Wenn Melanie Wittwer am Vormittag mit ihren Söhnen auf dem Spielplatz bei ihrem Haus steht, sind sie oft die Einzigen. Kein anderes Kind sitzt auf der Schaukel oder auf der Rutsche, die meisten sind um diese Uhrzeit in der Kita. Der Spielplatz liegt an einer kleinen Straße in Friedrichshain, in der Nähe des Velodroms, sanierte Altbauten reihen sich aneinander. Vor einem der Balkone flattert ein Plakat, auf dem steht: „Fuck AfD.“

Melanie Wittwer, 36 Jahre alt, kommt oft auf diesen Spielplatz. An diesem Vormittag steht sie im Sand, vor ihrer Brust schläft ein Baby in einer Trage. Sie ist eine schmale Frau, ihr Gesicht ungeschminkt. Ihr älterer Sohn, vier Jahre alt, ist während des Interviews mit dem Papa im Schwimmbad. Melanie Wittwers Freund arbeitet als selbstständiger Berater, er kann sich seine Arbeitszeit frei einteilen. Sie selbst ist seit vier Jahren Hausfrau. Und das, weil sie ihre Kinder nicht in die Kita geben will.

Melanie Wittwer wirkt zart, sagte aber harte Sätze wie: „Ich kann mir nicht vorstellen, meine Kinder anderen, fremden Menschen anzuvertrauen.“ Dass Eltern kleine Kinder in die Obhut anderer geben, will sie nur gelten lassen, wenn man es sich nicht anders leisten kann oder krank wird.

Während die Politik sich seit Jahren dafür einsetzt, dass Frauen die gleichen beruflichen Chancen wie Männer bekommen, Beruf und Familie besser vereinbaren können, und deshalb Millionen in den Ki-taplatz-Ausbau steckt, geht Melanie Wittwer einen anderen Weg. Sie will die Wohltaten der Politik gar nicht.

Die Mutter aus Friedrichshain gehört zu einer kleinen, aber wachsenden Gruppe von Frauen in Deutschland, die ihr Kind in den ersten sechs Jahren nicht in die Kita geben, und zwar nicht, weil sie sich nicht mit dem System auskennen oder die Sprache nicht ausreichend sprechen, sondern weil sie ihre Kinder nicht vernachlässigen wollen. Der öffentlichen Erziehung misstrauen sie. Und durch jeden Bericht über Probleme, Erzieherinnenmangel, schlechte Betreuungsqualität fühlen sich die Kitafrei-Mütter in ihrer Entscheidung bestätigt.

Am Anfang, nach der Geburt ihres Sohnes im Juni 2014, machte Melanie Wittwer noch alles so, wie viele junge Mütter in Friedrichshain es auch machen. Die Wirtschaftsassistentin beantragte drei Jahre Elternzeit bei ihrem Arbeitgeber, einer großen Elektromarktkette, aber mit der Option, nach zwei Jahren in Teilzeit wiederzukommen. Sie telefonierte Krippen ab, ließ sich auf Wartelisten setzen, kassierte Absagen. Mit zwei Jahren sollte ihr Sohn in die Kita, für ein paar Stunden am Vormittag, das war der Plan.

„Keiner kennt meinen Sohn so gut wie ich“

Während sie auf einen Kita-Platz wartete, las Melanie Wittwer viel über Erziehung, sie schaute sich Interviews und Diskussionen im Netz am, die unter dem Motto „Beziehung statt Erziehung“ standen. Der Begriff stammt vom Familientherapeuten Jesper Juul, er wird auch von Anhängern der bedürfnisorientierten Erziehung verwendet, dem wichtigsten pädagogischen Trend der letzten Jahre. Dieses Konzept beruft sich auf die Bindungstheorie: Demnach bringt die Erziehung von Kindern am meisten Erfolg, wenn die Eltern früh eine starke Bindung zu den Kindern aufbauen, indem sich komplett nach deren Bedürfnissen richten.

Melanie Wittwer gefiel das, sie hält sich bis heute an alle Regeln, stillt nach Bedarf, schläft mit den Kindern im großen Bett, trägt sie eng am Körper. Sie lässt ihre Söhne nie schreien, selbst wenn das heißt, dass sie Verabredungen mit Freundinnen absagen muss, weil die Kinder zu Hause weinen und der Partner es nicht vermag, sie zu trösten.

Je tiefer sie in die Theorie einstieg, desto größer wurden die Zweifel, ob es richtig sei, ihren Sohn in die Kita zu geben. „Keiner kennt meinen Sohn so gut wie ich, keiner kann so gut auf seine Signale eingehen“, sagt sie. Irgendwann hörte sie auf, nach einem Kita-Platz suchen.

Abgrenzung vom Fremden

Amtliche Zahlen, wie groß die Anti-Kita-Bewegung ist, gibt es nicht. Da neunzig Prozent aller Kinder ab drei inzwischen in Kitas gehen, dürften es bundesweit weniger als zehn Prozent sein. Man findet ihre Anhänger auf Blogs wie „2KindChaos“, „Blogprinzessin“ oder „Berufung Mami“. Andere haben sich bei Facebook vernetzt. Die größte Gruppe nennt sich Kindergartenfrei.org mit eigener Website und regionalen Ortsgruppen in ganz Deutschland.Bei Kindergartenfrei.org haben sich nach eigenen Angaben 1400 Mitglieder registriert. „Wir stellen einen starken Anstieg seit 2013 fest“, sagt Alexandra Traxel, eine der Initiatorinnen von Kindergartenfrei.org. „Immer mehr Eltern wollen aktiv am Leben und an der Erziehung der eigenen Kinder teilhaben und finden dann automatisch zu uns.“

Die Idee, dass Mütter wegen der Kinder zu Hause bleiben, ist nicht neu. Früher hieß es Hausfrau. Heute nennen sie sich „Selbstbetreuerin“, als Gegenpol zur Erzieherin, der Fremdbetreuerin. Selbstbetreuung klingt nach Selbstermächtigung. Nach Selbstständigkeit, nach Freiheit. Und gleichzeitig nach Kontrolle, Abgrenzung vom Fremden.

Gegen den modernen Feminismus

Anders als die alten Hausfrauen der 50er-Jahre sind die neuen Hausfrauen nicht an Heim und Herd gebunden, sondern entscheiden sich freiwillig dafür. Die Selbstbetreuerinnen treten selbstbewusst auf, sie sehen sich als eine Art Elite-Eltern. Die Bewegung hat Anhänger in Ost und West, auf dem Land und in der Großstadt, sie gilt als Sammelbecken für Alternative, Esoteriker, Impfgegner, konservative Christen. Als Ideengeber nennen sie Populärwissenschaftler wie den kanadischen Entwicklungspsychologen Gordon Neufeld oder den umstrittenen Bestsellerautor und Biologen Gerald Hüther („Jedes Kind ist hochbegabt“).

Kitafrei mag den Kindern gefallen, aber was macht es mit den Frauen, wenn sie jahrelang aus dem Beruf aussteigen? Ist Kitafrei nicht sogar antifeministisch?

Alexandra Traxel von Kindergartenfrei.org widerspricht, es gebe sogar Gemeinsamkeiten: „Kitafrei setzt sich grade dafür ein, dass ein Leben ohne Kindergarten eine gute Alternative und wirkliche Freiheit ist, die der Frau zusteht.“ Man wehre sich nur gegen den modernen Feminismus, der den Frauen einreden wolle, dass Glück und Frieden, Freiheit und Selbstbestimmung nur durch Erwerbstätigkeit zu finden seien. „Dem stimmen wir nicht zu.“

Es klingt, als sei der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz keine Errungenschaft der Frauenbewegung, sondern Zwang.

Angst vor der Kita

Auf der Facebook-Seite von Kindergartenfrei.org wird das Hausfrauendasein in einem Eintrag als „schönster Job“ der Welt bezeichnet. Viele Einträge lesen sich dogmatisch, fast hetzerisch, Kitabetreuung wird darin abgewertet. „Im Gegensatz zu Kindern, die umsorgt in intakten Familien aufwachsen, sind Krippenkinder Defiziten im Bereich geistig-seelischen Erlebens ausgesetzt, die bald zu schweren Verhaltens- und Persönlichkeitsstörungen führen“, so ein Eintrag im April 2018.

Bevor die Friedrichshainerin Melanie Wittwer zur Selbstbetreuerin wurde, plagten auch sie viele Ängste. Sie hatte Studien gelesen, wie stressig es für Kinder sein kann, wenn sie von ihrer Mutter getrennt werden. Sie hatte beobachtet, wie es in den öffentlichen Kitas zugehen kann. Da würden Kinder vor allen anderen Kindern von Erziehern beschämt und angemault, Kinder müssten sich ständig anpassen und gehorchen. Einmal hat sie beobachtet, wie ein kleines Mädchen weinte und die Erzieherinnen standen daneben und unterhielten sich. Solche Erfahrungen wollte sie ihren Kindern ersparen.

Ohne Drangsalierungen des Kindergartens

Auch aus ihrer Kindheit hat Melanie Wittwer nur wenige gute Erinnerungen. Mit eineinhalb Jahren kam sie in die Krippe. Ihre Mutter war wie die meisten Ostfrauen berufstätig, ihr Vater selten zu Hause. Ihre Erziehung war streng, „klassisch“ nennt sie es. „Wir wurden gelobt und belohnt, wenn wir etwas richtig gemacht hatten. Wir wurden ausgeschimpft, bestraft und zurechtgewiesen, wenn wir etwas falsch gemacht hatten. An uns wurde gezogen, gedrückt und gepresst, bis wir so waren, wie wir sein sollten. Die elterliche Autorität durfte nicht untergraben werden“, schreibt sie in ihrem Blog kleinermensch.net. Ihren Eltern macht sie keine Vorwürfe, aber sie selbst will es besser machen.

Mit zwei, drei Freundinnen hat sie Spielzimmer und Toberaum angemietet, alternativer Familiengarten nennen sie es. Dort treffen sie sich, dort können die Kinder zusammen spielen. Wie eine Art Kinderladen, nur ohne dass der Staat reinfunkt, ohne Morgenkreis, ohne feste Essenszeiten, Bildungsprogramm, Sprachlerntagebüchern und sonstigen Drangsalisierungen.

Werden aus Kindern, die eine Kita besuchen, depressive Erwachsene?

Anruf bei Susanne Viernickel, Professorin an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Uni Leipzig. Sie ist eine der renommiertesten Kita-Forscherinnen, hat zahlreiche empirische Studien durchgeführt. Werden aus Kindern, die eine Kita besuchen, unsichere und depressive Erwachsene?, wie Kitafrei-Vertreter behaupten? „Das ist völlig aus der Luft gegriffen, da gibt es keinen Zusammenhang“, sagt sie. Im Hinblick auf die spätere Lebenstüchtigkeit mache es keinen Unterschied, ob die Kinder in den ersten Lebensjahren zu Hause oder in einer Einrichtung betreut wurden. „Im sprachlich-kognitiven und sozial-emotionalen Bereich kann ein Besuch einer guten Kita sogar von Vorteil sein“, sagt sie. Gut sei eine Kita, wenn die Erzieherinnen sich mit der kindlichen Entwicklung auskennen, wenn sie wissen, wozu kleine Kinder fähig sind, was sie denken und fühlen. Außerdem hilft eine gute Kita den Kindern dabei, die Trennung von den Eltern zu verkraften. Es sollte eine Bezugsperson da sein, zu der die Kinder Vertrauen aufbauen und die Sicherheit, Unterstützung und Trost gibt, wenn es notwendig wird.

Aber haben umgekehrt die Kinder, die zu Hause betreut werden, später Nachteile? „Kommt drauf an“, sagt die Expertin. Wenn die Mütter sich um ihre Kinder zu Hause aktiv kümmern, für Anregung und Abwechslung sorgen, habe sie aus wissenschaftlicher Sicht keine Bedenken. Zwar sei belegt, dass schon Zwei- oder Dreijährige von der Interaktion miteinander profitieren würden, indem sie lernen würden, die Absichten des anderen zu erkennen und sich auf ihn einzustellen, aber das sei nichts, was man mit vier oder sechs nicht nachholen könnte. „Ich kann mir allerdings vorstellen, dass Kinder, die keine Kita besucht haben, in den ersten Schuljahren größere Anpassungsleistungen vollbringen müssen, um sich in die Gruppe einzufügen“, fügt sie hinzu.

Juliane Scheel, 33, fällt an dem sonnigen Mittwochnachmittag auf dem Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg nicht groß auf, sie trägt schwarze Hosen, ein gestreiftes Shirt, die blonden Haare zum Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie studierte Sprachen und Kommunikation, arbeitete als Texterin in einem Start-up und für ein Theater in Brandenburg. Im Oktober 2013 wurde ihr Sohn Janosch geboren, zwei Jahre später ihre Tochter Jahmila.

Respekt für die Entscheidung anderer

Aus Juliane Scheel wurde eine typische Prenzlauer-Berg-Mutter: mit Dauerstillen, Tragetuch, Familienbett und anthroposophischem Kinderarzt. Aufträge nimmt sie nur noch wenige an, um Kinder und Haushalt nicht zu vernachlässigen. Als Hausfrau sieht sich Juliane Scheel trotzdem nicht. „Es bringt mich nicht in die 50er-Jahre zurück, nur weil ich mit meinen Kindern zu Hause bleibe“, sagt sie. Es nerve sie, dass sie sich bei Gesprächen oft verteidigen müsse. Und andersrum würden sich andere Frauen rechtfertigen, wenn sie neben den Kindern arbeiten. „Dabei nützt es niemandem, wenn die Mutter fünf Jahre todunglücklich zu Hause sitzt“, sagt sie.

Juliane Scheel wünscht sich Solidarität unter Frauen, Respekt für die Entscheidung der anderen. „Ich weiß nicht, ob kitafrei das Beste ist, ich weiß nur, dass es für mich passt.“ Sie sitzt mit gekreuzten Beinen am Rande des Sandkastens. Ihre Kinder toben nackt auf der anderen Seite des Spielplatzes.

Man kommt schnell mit Juliane Scheel ins Gespräch, übers Stillen, Impfen, die hohen Mieten. Sie wohnen schon lange am Platz, bevor im Kiez die Porsches parkten, in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung mit zwei Kindern. Das Geld ist knapp, ihr Mann, ein Fahrradmechaniker, verdient nicht viel. Sie kaufen bio, verzichten sonst aber auf vieles, Urlaub, Auto, teure Klamotten. Trotzdem, sagt sie, fühle sie sich so frei wie nie zuvor in ihrem Leben. Frei, sich treiben zu lassen, jede Entwicklung der Kinder mitzubekommen, die ersten Schritte, das erste Wort.

Wer passt sich wem an?

Sie blinzelt in die Sonne, ihre Kinder behält sie im Blick, greift aber nicht ein. Der Alltag als Vollzeit-Mutter kann hart sein, vor allem im langen Berliner Winter, wenn man nicht in den Park oder ins Freibad gehen kann. Mit Gleichgesinnten wollte Juliane Scheel einen Raum mieten, aber das kam nicht zustande, weil die Eltern es nicht geschafft haben, sich zu organisieren. Termine wurden von den Eltern immer wieder abgesagt, weil das Kind mal Mittagsschlaf machte, weil das Kind mal keinen Mittagsschlaf machte, bis sie aufgaben. „Mich hat das enttäuscht“, sagt Scheel. Es klingt so, als ob sie ihre Mitstreiterinnen und deren Bereitschaft, eigene Interessen zugunsten des Kindes aufzugeben, nicht immer versteht.

Als ihr Sohn drei war, hat Juliane Scheel erwogen, ihn stundenweise in eine Kita zu geben. Sie haben gemeinsam die Einrichtung besucht, es lief alles gut, Janosch verstand sich gut mit den Kindern, er spielte mit den anderen, er hätte wohl auch einen Platz haben können. Aber am Ende wollte er nicht, sagt seine Mutter. Es sei ihm zu laut und zu voll gewesen.

So sieht der Fortschritt manchmal aus: Früher entschied der Ehemann, dass eine Frau zu Hause blieb, heute offenbar die Kinder. Das eine war reaktionär, das andere gilt heute als emanzipatorisch

Tagesablauf auf Kinder ausgerichtet

Wer passt sich wem an? Wie viel Freiheit gibt man auf? Das sind Fragen, die sich alle Eltern am Anfang stellen. Alle suchen, experimentieren. Die Kitafrei-Mütter sind dabei nur radikaler als andere, sie sind noch mehr als andere bereit, für die eigenen Kinder Opfer zu bringen, sich als Mutter zu optimieren. Immer in der Hoffnung, dass sie damit dem großen Glück ein wenig näher rücken.

Melanie Wittwer steht auf dem Spielplatz, ihr Sohn im Tragesack wird langsam unruhig. Das Baby hat sie allein entbunden, nur ihr Mann war dabei. Die Hebamme kam zu spät, erzählt sie. Und es hört sich an, als sei ihr das nicht so unrecht gewesen. Schon während der Schwangerschaft hat sie einen Bogen um die Schulmedizin gemacht. „Frauen brauchen zum Gebären eigentlich keine Hilfe“, sagt sie. Ihr Tagesablauf ist auf die Kinder ausgerichtet, sie geben den Rhythmus vor, der vier Jahre alte Sohn bestimmt, ob die Familie einen Ausflug macht oder zu Hause bleibt. Er entscheidet, ob und wann er Mittagsschlaf macht und wann er abends ins Bett geht. Derzeit wird es oft elf.

Ist nicht die Gefahr groß, dass man sich zum Wohle des Kindes bis zur Erschöpfung ausbeutet? Melanie Wittwer wippt mit dem Körper vor und zurück, um das Baby zu beruhigen. Ihre Antwort klingt etwas allgemein: „Klar, man muss aufpassen, dass man nach einer Weile nicht auf dem Zahnfleisch geht“, sagt sie. Bevor das zweite Kind kam, sei sie regelmäßig zum Yoga gegangen oder habe Freundinnen getroffen.

Die neuen Hausfrauen sind diszipliniert, selbst in der Erschöpfung

Im Netz gab es eine Diskussion über Mütter, die lange zu Hause bleiben. „Wer zu lange aussteigt, handelt unverantwortlich“, schrieb die Bloggerin Eva Dorothee Schmid. So drastisch würde es die Lüneburger Finanzexpertin Annette Mücke nicht sagen. Mücke, die selber drei Kinder großgezogen hat, berät seit vielen Jahren ausschließlich Frauen bei der Altersvorsorge, hält Lehrveranstaltungen und gibt Workshops zum Thema. Sie hat festgestellt, dass es vor allem bei jungen Frauen eine Sehnsucht nach der traditionellen Mutterrolle gibt. „Wenn man das will, sollte man sich gut und gemeinsam mit dem Partner überlegen, worauf man sich einlässt, denn eine solche Entscheidung wirkt sich über Jahrzehnte aus“, sagt sie. Um die Ausfälle zu kompensieren, sollten die Rentenbeiträge auch während der Auszeit weiter freiwillig gezahlt werden, aus dem Familieneinkommen, rät sie.

Über die Rente machen sich die Kitafrei-Mütter wenig Sorge. „Wenn ich auf dem Sterbebett liege, möchte ich mich nicht darüber ärgern, dass die Kindheit meiner Kinder wie im Flug an mir vorbeigezogen ist, die Rente kann mir sowieso keiner garantieren“, schreibt eine Bloggerin auf 2KindChaos. „Ich bin 36, ich kann in meinem Leben noch genug arbeiten“, sagt Melanie Wittwer. In ihren alten Job will sie nicht zurück, sie hat eine pädagogische Weiterbildung bei der bekannten Erziehungsexpertin Katia Saalfrank („Super Nanny“) besucht, will künftig Kurse für Eltern zur Familienbegleitung anbieten.

Hauptsache, es ist das Beste fürs Kind

Auch für Juliane Scheel vom Helmholtzplatz ist die Rente weit weg. Sie ist in Ost-Berlin aufgewachsen, ihre Mutter verlor nach der Wende ihren Job als Portugiesisch-Übersetzerin. Sie bildete sich weiter, inzwischen arbeitet sie als Coach und Unternehmensberaterin. „Man kann sich auch mit fünfzig neu erfinden“, schlussfolgert die Tochter Juliane. Mit ihrer Mutter rede sie oft darüber, wie man Kinder und Beruf unter einen Hut kriegt. Sie lobt die Vorteile, die es in der DDR für Familien gab, fordert aber auch, dass Mütter, die sich selbst um ihre Kinder kümmern, stärker als bisher vom Staat unterstützt werden sollten. Melanie Wittwer aus Friedrichshain stimmt ihr zu: „Statt Millionen in den Kita-Ausbau zu stecken, sollte das Geld eher den Müttern zugute kommen.“

In wenigen Jahren kommen die Kinder ins Schulalter. Die Mütter haben sich so weit vom Mainstream entfernt, dass sie darüber nachdenken, ihre Kinder nicht in den staatlichen Schulen anzumelden. Dort würden sie nur drauf trainiert, Leistungsnachweise zu bringen, statt Bildung zu erwerben. Wenn Juliane Scheel und Melanie Wittwer von Schulen reden, fallen die Worte „Anpassung“, „Unterwerfung“, „Unterdrückung“. Wittwer sucht nach einer Privatschule, in der sich ihr Sohn optimal entfalten kann. Sie träumt von einer Welt, in der Kinder ganz allein aufwachsen, ohne Pädagogen, die an ihnen herumziehen, ohne Mühen, ohne Anstrengung. Lehrer sollen „Coaches“ oder „Lernbegleiter“ sein. Und falls sie keine private Schule findet, kann sie sich vorstellen, Deutschland zu verlassen. Hauptsache, es ist das Beste fürs Kind.