Es war eine der schwersten Straßenschlachten, die West-Berlin bis dahin und wohl auch danach je erlebt hat: der Kessel vom Nollendorfplatz am 11. Juni 1982. Anlass war der Berlin-Besuch des damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan, der zuvor eine Nato-Konferenz in Bonn besucht hatte und gleich zu Beginn seiner Amtszeit massive Aufrüstungsmaßnahmen angekündigt hatte. Nun wollte er vor dem Schloss Charlottenburg für handverlesene Gäste eine Rede halten.

Er, der ehemalige Schauspieler, ein beinharter Konservativer, der es zum Präsidenten gebracht hatte und Deutschland vor allem als Abschussrampe für US-amerikanische Atomwaffen gen Osten sah. Ganz klar, dass die meisten Studierenden am Otto-Suhr-Institut, so auch ich, das als Provokation sahen, gegen die man zumindest protestieren wollte.

Anti-Reagan Demonstration auf dem Nollendorfplatz war verboten

Aber aus Furcht vor Ausschreitungen hatte der Berliner Senat für den Besuchstag ein stadtweites Demonstrationsverbot verhängt. Eine von der Alternativen Liste für Demokratie und Umweltschutz (AL) – dem Berliner Vorläufer der Grünen – angemeldete Demo am Nollendorfplatz war noch am Vorabend von einem Gericht verboten worden.

Während die Polizei überall in der Stadt kritische Transparente und Parolen entfernte, sprach die AL davon, sich das „Grundrecht auf freie Wahrnehmung des Demonstrationsrechtes nicht nehmen“ zu lassen. Für uns Studenten war ganz klar: jetzt erst recht! Treffpunkt: 10 Uhr am Nollendorfplatz, so wie die ursprüngliche Demo angemeldet war.

Erst kurz zuvor war ich als zukünftige Studentin frisch aus Westdeutschland – wie man damals sagte – im unruhigen Berlin der 1980er Jahre angekommen. Die Hausbesetzerbewegung nahm gerade Fahrt auf, wöchentlich wurden in Kreuzberg, Schöneberg und Charlottenburg heruntergewirtschaftete Gründerzeitbauten durch illegale Besetzungen vor dem Abriss bewahrt.

Wenige Monate zuvor hatten Polizisten bei der vom Hardliner und CDU-Innensenator Heinrich Lummer geplanten und durchgeführten gleichzeitigen Räumung von acht Häusern den Studenten Klaus-Jürgen Rattay in der Potsdamer Straße vor einen BVG-Bus getrieben, der ihn überfahren und getötet hatte. Und waren im Herbst zuvor nicht überall in Deutschland Hunderttausende gegen Aufrüstung auf die Straße gegangen, ganz friedlich? Kurz gesagt: Die Stimmung war aufgebracht und das Demo-Verbot bewirkte bei uns genau das Gegenteil.

Der 11. Juni 1982 begann als schöner Tag

Der 11. Juni 1982 begann mit blauem Himmel, aber es war frisch, als meine Freundin und ich am Nollendorfplatz eintrafen. Um kurz nach acht Uhr war es dort noch ganz leer. Wir saßen gegenüber dem Metropol (heute Goya) und wärmten uns in der Morgensonne. Alle 15 Minuten kamen kleine Gruppen schwarz gekleideter junger Menschen aus dem U-Bahnschacht, die sich in verschiedenen Ecken des unübersichtlichen Ensembles zwischen Kleiststraße, Bülowstraße, Maaßenstraße und Hochbahn sammelten.

Die U-Bahnstrecke war seinerzeit stillgelegt und im U-Bahnhof Nollendorfplatz befand sich der „Berliner Flohmarkt“, ein Trödelmarkt, bei dem in alten U-Bahn-Wagen Krimskrams verkauft wurde. Selbstverständlich waren wir nie dort, das war ja nur was für Touristen.

Auch wir trugen Schwarz, es war die absolute Modefarbe, die Uniform für Studierende und keineswegs nur die der radikalen Straßenkämpfer, des Schwarzen Blocks eben. Seltsam, dass ich mich genau an die Kleidung erinnere, die ich an diesem Tag anhatte, wahrscheinlich, weil ich später merken sollte, wie nackt und ungeschützt ich in der dünnen Jacke und den Badelatschen war.

In meiner Umhängetasche hatte ich zwei Zitronenhälften und Geschirrhandtücher. Angeblich, so konnte man auf Flugblättern im Vorfeld lesen, sollte eine Maske mit dem sauren Saft vor den Wirkungen von Tränengas schützen. Um uns aufzuwärmen, gingen wir in die Kneipe, die sich nahe Ecke Bülowstraße befand. Sie hatte erstaunlicherweise geöffnet, vielleicht weil sie auf das große Geschäft hoffte. Im hinteren Teil fanden wir Platz, der Kaffee wurde uns serviert, und bei einigen Zigaretten verquatschten wir uns.

Plötzlich flogen die Steine über unsere Köpfe

Aus dem Grund bekamen wir gar nicht mit, dass die Polizei draußen inzwischen massiv aufgefahren war. Dutzende große Polizeitransporter der Marke Mercedes – Wannen genannt – postierten sich an den Zugangsstraßen, die nun mit Stacheldraht abgeriegelt waren. Die Stimmung der Eingeschlossenen kippte von Polit-Happening zu Aggression.

Schnell war uns klar, dass wir beide naiven Neu-Berlinerinnen völlig fehl am Platze waren. Ja, wir waren empört, neugierig und voller Abenteuerlust. Aber eben keine Straßenkämpfer. Und ja, wir wollten uns nicht an das Verbot halten, aber keine Steine auf Menschen werfen oder uns mit Polizisten prügeln.

Auch anderen ging es so, gemeinsam schoben wir uns Richtung Maaßenstraße vor. Dort wollte die Polizei die Leute bei Vorzeigen des Personalausweises rauslassen. Vor uns staute sich alles, eine Frau begann, hysterisch zu schreien. Und dann flogen plötzlich Steine von hinten über unsere Köpfe hinweg Richtung der Polizisten.

Ich drehte mich um und sah vielleicht zwei Dutzend junger Männer in dicken Lederjacken, sie trugen Motorradhelme und feste Schuhe, manche sogar Handschuhe. Und sie warfen Steine – in unsere Richtung! Es war ihnen ganz egal, dass wir Mitdemonstranten auch dort standen, dass uns vollkommen Ungeschützte die scharfkantigen Pflastersteine in den Rücken trafen, auf die Schultern knallten.

Die Schlacht vom Nollendorfplatz begann

Die Polizisten klappten die Visiere runter, hoben ihre Schilder und Schlagstöcke. Panik brach aus. Wir drängten zurück auf den Platz, versuchten, uns zurück in die Kneipe zu retten. Das gelang nur, weil uns die Bedienung am Eingang wiedererkannte und widerwillig einließ. Auf dem Platz begann die Schlacht. Durch die großen Scheiben beobachten wir das Geschehen.

Die Lederjackentypen gruben immer mehr Steine aus und warfen sie in koordinierten Angriffen auf die Polizisten und ihre Autos. Die Beamten, gut ausgerüstet und in schwerer Montur, gingen auch nicht zimperlich vor. Mehrmals rasten Wannen über den Platz, der immer noch voller Menschen war. Alle rannten, die Polizisten hinterher. Wasserwerfer spritzen Menschen um. Tränengasschwaden, Rauch, Blaulicht, Geschrei.

Als wir uns später hinauswagten, sah ich an der Ecke Bülowstraße eine brennende Wanne, das große Auto war auf die Seite gekippt, niemand löschte es. Das Möbelgeschäft am Platz war komplett demoliert, die Schaufensterscheiben zerschlagen, kaputte Einrichtungsgegenstände lagen auf der Straße, teils zu brennenden Barrikaden aufgehäuft. Schwarzer Rauch wirbelte herum. Wo waren die Polizisten?

Sirenengeheul war überall  zu hören, aber wir sahen keine Uniformierten. Dafür war der Weg zur Bülowstraße frei, wir rannten um die Trümmerteile herum, kehrten auf der anderen Straßenseite um und schlugen uns abseits der großen Straßen zum Wittenbergplatz durch.

Schöneberg im Ausnahmezustand

Dort saßen wir dann viele Stunden in einem Café, immer wieder kamen Leute vorbei, die noch zum Schloss Charlottenburg wollten. Sie erzählten uns, was ihnen am Nollendorfplatz passiert war: Geschichten von gegenseitigen Verfolgungsjagden, von brennenden Barrikaden, von Polizisten, die vor Straßenkämpfern flüchteten, von Unschuldigen, die stattdessen den Frust der Beamten abbekamen.

Besonders hart ging es demnach rund um den Winterfeldtplatz zu. Dort wurden Fliehende von Polizisten sogar in Hauseingänge verfolgt und übel verprügelt. Bis spät in die Nacht riss das Sirenengeheul nicht ab, Schöneberg Nord war im Ausnahmezustand.

Ronald Reagan hatte von alledem nichts mitbekommen. Nach seiner Rede flog er mit dem Hubschrauber über das Geschehen hinweg zurück zum Flughafen Tempelhof und verließ Berlin noch am selben Tag.