Berlin - Wer in diesen Tagen die Internetseite der Friedenauer Gemeinschaftsschule aufruft, stößt dort auf einen antisemitischen Vorfall, der mittlerweile einige Folgen nach sich gezogen hat. Ein Schüler habe nach Beleidigungen und tätlichen Angriffen die Schule verlassen, ist dort zu lesen.

Die Täter würden der Schule verwiesen. Ein entsprechender Antrag bei der Schulaufsicht sei bereits gestellt worden, teilte der Schulleiter in einem offenen Brief auf der eigenen Homepage mit. „Wir hoffen, dass der betroffene Schüler sich von seinem Schock und seinen Diskriminierungserfahrungen erholt und wünschen ihm für den Rest seiner Schullaufbahn, nicht mehr mit solchen Konflikten und Vorfällen konfrontiert zu werden“, so der Schulleiter.

„Juden sind alle Mörder“

Der ursprüngliche Auslöser für all das liegt bereits vier Monate zurück. Betroffen von den antisemitischen Angriffen ist ein 14-jähriger Junge, der mit seinen britischen Eltern nach Berlin gezogen war und seit einiger Zeit die Friedenauer Gemeinschaftsschule besucht.

Zum ersten Diskriminierungsvorfall war es offenbar gekommen, nachdem der Junge seinen Klassenkameraden offenbart hatte, dass er Jude sei. Laut der englischsprachigen Zeitung Jewish Cronicle, die über die Vorfälle berichtet hatte, soll einer seiner Mitschüler darauf hin gesagt haben: „Du bist ein cooler Typ, aber ich kann nicht mit dir befreundet sein, Juden sind alle Mörder.“

Mit der Pistole bedroht

Anfang März sollen den Jungen dann andere Schüler an einer Bushaltestelle angegriffen haben. Er sei gewürgt und mit einer täuschend echt wirkenden Spielzeugpistole bedroht worden sein. Viele Schüler hätten die Szene beobachtet und gelacht. Dem Medienbericht zufolge entschied die Mutter daraufhin, das Kind von der Schule zu nehmen.

Schon vorher hatten die Großeltern des Jungen, die den Holocaust überlebt hatten, in einem Zeitzeugengespräch mit den Klassenkameraden ihres Sohns gesprochen. Die Schule nahm Kontakt auf zu der auf Verständigung zwischen muslimischen und jüdischen Berlinern spezialisierten Neuköllner Salaam-Shalom-Initiative.

Strafanzeigen wurden gestellt

„Antisemitismus in unserer Schule“ – so ist der Brief der Schulleitung auf der Internetseite überschrieben. „Zunächst einmal möchten wir unser Bedauern und Entsetzen kundtun, dass ein Schüler in seinem Schulalltag an unserer Schule Antisemitismus erfahren musste“, heißt es dort. Die Schule sei seit 2016 Teil des Projekts „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“.

Fast achtzig Prozent der Schüler, Elternschaft und Lehrer stünden hinter diesem Programm. Projekte würden entwickelt, um Antisemitismus unter den Schülern etwas entgegen zu setzen. Die Schule hat gegen die am Vorfall beteiligten Schüler Strafanzeige gestellt. Inzwischen hat die Schule auch Kontakt zur Antidiskriminierungsstelle der Senatsverwaltung aufgenommen, um sich Unterstützung zu holen.

Täglich judenfeindliche Vorfälle

Friedenau wurde vor einigen Jahren Schauplatz eines brutalen antisemitischen Übergriffs. Der Rabbiner Daniel Alter war im Jahr 2012 vor den Augen seiner kleinen Tochter von mehreren Jugendlichen zusammen geschlagen worden, nur weil sie ihn als Juden identifiziert hatten. Das American Jewish Committee und der Verein Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus beklagen seit Jahren, dass es in Berlin täglich zu antisemitischen Vorfällen komme. Die Opferberatungsstelle ReachOut zählte im vergangenen Jahr 31 antisemitische Übergriffe.

Laut einer Befragung von Schülern im Auftrag des Bundesinnenministeriums zeigen deutlich mehr muslimische Schüler Vorurteile gegenüber Juden als nicht-muslimische Schüler. Umstritten ist allerdings, dass dies überhaupt etwas mit dem Glauben zu tun hat. Antisemitische Einstellungen bei Heranwachsenden gehen meist auf vorurteilsbeladene Haltungen in ihren Familien zurück. Grundlage dafür ist meist der Nah-Ost-Konflikt. Antisemitische Grundhaltungen vertreten laut einer Langzeit Studie der Uni Bielefeld je nach Fragestellung aber auch 15 bis 30 Prozent der deutschen Bevölkerung.