atta das Zimmer 401 hatte, kein Schweinefleisch aß und nie Alkohol trank. „Mit Herrn Lewin saß er in der Gaststube, das sehe ich noch vor mir“, sagt Schade. „Dass er aber der Todespilot von New York war, habe ich erst durch Jörg Lewin erfahren. Auf den Fotos habe ich ihn nicht wiedererkannt.“

Unter dem Eindruck der Anschläge, so erzählt es Lewin, hätten verschiedene Verhaltensweisen Attas im Büro eine andere Bedeutung. „Er war zum Beispiel sehr gläubig, fragte uns gleich zu Beginn, ob er in einer Ecke des Büros beten dürfe. Wir hatten natürlich nichts dagegen, und so brachte er einen kleinen Teppich mit, auf dem er mehrfach am Tag Richtung Mekka betete.“

Aufgefallen sei ihnen auch, dass sich Atta ungern Anweisungen von Frauen geben ließ. „Nur mit meiner Sekretärin, einer schon etwas älteren, resoluten Frau, hatte er ein normales Verhältnis“, sagt Lewin. „Von ihr ließ er sich widerspruchslos etwas sagen, sie unterhielten sich auch oft, scherzten miteinander.“

Perfektes Deutsch

Er ging auch nie mit Kollegen zum Fußball oder auf die Kegelbahn. Er lehnte stets höflich, aber bestimmt ab. Auch an den jährlichen Ausflügen der Firma nahm er nicht teil. „Er wollte offenbar keinen privaten Kontakt außerhalb des Büros.“

Nach einem Kairo-Aufenthalt habe Atta im Büro einen Vortrag gehalten. „Das war sehr interessant“, sagt Lewin. „Und Mohammed, der perfekt Deutsch sprach, trat sehr eloquent auf und konnte gut erklären.“ Es sei aber auch deutlich geworden, wie sehr er die westliche, amerikanisierte Kultur ablehnte, die Ägypten übergestülpt werde. Lewin erzählt, dass sie es aber nicht ungewöhnlich fanden, wenn sich jemand empörte, dass Hochhäuser im westlichen Stil das Wesen einer arabischen Altstadt zerstörten.

Irgendwann 1996/97 endete Attas Zeit im Plankontor. „Wir hatten nun Computerprogramme und brauchten keine Hilfskräfte mehr“, sagt Lewin. Atta habe das klaglos akzeptiert, sich höflich verabschiedet. „Dann haben wir ihn nie wiedergesehen. Anders als andere Studenten hat er sich nicht mehr gemeldet.“

Er schüttelt den Kopf, wenn er an den Morgen des 12. September 2001 in Neuruppin denkt. Wie vor den Kopf geschlagen sei er gewesen, als er das Gesicht von Atta im Internet sah. Auch im Hamburger Büro waren alle geschockt. „Manche glaubten gar an eine Verwechslung, unser Mohammed war doch so ein stiller, ruhiger Mensch. Wie kann so einer zum Terroristen werden? Eine Antwort haben wir bis heute nicht.“