Berlin - Einem Geschäftsmann aus Bochum wird eine 9 000 Euro teure Bulgari-Uhr entwendet. Vor dem Ritz-Carlton am Potsdamer Platz stehlen Diebe einem Aserbaidschaner eine Rolex im Wert von 10.000 Euro. Am Deutschen Dom wird ein amerikanischer Tourist seine Rolex (11.500 Euro) los. Alle drei sind Opfer einer Tätergruppe geworden, die gerade von der Berliner Polizei beobachtet wird. Es sind Kriminelle im Alter von 18 bis 36 Jahren, die es vor allem auf teure Uhren abgesehen hat.

Immer dieselbe Masche

Sie suchen Körperkontakt. Sie geben sich als fröhliche Menschen aus, fordern Opfer zum Mittanzen auf, umarmen sie. Oder aber sie stellen ihren Fuß zwischen die Beine des Opfers, wie auf dem Fußballplatz. Sie wollen die Opfer ablenken  und ihnen  Wertsachen stehlen. Die Polizei spricht vom Antanz- oder Fußball-Trick. An ihre Beamten hat die Berliner Polizei nun eine Liste mit Porträtfotos von Verdächtigen verteilt, auf die die Ermittler zu achten haben. Die 18 abgebildeten  Männer auf der Liste, die der Berliner Zeitung vorliegt, stammen meist  aus nordafrikanischen und südosteuropäischen Ländern. Die Gruppe wird für rund 90 Diebstähle verantwortlich gemacht.

Im vergangenen Jahr wurden die Täter bereits nach einzelnen Diebstählen festgenommen und „erkennungsdienstlich behandelt“. Das heißt: Ihre Personalien wurden aufgenommen und sie wurden fotografiert, kamen jedoch mangels Haftgründen wieder frei. Die Täter, die meist in der Berliner Innenstadt am Werk sind, haben es vor allem auf Touristen abgesehen. Eine Auswahl von Taten im vergangenen Jahr, für die die Gruppe, die jetzt von der Polizei beobachtet wird, verantwortlich gemacht wird:

Ein 49-Jähriger aus Herborn (Hessen) wird vor dem Hilton in der Mohrenstraße von zwei freundlichen Männern angesprochen. Einer fasst den Mann am Arm und fordert ihn auf, Salsa zu tanzen. Der zweite Täter ist ebenfalls fröhlich, lacht und fragt den Touristen nach Feuer. Erst als dieser das Hotel betritt, fällt ihm auf, dass seine 7 600 Euro teure Uhr (Tag Heuer)weg ist.

In der Lietzenburger Straße entwendet ein Algerier, der zur Antänzerszene gehört und auf den Diebstahl teurer Armbanduhren spezialisiert ist, zusammen mit einem unbekannten Komplizen in der Lietzenburger Straße einem Berliner die Rolex, indem er ihn durch einen Tritt in die Beine ablenkt.

Am Alexanderplatz wird ein Mann, der im Hotel Park Inn wohnt, von einem Unbekannten angetanzt. Kurze Zeit später bemerkt der Mann das Fehlen seiner Armbanduhr.

Am Schlesischen Tor in Kreuzberg wird kurz nach Mitternacht ein Berliner von einem  21- und einem  24-Jährigen  angesprochen. Als er sie ignoriert und weitergeht, wird er von diesen angetanzt. Einer greift den linken Arm des Opfers und streift ihm seine 5 800 Euro teure Uhr (Cartier Santos) ab. Die Täter verschwinden im Partygetümmel.

Auf dem Kurfürstendamm wird ein Tourist aus Luxemburg von zwei Männern nach seiner Herkunft gefragt. Ein Täter ergreift das linke Handgelenk des Mannes, um ihn zu begrüßen. Er singt „Brazil, Brazil“ und versucht, ihm ein Bein zu stellen. Der andere schubst ihn am rechten Oberarm an. Später, in seinem Hotel, stellt der Luxemburger fest, dass seine 300 Euro teure Armbanduhr fehlt.

Ein Tourist aus Stuttgart wird am Leipziger Platz von drei Männern angesprochen. Einer bedrängt ihn, tanzt an ihn heran, stellt ihm ein Bein, greift ihm ans Handgelenk. Das Fehlen  seiner Uhr bemerkt der Stuttgarter erst, als die Gruppe weg ist. Verdächtig ist ein Marokkaner, den das Opfer auf den Fotos, die ihm die Polizei vorlegt, wiederzuerkennen glaubt.

Ein Mann aus Bremen wird von zwei Kriminellen nach dem Weg gefragt. Sie wollen ihn dazu bringen, mit ihnen zu tanzen. Sie bedrängen ihn. Der Berlin-Reisende, der Böses ahnt, konzentriert sich vor allem auf sein Handy und seine Brieftasche. Auf seine Armbanduhr achtet er nicht – sie ist weg.

Ein Berliner wird am Kottbusser Tor nach dem Weg zum Potsdamer Platz gefragt. Plötzlich wird er von dem Täter am linken Handgelenk angefasst, als wolle der sich bedanken. Der Täter lässt nicht los und versucht, mit seinem Fuß zwischen die Beine des Opfers zu kommen. „Ich erkannte sofort den Antanztrick, den ich in Fernseh-Berichterstattungen gesehen hatte“, sagt der Mann in der Vernehmung. „Ich tat alles dafür, dass er nicht zu nah an mich herankam und rief ständig ganz laut „Geh weg, geh weg!“. Nach dem Gerangel, lässt der Täter von dem Mann ab und verschwindet mit einem Komplizen. Später merkt der Mann, dass seine Uhr weg ist – ein 50 Jahre altes Erbstück von seinem Vater. Es gab viele Zeugen. Aber keiner half.

Ein Tourist aus England verlässt gegen 3.40 Uhr das „Watergate“, ein Club in der Kreuzberger Falckensteinstraße, und läuft an der anstehenden Menschenmenge vorbei. Plötzlich tritt ein Mann heraus, umarmt ihn und spricht ihn auf Deutsch an. Der Engländer sagt, dass er kein Deutsch spreche. Dann geht er über die Oberbaumbrücke in Richtung „Berghain“. Auf der Brücke merkt er, dass seine Armbanduhr (Tag Heuer) fehlt.

Nicht immer bedienen sich die Täter des Antanz- oder Fußball-Tricks:

Am Kudamm wird ein Tourist nach Feuer gefragt. Der Täter bedankt sich mit einen Handschlag. Dann öffnet er bei dem Mann das Armband, reißt ihm die Uhr weg und flüchtet. Als Polizisten dem Bestohlenen Täterfotos zeigen, erkennt er einen Täter wieder, der mit einem mutmaßlichem Komplizen bereits als Antänzer erwischt wurde.

Eine Schweizerin fragen zwei Täter in der Innenstadt nach dem Weg und streifen ihr unbemerkt die 8 500 Euro teure Rolex vom Handgelenk. Auf diese Weise wird auch ein Berliner in der Nähe des Nollendorfplatzes seine teure Uhr los.

Ein Südkoreaner wird von zwei Trickdieben gefragt, woher er stamme und ob er Tourist sei. Einer der Täter ergreift den Mann an der Hüfte, der zweite greift das linke Handgelenk des Mannes, öffnet den Armbandverschluss der Rolex und zieht sie ihm vom Arm.