Sie hängt an Laternen, prangt an Hauswänden und Baugerüsten oder grüßt von Bildschirmtafeln: Werbung ist überall in der Stadt. Entkommen kann man ihr kaum. Eine Berliner Initiative will dies nicht länger hinnehmen. 40 junge Leute, alle zwischen 25 und 35 Jahre alt, gründeten das „Amt für Werbefreiheit und gutes Leben“. Mitinitiatorin Sandra Franz sagt: „Wir wollen, dass Werbung auf Straßen und Plätzen verboten wird.“ Denn sie nerve, manipuliere und erzeuge einen ungesunden Konsumdruck: „Es geht um unsere Zukunft und darum, inwieweit der öffentliche Raum an die Industrie verkauft wird.“ Alle Verträge mit Werbefirmen sollten aufgelöst werden.

Begonnen werden soll in Friedrichshain-Kreuzberg. Sandra Franz: „Der Bezirk ist mutig und geht gesellschaftliche Probleme offensiv an.“ Exakt 1 007 Unterstützer-Unterschriften für ein Werbeverbot kamen im Bezirk zusammen – die Hürde für einen Einwohnerantrag in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) war genommen. Für einen solchen Antrag sind laut Gesetz exakt 1 000 Unterschriften erforderlich. Innerhalb von zwei Monaten muss sich die BVV damit beschäftigen. Derzeit wird in mehreren Ausschüssen diskutiert, im Dezember soll die BVV abstimmen.

Interessant, aber unrealistisch

Wie dieses Votum ausgeht, lässt sich natürlich nicht vorhersagen. Aber die Skepsis überwiegt. Selbst bei den Grünen, denen stets nachgesagt wird, dass sie Menschen gern bevormunden. Fraktionssprecher Jonas Schemmel findet die Idee eines Werbeverbots zwar interessant, aber unrealistisch. Ähnlich äußert sich SPD-Fraktionschef Andy Hehmke. Manche Werbung, sagen beide, sei vom Senat mit Firmen wie Wall vereinbart worden, darauf habe der Bezirk gar keinen Einfluss. Und wo er selbst bestimmen kann, geht es um viel Geld. 180 000 Euro bekommt der Bezirk jährlich von der Firma Stroer, die so den Betrieb der Brunnen bezahlt. Mit weiteren 60 000 Euro werden die 35 öffentlichen Toiletten in Schuss gehalten. Im Gegenzug darf Stroer vier große Werbetafeln aufstellen.

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Friedrichshain-Kreuzberg könne nicht alle Probleme dieser Welt lösen, lautet der Tenor in der BVV. Finanzstadträtin Jana Borkamp (Grüne) bringt es auf den Punkt: „Das Thema verdient eine Debatte, aber wenn wir dieses Geld nicht mehr haben, müssen wir andere Leistungen einstellen.“