Groß Briesen - Es ist eine bunte Mischung von Frauen, die sich an einem kalten Morgen im Januar trifft: Die eine arbeitet in einer Behinderteneinrichtung, die andere bei der Bundeswehr, die dritte in einem Hotel an der Rezeption; die nächste verkauft Autos, die übernächste hat mit Sprengstoffspürhunden zu tun, die sechste managt Kulturprojekte bei einer politischen Stiftung. Ob lackierte Fingernägel, dezentes Unterlippenpiercing oder bunte Wollsocken – eines haben all diese Frauen gemeinsam: Sie haben Stress, zu viel Stress. Nicht an diesem Morgen, sondern generell, vor allem bei der Arbeit. Und weil sie nicht wollen, dass die Belastung sie krank macht, sind sie nach Brandenburg gekommen, nach Groß Briesen, ein Dorf bei Bad Belzig, in dem es mehr Ponys als Einwohner gibt.

Geritten wird nicht

Eben wegen dieser Tiere sind die Frauen hier. Sie sollen ihnen helfen, besser mit dem Druck im Job zurechtzukommen. Sie haben den Bildungsurlaub „Stressbewältigung und Burnout-Prophylaxe“ gebucht. Das Besondere: Jeden Tag gibt es Übungen mit Pferden. Geritten wird nicht, es geht ums Beobachten, Anfassen, Führen.

Acht Kilometer sind es von der A2-Ausfahrt Wollin nach Groß Briesen. Wenn man auf der schmalen, kurvigen Straße den Wald verlässt, sieht man noch vor den ersten Häusern Koppeln. Mehr als 200 Islandpferde leben in großen Herden auf den Weiden. Die robusten, wegen ihres ausgeglichenen Charakters geschätzten Tiere stehen meist dicht an dicht in Gruppen zusammen.

Die Wahl des Pferdes

Am ersten Tag mussten sich die Frauen entscheiden, mit welchem der Pferde sie die Woche verbringen wollen. Die kleine Weiße mit dem sanften Blick? Oder lieber die kräftige Rappstute? Chelsea, 43, beispielsweise gefiel Prekari, das jüngste, noch etwas verspielte Pferd. „Ich habe es gern etwas lockerer, lieber Spaß als Hierarchie“, sagt Chelsea, die als Führungskraft in einer Behinderteneinrichtung arbeitet. Die Fragen, warum man sich für ein bestimmtes Tier entschieden hat und was das über einen aussagt, werden zu Beginn des Seminars behandelt. Selbstreflektion ist hier wichtig.

An diesem Tag – dem zweiten von fünf – holt die Gruppe gleich morgens ihre Pferde von der Koppel. Kursleiterin Stephanie Ostendorf, 48, hilft den Teilnehmerinnen, die richtigen Tiere aus der Herde zu fangen. Ostendorf hat sich mit Kleidung im Zwiebellook gegen das Wetter gewappnet, ein Stirnband hält ihre Rastalocken aus dem Gesicht. Vor gut vier Jahren hat sie sich mit Kursen zum Kompetenz- und Persönlichkeitstraining mit Pferden selbstständig gemacht. Ihre Seminare heißen „Motivieren und Anleiten“ und „Wer ist hier der Boss?“. Oder eben „Stressbewältigung und Burnout-Prophylaxe“.

Auf dem Reitplatz erklärt Stephanie Ostendorf – Berlinerin, pferdeerfahren seit Kindertagen, Fachübungsleiterin im Voltigieren und Diplompädagogin mit Zusatzausbildung in Psychomotorik – die erste Übung. Es geht darum, das Pferd zu führen, von der rechten und der linken Seite, erst auf Kopf-, dann auf Schulterhöhe des Tieres, und dabei zu beobachten, wie es reagiert: Hält es Schritt? Stürmt es voran? Zockelt es hinterher? Bleibt es stehen?

„Pferde durchschauen uns in kürzester Zeit“

Wie die Übung klappt, hänge von der Autorität des Menschen ab, sagt die Kursleiterin. „Pferde durchschauen uns in kürzester Zeit. Sie spiegeln uns so, wie wir sind, nicht wie wir sein wollen.“ Im besten Fall würden die Kursteilnehmerinnen anhand der Pferdereaktion Verhaltensweisen identifizieren, die im Arbeitsalltag zu Konflikten und damit zu Stress führen – zu unentschiedenes, zu autoritäres, zu selbstgefälliges Auftreten etwa.

Deutlicher wird das bei der nächsten Übung: Die Frauen sollen ihr Pferd dazu bewegen, einige Schritte rückwärts zu gehen. „Ihr wollt von den Pferden den Platz, den sie vorher eingenommen haben. Sie müssen euch weichen. Da geht es um Respekt.“ Bei Karin, 49, und Yria klappt das zunächst nicht, das Pferd geht nicht rückwärts. Eine andere Seminarteilnehmerin probiert ihr Glück mit der braunen Stute, problemlos macht das Pferd ein paar Schritte rückwärts. „Wenn es bei anderen klappt, dann muss es wohl an mir liegen, dass es nicht funktioniert hat“, sagt Karin, die Kulturprojektmanagerin ist. Beim zweiten Versuch geht sie entschlossener zur Sache. Yria weicht zurück. „Beim ersten Mal war ich wohl zu zögerlich“, sagt Karin. Ein solches Feedback in einem geschützten Raum zu bekommen, sei sehr hilfreich, am Arbeitsplatz wie fürs Privatleben, sagt sie. „Es ist irre, was man über sich lernt.“

Karin hat wie die meisten Seminarteilnehmerinnen Erfahrung mit Pferden, als Jugendliche ist sie geritten. Doch nötig sind solche Vorkenntnisse nicht, sagt Stephanie Ostendorf. Claudia etwa hatte noch nie mit Pferden zu tun. „Aber mir macht das hier viel Spaß“, sagt die Frau, die mit 31 Jahren zu den Jüngsten zählt. Sie hat nach einem Burnout ihren Job in der Gastronomie aufgegeben und ist ins Hotelfach gewechselt. Ihre neue Vorgesetzte registrierte, dass sie oft länger arbeitete, als sie müsste, und dass sie dazu neigt, sich für die Arbeit zu verausgaben. Vermutlich habe ihre Chefin ihr deshalb diesen Bildungsurlaub geschenkt, erzählt Claudia. Ein nicht ganz billiges Präsent: 590 Euro kostet das Seminar inklusive Übernachtung und Verpflegung.

Alpha-Tier gegen Alpha-Tier

Gabriele, die Ende 50 ist, sorgte sich etwas, als sie ihren Antrag auf Bildungsurlaub für das Anti-Stress-Seminar mit Pferd einreichte. Ob ihre Vorgesetzten an ihrer Leistungsfähigkeit zweifeln würden? Ob ihre Kollegen sie belächeln würden? Doch das Gegenteil war der Fall, erzählt Gabriele, die bei der Bundeswehr arbeitet. Zudem stellte sich heraus, dass auch andere Kollegen schon solche Seminare besucht haben. Wenn sie zurück ist, will sie offensiv für Bildungsurlaub dieser Art werben.

Als Gabriele mit ihrem Pferd loslaufen will, bekommt sie den Dickkopf der Stute zu spüren. Die in kräftige Farben gekleidete Frau zerrt am Strick, doch das Pferd denkt nicht daran, vorwärts zu laufen. „Mit der Strategie ‚Ich Chef, du nichts‘ kommst du bei ihr nicht weit, sie ist ein Alphatier“, sagt Stephanie Ostendorf. „Versuch es mal kooperativ. Und vergiss nicht zu loben, wenn es klappt.“

Doch was nutzt diese Kommunikationsstrategie, wenn der Chef mit einer Zusatzaufgabe um die Ecke kommt und schon die bisherige Arbeit zu viel ist? Der Appell zum Miteinander mag Führungskräfte hier und da eleganter ans Ziel gelangen lassen. Taugt er auch für Untergebene?

Es geht um Führungsqualitäten

Jedenfalls passt die Szene zum theoretischen Teil des Tages. Es geht um das Miteinander mit Kollegen und Vorgesetzten – auch eine Quelle von Ärger und Stress. Die Frauen sitzen nun um den Tisch im Seminarraum des Reiterhofs, darauf stehen Thermoskannen und Tassen, darunter schläft der Hund einer Seminarteilnehmerin. Die Frauen haben ihre schlammigen Stiefel im Eingangsbereich ausgezogen. Im Gespräch geht es um Führungsqualitäten.

Pferde eigneten sich in besonderem Maße als Spiegel, auch für Vorgesetzte, erläutert Stephanie Ostendorf. Weil Pferde Fluchttiere seien, würden sie bei jeder Begegnung abchecken, ob ihr menschliches Gegenüber stark und selbstsicher genug sei, um sich ihm im Falle einer Gefahr anzuvertrauen. An der Frage, was einen guten Vorgesetzten ausmache, entspinnt sich eine Diskussion: Wie dominant, wie präsent, wie nachgiebig soll er oder sie sein, damit kein unnötiger Stress aufkommt, damit die Arbeit flutscht und Spaß macht?

Den Frauen tut es merklich gut, sich theoretisch damit auseinanderzusetzen, wie der optimale Chef sein müsste, und von ihren realen Führungskräften zu erzählen. Vermutlich werden sie sich an das Gespräch erinnern, wenn es den nächsten Konflikt oder Ärger gibt. Und wenn sie den Chef schon nicht ändern können, dann entsinnen sie sich vielleicht des Gesprächs und der Tipps der anderen.

Freude sei ein wichtiger Anti-Stress-Faktor, sagt die Kursleiterin, die mit untergeschlagenem Bein auf ihrem Stuhl sitzt. Zum Abschluss fordert sie die Anwesenden auf, sich an die schönsten Momente des Tages zu erinnern. Zwei nennen die Zeit auf dem Reitplatz mit den Übungen. „Die Zeit verging so schnell“, sagt eine Frau. Was auch immer es ist, fährt Stephanie Ostendorf mit der kleinen Mediation fort, jede soll diesen Moment in ein imaginäres Schatzkästchen legen. Das Behältnis könnte dann nach der Rückkehr in den Job eine innere Ressource für stressige Situationen sein.

Ob die Erinnerung an die Stunden auf dem Reitplatz wirklich hilft, wenn die nächste Arbeitsverdichtung droht? Abstand, Erholung und Erkenntnisgewinn bringt so ein Bildungsurlaub in jedem Fall.