Er hatte einige Beulen am Kopf und eine leichte Gehirnerschütterung, doch es geht ihm wieder gut, versichert Shahak Shapira. Der 26-Jährige, geboren in Israel und seit zwölf Jahren in Berlin, wurde in der Neujahrsnacht von sieben jungen Männern am U-Bahnhof Friedrichstraße angegriffen. „Ich habe keine schweren Verletzungen erlitten“, sagt der Art-Director in der Werbe- und Internetbranche. Dennoch hat das, was ihm passiert ist, in deutschen und israelischen Medien großes Aufsehen erregt. Zu Recht.

Tod beim Olympia-Attentat 1972 in München

Denn an Shapiras Beispiel zeigt sich vieles, was schief läuft in Deutschland, und was es heißt, hier als Jude zu leben. Antisemitismus in verschiedenen Facetten ist eine wiederkehrende Erfahrung für ihn und seine Familie: Zur NS-Zeit wurden viele Familienmitglieder in Auschwitz ermordet. 1972, während der Olympischen Spiele in München, töteten palästinensische Terroristen seinen Großvater, den israelischen Sportler Amitzur Shapira. Sein Bruder wurde vor vier Jahren in Sachsen-Anhalt von Rechten attackiert. Und er selbst wurde nun in Berlin Opfer von arabisch- oder türkischstämmigen Tätern.

Zugleich zeigt sein Fall aber auch, wie schwierig es ist, eindeutig zu sagen, wann ein Vorfall als antisemitisch einzustufen ist. Nimmt man nur die Polizeimeldung vom 3.? Januar, wäre er nicht als solcher erkennbar gewesen.

„Volksverhetzende Gesänge – Geschlagen und bespuckt“, unter dieser Schlagzeile hatte die Polizei berichtet, dass sieben Männer in der U-Bahn gegrölt hatten. Ein Mann habe sie aufgefordert, das zu unterlassen und sie mit dem Handy gefilmt. Im Gegenzug griffen sie ihn an. Unklar blieben die Motive der Täter. Waren es Rechte? Betrunkene? Wussten sie, dass ihr Opfer Jude war, oder griffen sie ihn vor allem an, weil er sie filmte? Erst als ein BVG-Sicherheitsmitarbeiter eingeschritten sei, seien die Unbekannten geflohen, schrieb die Polizei.

Schläge auf dem U-Bahnhof Friedrichstraße

Shapira schildert den Vorfall so: Er saß mit fünf Freunden in der U-Bahn zwischen Hallesches Tor und Friedrichstraße, als sieben junge arabisch- oder türkischsprechende Männer „Fuck Israel“ und „Fuck Juden“ sangen. Als zwei Mitfahrende sie aufforderten, damit aufzuhören, hätten die Männer diese bedrängt.

Daraufhin habe er sich eingemischt und die Szene mit seinem Handy gefilmt, erzählt Shapira. Deswegen seien die jungen Männer im Alter zwischen 18 und 22 Jahren auf ihn wütend geworden. Er habe gesagt, dass er Jude sei und aus Israel komme. Wenn sie ein Problem damit hätten, sollten sie mit ihm reden.

Er wisse aber nicht, ob die Täter dies in der aufgeheizten Situation überhaupt mitbekommen hätten. Auf dem U-Bahnhof Friedrichstraße hätten sie ihn dann angegriffen und geschlagen. Seine Freunde zogen ihn zurück in den Zug. Den BVG-Mitarbeiter habe er zwar gesehen, dieser habe ihn aber nicht gerettet.

Nach dem Angriff stellte Shapira Anzeige bei der Polizei. Er könne den Beamten nichts vorwerfen, sagt er. Am Freitag will er erneut zur Polizei gehen. Zurzeit werten die Beamten Videoaufzeichnungen vom Tatort aus. Neue Ermittlungserkenntnisse gebe es aber bisher nicht, hieß es am Mittwoch bei der Polizei.

Shapira gibt derzeit viele Interviews. Gerade wegen seiner Familiengeschichte ist das Interesse an seinem Fall groß. Der Türkische Bund in Berlin und Brandenburg hat den Angriff verurteilt, das American Jewish Committee fordert schnelle Aufklärung.

Keinen Hass auf Muslime schüren

Wichtig ist Shapira bei all dem aber vor allem ein Punkt, betont er am Mittwoch: Sein Fall dürfe nicht missbraucht werden, um Hass auf Muslime zu schüren. Auf seiner Facebookseite hat er eine Grußbotschaft eines Syrers gepostet, der ihm versichert, dass nicht alle jungen Araber so dächten wie die Täter. Außerdem war er am Montag bei der Berliner Demo gegen Islamfeinde. Sein Anliegen: Auf Rassismus darf man nicht mit Gegen-Rassismus reagieren. Er habe zwar wiederholt in der Vergangenheit Probleme gehabt – gerade auch mit jungen Muslimen. Das dürfe man aber nicht verallgemeinern. Islamophobie sei einfach falsch. Auch der Anschlag in Paris ändere für ihn nichts daran, sagt er.

In Berlin fühle er sich nach wie vor wohl, sagt der 26-Jährige. Die Stadt sei noch immer fantastisch und nicht unsicherer für Juden als andere Orte der Welt.

Er würde wieder einschreiten, wenn jemand bedroht wird, sagt Shapira. Er wirkt nicht wie jemand, der Angst hat. Und auf all das öffentliche Interesse an seiner Person reagiert er durchaus mit Humor. Am Mittwoch postete er auf Facebook Bilder von T-Shirts, die er nun angeblich verkaufen möchte. Auf einem steht: „I was attacked by anti-semites and all I got was this lousy T-shirt.“ („Ich wurde von Antisemiten angegriffen, und alles, was ich bekam, war dieses schäbige T-Shirt.“).