Erinnerung  an die Opfer von Antisemitismus: Männer jüdischen Glaubens bei einer Gedenkstunde in der Synagoge Rykestraße.
Foto: AFP/Tobias Schwarz

BerlinBerlin will Schulen stärker im Kampf gegen Antisemitismus unterstützen: An der Gemeinschaftsschule Friedenau sagte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) am Montag, in den Haushaltsverhandlungen sei politische Bildung für sie ein Schwerpunkt gewesen; der Etat dafür soll auf 8,8 Millionen Euro aufgestockt werden. Scheeres sprach von „schrecklichen Beispielen“ für antisemitische Übergriffe in Berlin und verwies auch auf Hetze in den sozialen Netzwerken und Bedrohungen von Menschen, die sich in diesem Bereich engagieren.

„Das zeigt, dass wir hier eine Aufgabe haben und nicht nachlassen dürfen.“ Um dem im Berliner Schulgesetz verankerten Auftrag nachzukommen, Kinder und Jugendliche gegen das nationalsozialistische Weltbild zu immunisieren, will die Senatsverwaltung mit Berliner Bildungsträgern wie dem Verein „Gesicht Zeigen!“ und der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus zusammenarbeiten.

Ein weiteres Projekt stellte Scheeres am Montag in Friedenau vor: „meet2respect“ des Vereins Leadership Berlin. Jeweils ein Imam und ein Rabbiner gehen gemeinsam in Schulen, um mit Schülerinnen und Schülern über Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung zu sprechen. 160 solcher Besuche gab es im Jahr 2019, es sollen noch mehr werden.

Rabbiner Elias Dray (li.) und Imam Ender Cetin.
Foto: leadership berlin – netzwerk

Im Tandem gegen Antisemitismus

Ender Cetin und Elias Dray bilden ein solches interreligiöses Tandem. „In Berlin wird wirklich was getan“, sagte Rabbiner Dray am Montag in Friedenau, „und wir würden uns freuen, wenn auch andere Bundesländer dieses Beispiel übernehmen würden.“ Das Projekt habe auch dazu geführt, dass sich die jüdischen und muslimischen Gemeinschaften in Berlin besser kennen gelernt hätten – die beste Methode, Stereotypen abzubauen. Imam Cetin ergänzte: „Ein Imam kommt mit einem Rabbiner – hört sich erst wie ein Witz an.“ Viele Schülerinnen und Schüler wären aber tatsächlich noch nie bewusst einem Juden begegnet. „Erst durch Kennenlernen kann man anfangen, sich zu respektieren.“

Gemeinsam mit einer jahrgangsübergreifenden Lerngruppe von 19 Schülerinnen und Schülern sprachen Dray und Cetin in der Gemeinschaftsschule Friedenau über Vorurteile gegen verschiedene religiöse Gruppen. Die Frage, welcher von beiden der Rabbiner und welcher der Imam sei, konnten die Schülerinnen und Schüler dank Drays Kopfbedeckung schnell beantworten – auch der Begriff „Kippa“ war bekannt. Die Teenager sollten außerdem einschätzen, wie hoch der Anteil Menschen jüdischen Glaubens an der Weltbevölkerung ist – es sind übrigens 0,2 Prozent. Und darf ein Muslim mit Anders- oder Nichtgläubigen befreundet sein? „So lange unter Freunden Respekt herrscht, muss man nicht auf die Religion schauen“, sagte ein Junge.

Hasserfülltes Grundrauschen

Häufigkeit: Zweimal am Tag werden in Berlin Menschen jüdischen Glaubens angefeindet. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) spricht von einem „antisemitischen Grundrauschen“ in der Stadt.

Tendenz: 404 Vorfälle hat RIAS in der ersten Hälfte des Jahres 2019 registriert. Damit hat sich der starke Anstieg im Jahr 2018, in dem im gleichen Zeitraum 579 Fälle gemeldet wurden, nicht fortgesetzt.

Dunkelziffer: Jedoch werden RIAS zufolge  oft  Fälle nachgemeldet. Auch wird von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen. Seit 2018 haben Polizei, Staatsanwaltschaft und der Justizsenator Antisemitismusbeauftragte.

Auch an Grundschulen soll das Thema angegangen werden: Gemeinsam mit dem Anne-Frank-Zentrum hat die Bildungsverwaltung eine Handreichung entwickelt, die Lehrerinnen und Lehrern helfen soll, mit Kindern altersgerecht über Antisemitismus, aber auch den Alltag von Jüdinnen und Juden zu sprechen. Zu früh ist das nicht: Auch an Berliner Grundschulen kommt es zu antisemitischen Anfeindungen. So hatte 2018 ein Fall an der Paul-Simmel-Grundschule in Tempelhof für Aufsehen gesorgt. Ein jüdisches Mädchen war dort von muslimischen Mitschülern massiv gemobbt und bedroht worden.

Antisemitismus: Gemobbter Schüler in Friedenau

Die Gemeinschaftsschule Friedenau war für die Vorstellung des Konzepts ausgewählt worden, weil es auch dort 2017 zu einem antisemitischen Vorfall gekommen war, der bundesweit für Diskussionen gesorgt hatte. Ein damals 14-jähriger Schüler war nach Angaben seiner Eltern monatelang gemobbt und verprügelt worden, weil er Jude ist. In der Folge hatte er die Schule verlassen. Der Wochenzeitung Jewish Chronicle, die den Fall zuerst aufgegriffen hatte, sagten die Eltern, Schulleitung und Lehrpersonal hätten zu spät auf die Angriffe reagiert.

Zu dem Jungen und seinen Eltern bestehe heute kein Kontakt mehr, sagte Schulleiter Uwe Runkel der Berliner Zeitung. Allerdings kämen seine Großeltern hin und wieder als Zeitzeugen an die Gemeinschaftsschule Friedenau.